Gespräch mit dem Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamts

Stefan Ehehalt: "Wir sind noch weit entfernt von unseren Impfzielen"

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Am Mittwoch hat die dritte Impfung gegen Corona begonnen. Wie wichtig ist diese Impfung, wer sollte sie bekommen und wie zufrieden ist das Stuttgarter Gesundheitsamt mit der Impfrate?

Ein Schriftzug weist auf das Gesundheitsamt hin. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
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SWR Moderatorin Martina Klein: Wie sinnvoll ist die dritte Impfung und wer sollte sich nochmal impfen lassen?

Gesundheitsamtsleiter Stefan Ehehalt: Also, die Auffrischung macht tatsächlich Sinn und richtet sich vorwiegend an Menschen, die das 80. Lebensjahr vollendet haben. An Menschen, die pflegebedürftig sind, vulnerable Menschen, an Menschen in Pflegeeinrichtungen, an Pflegebedürftige, die noch einen eigenen Haushalt haben, an Menschen, die eine Immunschwäche haben, und auch - unabhängig vom Alter - an diejenigen, die mit den Vektor-Impfstoffen zweimal geimpft sind. Das ist eine relativ große Gruppe, die ich zahlenmäßig nicht genau beziffern kann.
Der Fokus von uns liegt aber ganz maßgeblich auf den Alten- und Pflegeheimen. Das war die Gruppe, in der wir im letzten Jahr leider sehr viele Todesfälle beklagen mussten. Die Vorbereitungen laufen da auf Hochtouren - bei den Mobilen Impfteams vom Robert-Bosch-Krankenhaus. Und wir sind im engen Kontakt mit den mit dem Pflegeeinrichtungen.

"Die Stuttgarter Impfrate ist immer noch deutlich zu niedrig."

Die Dritt-Impfung ist wichtig. Aber noch viel wichtiger ist, dass sich alle impfen lassen, die zwar impfberechtigt sind, aber noch nicht geimpft. Die Stuttgarter Impfrate ist immer noch deutlich zu niedrig. Ganz aktuell sind 56 Prozent der Stuttgarterinnen und Stuttgarter vollständig geimpft und 59 Prozent haben mindestens eine Impfdosis. Wir wollten ja auf 80 Prozent kommen. Das ist ungefähr die Zahl, die benötigt wird, um einen wirksamen Schutz zu haben, damit die Kapazitäten in der Krankenversorgung ausreichend sind. Und davon sind wir noch deutlich entfernt. Und deswegen der eindringliche Appell an alle, sich impfen zu lassen. Es ist wirklich jetzt absolut notwendig und auch dringend erforderlich!

Klein: Wie erklären Sie sich, dass sich so wenig Menschen in Stuttgart haben impfen lassen?

Ehehalt: Wir haben tatsächlich eine Pandemie der Ungeimpften. Und dabei sind diejenigen, die größere gesundheitliche Probleme bekommen, überwiegend eben diejenigen, die nicht geimpft sind. Es gibt zwei Betrachtungsweisen: Zum einen kann man sagen, 56 Prozent, das sind noch zu wenig. Andererseits haben wir auch bereits 56 Prozent erreicht! Und wir haben wirklich in den letzten Wochen einiges an Anstrengungen unternommen, haben ganz viele mobile Impfkampagnen durchgeführt, die auch sehr gut gelaufen sind.
Und da war erstaunlich, dass wir doch auch einige Menschen erreicht haben, die von Anfang an impfberechtigt waren. Und daran kann man sehen, das vielleicht die Impfzentren nicht für jeden von Anfang an auch gut erreichbar waren.

Was wir aber auch sehen: dass zunehmend Jüngere ab dem Alter von zwölf Jahren in Begleitung ihrer Eltern zu uns kommen und sich impfen lassen. Und Menschen mit Sprachbarrieren. Das zeigt einfach, dass wir uns noch mehr anstrengen und dorthin gehen müssen, wo die Menschen sind, die sich impfen lassen möchten. Und so erstaunlich das ist, weil es sehr intensiv diskutiert wird: Nicht jeder beschäftigt sich so intensiv mit dem Thema. Und wenn man mit der Impfung zu den Menschen kommt, haben wir die Erfahrung, dass sich doch viele noch impfen lassen.

