Demonstrantinnen halten vor dem Frankfurter Dom eine Banner mit dem Spruch „Der synodale Weg ist lang … der Kurie wird angst und bang“ hoch. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Andreas Arnold)

Debatten über Missbrauch, Sexualmoral und Mitbestimmung

Katholischer Reformprozess "Synodaler Weg": Stuttgarter Stadtdekan Hermes fordert Aufarbeitung

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In Frankfurt diskutieren von Donnerstag an Delegierte des katholischen Reformprozesses "Synodaler Weg". Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes fordert konkrete Ergebnisse ein.

Zwei Wochen nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens treffen diesen Donnerstag Bischöfe, Laien, Priester und Ordensleute zur dritten Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt zusammen. Delegierte des katholischen Reformprozesses diskutieren dabei über Kirchenreformen. Dabei könnten erste Beschlüsse fallen - etwa über den sogenannten Grundtext zu Macht und Gewaltenteilung in der Kirche.

Stadtdekan Hermes erwartet "spannende Sitzung" in Frankfurt

Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes nimmt an dem viertägigen Treffen teil. Er erwartet eine "sehr spannende Sitzung". Es gehe um wichtige Beschlüsse zu erarbeiteten Reform-Konzepten, bei denen auch die Bischöfe Farbe bekennen müssen. Als Delegierter möchte sich Hermes unter anderem für die Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt einsetzen. Im SWR sagte er, oberstes Gebot der Kirche müsse die Nächstenliebe und der Schutz von Schwachen und Gefährdeten sein.

Wer wählt künftig den Bischof?

Inhaltlich geht es um Frauen in der Kirche, Zölibat, Sexualmoral, Umgang mit Homosexualität und vieles mehr. Diskutiert wird zudem die Verfasstheit der deutschen Diözesen: "Es geht nun auch um die Einbeziehung des Kirchenvolkes in die Bestellung von Diözesan-Bischöfen", sagt Hermes. "Und da wird es jetzt tatsächlich spannend: Schaffen wir es ganz in der Tradition der alten Kirche, dass das Kirchenvolk mitbeteiligt wird, dass eben nicht nur der Papst oder Domkapitel Vorschläge machen und entscheiden."

Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes nimmt am Treffen des "Synnodalen Weges" der katholischen Kirche in Frankfurt teil. (Foto: Katholisches Stadtdekanat Stuttgart)
Der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes nimmt am Treffen des "Synnodalen Weges" der katholischen Kirche in Frankfurt teil. Katholisches Stadtdekanat Stuttgart

Verständnis für Austritte aus der katholischen Kirche

Diskutiert wird auch mit Blick auf die teils dramatischen Austrittswellen, die in den letzten Jahren die katholische Kirche in Deutschland erschüttert haben - in Stuttgart waren es alleine diesen Januar 92 Austritte, vor einem Jahr waren es noch halb so viele. "Ich kann die Menschen verstehen, ich hadere ja auch mit meiner Kirche", sagt Dekan Hermes zu der Entwicklung. Zumal die Reformforderungen, die nun in Frankfurt weiter diskutiert werden, Jahrzehnte alt sind.

Missbrauch: Hermes beklagt Empathielosigkeit gegenüber Opfern

Es sei zu lange zu wenig geschehen. "Immer wieder - und dass zeigt München jetzt ja auch - stand der Schutz der Institutionen vor der Aufdeckung und Aufarbeitung der Taten." Bezogen auf das kürzlich veröffentlichte Gutachten beklagt er "die unglaubliche Empathielosigkeit und dieses Desinteresse gegenüber den Opfern". Seine Reaktion darauf sei aber nicht das Abwenden: "Ich trete nicht aus, ich mache weiter, keine Sorge. Und ich stehe dafür ein, dass wir nun wirklich die Reformen hinbekommen." Wenn das nicht klappt, müsse der Staat eingreifen.

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Dekan unterstützt Initiative OutInChurch

Der Stuttgarter Stadtdekan unterstützt zudem die Initiative OutInChurch. Diese hat vor einigen Tagen zu einem gemeinsamen Outing von Katholiken geführt, deren sexuelle Orientierung von der Kirchenlehre nicht akzeptiert wird. "Ich bin froh darüber, dass Menschen in der Kirche zu sich selbst und ihrer Identität stehen und stehen können", sagte Hermes.

"Man hat wirklich den Eindruck, da ist eine Mauer des Schweigens eingestürzt."

Hermes forderte, dass das Dienstrecht auf das Outing hin verändert werden müsste, damit beispielsweise auch queere Menschen für die Kirche arbeiten können. Er warnte zudem vor den Konsequenzen: Sollten die Reformen in dieser Hinsicht ausbleiben, "wird der staatliche Gesetzgeber offensiv in die kirchliche Selbstbestimmung eingreifen müssen".

Aufarbeitung auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurde eine Komission eingesetzt, um die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch voranzubringen. Auch mit Blick darauf erklärte Hermes im SWR-Interview, dass er seinem Bischof Gebhard Fürst vertraue, der ja schon seit 2002 und damit sehr früh eine Aufarbeitung angestoßen habe. "Es hat jetzt eine ganze Weile gedauert, bis diese Kommission gegründet wurde", sagt Hermes. Für ihn ist die Zeit der Debatte vorbei: "Wir wollen nun Taten sehen, jeder wird jetzt daran gemessen, was er tut."

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