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Der Stuttgarter Schauspieler Wolfgang Höper ist tot. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb er schon am Montag an den Folgen einer Corona-Infektion. Höper wurde 87 Jahre alt.

Er galt als einer der Großen der deutschen Theaterszene. 34 Jahre lang stand er auf der Bühne der Staatstheater Stuttgart und war zuletzt das dienstälteste Mitglied im Ensemble. 1976 erhielt er den Ehrentitel "Staatsschauspieler". Sein Publikum erreichte Höper auch außerhalb von Stuttgart: Er gastierte bei den Salzburger Festspielen, übernahm Fernsehrollen, auch im "Tatort", und brachte Literatur ins ganze Land. Mit Lesungen gastierte er in vielen Städten und Gemeinden. Mit seiner Stimme prägte er auch das Radioprogramm des heutigen Südwestrundfunks (SWR). Zuletzt lebte Höper in einem Seniorenzentrum in Leinfelden-Echterdingen im Ortsteil Musberg (Kreis Esslingen).

Als Wolfgang Höper 1997 von der Theaterbühne abtrat, hatte er 224 Rollen in 5.206 Aufführungen hinter sich, alle minutiös festgehalten in einer ledergebundenen Kladde. Höper, ein Nordlicht, das in Schwaben gelandet war: 1933 in Braunschweig geboren, hatte er sein erstes Engagement in
Hildesheim. Dann zog er weiter nach Mannheim, Wiesbaden und Stuttgart, wo er - abgesehen von einer Spielzeit am Düsseldorfer Schauspielhaus - blieb: 34 Jahre lang.

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"Natürlich hatte ich auch zwischendurch immer mal wieder Abwanderungsgelüste", erinnerte sich Höper in einem Interview zu seinem 70. Geburtstag 2003. "Aber dann stellte sich heraus, dass ein neuer Schauspieldirektor kommt - manche kannte ich schon von den Jahren davor - und dann dachte ich, wenn der kommt, kann ich ja bleiben, muss ich ja nicht gehen. Da brachte er ein paar Kollegen mit, die ich auch von früher kannte, und na ja, so hat sich das ergeben. Und als ich es dann wieder gelassen habe, weil jemand kam, sagte ein wohlmeinender Kollege zu mir: 'Ach so, Du lässt wechseln …'"

Egal ob Boulevard oder Klassiker - Höper brillierte

Das Publikum hat Höper geliebt, nicht nur, weil er dank seiner glasklaren Diktion auch in der letzten Reihe noch gut zu verstehen war. Ausgezeichnet mit dem seltenen Titel "Staatsschauspieler" war Höper ein echter Charakterdarsteller, in dessen strahlend blauen Augen oft der Schalk aufblitzte. Boulevard, Klamotte oder Musical spielte er mit dem gleichen Ernst wie Shakespeare, Beckett oder Kleist.

1966 kam Höper nach Stuttgart

Kein anderer Intendant beeinflusste ihn dabei so sehr wie Peter Palitzsch, der ihn 1966 nach Stuttgart holte. "Der hat mir das Rüstzeug gegeben, so wie man sich auf der Bühne verhalten muss", so Höper. "Er nannte es 'analytisches Denken'. Dahinterzukommen, was der Autor gemeint hat, als er seinen Text schrieb. Das muss man ja bei jeder Rolle machen, um seine eigene Meinung zu finden." Um etwa den "Theatermacher" von Thomas Bernhard überzeugend darzustellen - eine seiner Paraderollen:

"Der tritt auf und tritt nicht ab! Der bleibt die ganze Zeit auf der Bühne, und dann ist das Faszinosum an diesem Thomas Bernhard, dass er ja Sätze schreibt und sich so verhält, wie wir das im Leben ja auch machen. Wir wiederholen uns oft im Gespräch, dass wir die Sätze wiederholen so wie ich's eben auch mache. Und natürlich mit anderen Wörtern und so, und das ist schwierig zu lernen. Aber wenn man das erstmal drin hat, dieses System, was er da vorschreibt, dann ist das 'ne wunderbare Sache, wenn man das am Abend so tun kann, als wäre es im Moment geboren."

Höper über den "Theatermacher" von Thomas Bernhard

Beim SWR "die ganze Fantasie in die Stimme" gelegt

Höpers Solo-Stücke wurden zum Triumph. Patrick Süßkinds "Kontrabass" etwa, oder, 2005, die Stuttgarter Wiederaufnahme von Becketts Drama "Das letzte Band", in der Höper den vereinsamten Schriftsteller Krapp spielte. Parallel zum Theater engagierte er sich jahrzehntelang auch beim heutigen SWR. "Ach, das war eine sehr schöne Abwechslung von der Theaterarbeit her, weil da bin ich ja sichtbar auf der Bühne", so Höper dazu. "Hier für den Hörer bin ich unsichtbar, und da muss man die ganze Fantasie in die Stimme legen."

Etwa bei der monatlichen "Schatzsuche" mit Winfried Roesner, einer Rätselsendung aus Musik, Literatur und Kunst. In 17 Jahren, so erinnert sich Roesner, habe Höper kein einziges Mal gefehlt. Eine Aufnahme sei im Stuttgarter Olga-Krankenhaus entstanden, wo Höper damals als Patient lag, für eine andere sei er extra von Dreharbeiten aus Kroatien angereist.

Höper sah im Tod keinen Feind

Mit 50 Jahren spielte Wolfgang Höper die Hauptrolle in Canettis Drama "Die Befristeten". Canetti, den er bei den Proben persönlich kennenlernte, sagte zu ihm, dass der Tod ein Feind sei, den man bekämpfen müsse. Höper widersprach: Für ihn sei der Tod eine Erlösung, wenn er eines Tages da sei: Ob er denn noch als 120-Jähriger auf der Erde rumlaufen solle?

Mit 87 Jahren ist Wolfgang Höper nun friedlich eingeschlafen. Und dem großen Schauspieler selber sei nun das letzte Wort überlassen, mit einem Gedicht von Werner Bergengruen.

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