"In den letzten 14 Tagen haben wir eine Verdreifachung der Fallzahlen gesehen."

Klein: Jetzt steigen ja die Corona-Inzidenzwerte wieder an. Die sind nicht mehr so aussagekräftig wie noch vor wenigen Wochen. Der Wert in Stuttgart liegt über 100. Wie sieht es denn die Kontaktnachverfolgung aus?

Ehehalt: Die Fallzahlen nehmen tatsächlich dramatisch zu. In den letzten 14 Tagen haben wir eine Verdreifachung der Fallzahlen gesehen. Die Kontaktnachverfolgung ist natürlich nach wie vor sinnvoll. Und jeder, der positiv getestet ist, wird von uns kontaktiert wird. Wir führen natürlich eine Kontaktpersonennachverfolgung durch. Im engen Familienkreis macht sie absolut Sinn, da sehen wir auch häufig Folgefälle. Es macht absolut Sinn bei größeren Ausbruchsgeschehen und bei Infektionen in Gruppen mit vulnerablen Menschen - Plegeeinrichtungen, Krankenhäuser oder andere. Vor diesem Hintergrund sind wir absolute Befürworter der Kontaktpersonennachverfolgung. Wir sind aber auch dafür, dass man die Nachverfolgung auf diese Gruppen und Anlässe konzentriert.

"Ich erwarte, dass der Anteil der Reiserückkehrer in den kommenden Wochen noch deutlich ansteigt"

Klein: Stichwort Reiserückkehrer. Sehen Sie da eine Gruppe nennt, die man sofort ins Auge fast werden sollte?

Ehehalt: Die Fallzahlen haben sich auch bei den Reiserückkehrer deutlich erhöht. Hier haben wir eine Verdoppelung innerhalb der letzten beiden Wochen. Sie nehmen durchaus einen relevanten Anteil von ungefähr 20 Prozent an allen Fallzahlen an. Man sieht aber, dass natürlich auch andere Übertragungswege eine große Rolle spielen. Das war erwartbar, weil das normale Leben ja in vielen Bereichen mit weniger Einschränkungen wieder aufgenommen wurde. Ich erwarte auch, dass der Anteil der Reiserückkehrer in den kommenden Wochen noch deutlich ansteigt. Zum einen, weil noch einige zum Urlaub sind, und zum zweiten, weil nach den Sommerferien auch die Test-Frequenz wieder steigen wird. Das war im letzten Jahr auch so, dass wir nach Ende der Sommerferien gesehen haben, dass die Reiserückkehrer eine immer größere Rolle spielen.

Klein: Jetzt ist ja eine neue Währung in den Fokus gekommen: die Hospitalisierungsrate. Das heißt, es wird auf die Menschen geschaut, die dann wirklich mit schweren Verläufen im Krankenhaus landen oder sogar auf der Intensivstation. Welche Aussagekraft steckt in dieser Hospitalisierungsrate?

Ehehalt: Das ist nicht ganz unproblematisch. Zum einen, weil das Bettenkontingent, das zur Verfügung steht, keine fixe Zahl ist, sondern variabel. Zum zweiten haben wir dadurch einen gewissen zeitlichen Verzug: Ich infiziere mich, dann dauert es bis zu zwei Wochen, bis ich ins Krankenhaus kommen, weil sich die Erkrankung verschlimmert. Das heißt: Es aus meiner Sicht ein Parameter, der sinnvoll ist, neben anderen Parametern. Ganz wichtig ist natürlich auch die Anzahl der zur Verfügung stehenden Intensivbetten. Aber auch das ist ein relativ später Wert, sodass wir als Gesundheitsbehörde nicht umhinkommen, einen ganzen Strauß von verschiedenen Werten zu beobachten, um dann die tatsächliche Gefährdung der Bevölkerung und die freie Kapazität des Versorgungssystems gut abschätzen zu können.

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