Marjoke Breuning, Vizepräsidentin des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) und Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Christopher Hirsch/dpa)

IHK Region Stuttgart

Noch viele freie Plätze vor dem Start ins Ausbildungsjahr

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Für 7.500 Auszubildende in der Region Stuttgart beginnt am Mittwoch das Berufsleben. Es gibt aber noch viele freie Plätze, sagt die Präsidentin der IHK Region Stuttgart Marjoke Breuning im Interview.

Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge in Baden-Württemberg geht immer weiter zurück. (Foto: IHK Region Stuttgart)
Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge in Baden-Württemberg geht immer weiter zurück. IHK Region Stuttgart

SWR-Moderatorin Martina Klein: Frau Breuning, Sie vertreten 160.000 Unternehmen in der Region Stuttgart. Wie sieht es da mit freien Lehrstellen aus?

IHK-Präsidentin Marjoke Breuning: Wir haben noch zahlreiche, man kann schon sagen mehrere hundert Lehrstellen, die frei sind und noch belegt werden können. Und deshalb sind wir auch sehr daran interessiert, dass sich noch Bewerber - junge Damen, junge Herren - melden, denn momentan stehen die Chancen gut wie nie, noch einen tollen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Kann man das noch ein bisschen spezifizieren? In welchen Branchen sieht es noch besonders gut aus?

Breuning: Momentan ist es so, dass es vor allem in den kaufmännischen Bereichen leere Stellen gibt. Bankkaufmann/Bankkauffrau, Fachinformatikerin, dann Kauffrau/Kaufmann für Büromanagement, aber auch Eisenbahner, zum Beispiel im Betriebsdienst. Es gibt noch vielfältige Angebote und von dem her kann man sich gerne noch ein bisschen austoben und gucken, was es noch gibt für einen persönlich.

Bankkauffrau und Bankkaufmann waren doch über Jahrzehnte sehr gefragt. Wie kommt es, dass es da jetzt noch leere Stellen gibt? Hat das auch etwas mit Corona zu tun?

Breuning: Nur bedingt. Tatsächlich sehen wir einen Umbruch, dass sich die Wirtschaft verändert und dass auch gewisse neue Berufe hinzukommen, wie zum Beispiel Kauffrau/Kaufmann für E-Commerce. Und klassische Berufe sind sowohl vom Angebot als auch von der Nachfrage etwas weniger beliebt. Nichtsdestotrotz gibt es diese freien Stellen eben auch, die besetzt werden können. Und deshalb ist jetzt eine gute Zeit, um hier Gas zu geben.

Gibt es Branchen auch bei der IHK, wo es auch zu Klagen kommt? Die Qualifikation der Bewerber hat nachgelassen...

Breuning: Ja. Generell lässt sich schon sagen, dass die Unternehmen sehr ausbildungswillig sind und fast in gleicher Anzahl auch Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Und auch bezüglich der Kompetenzen der Bewerber geht man dann durchaus Kompromisse ein und guckt, dass man sich flexibel zeigt seitens der Unternehmen, um auch die Lehrstellen besetzen zu können.

"Auch junge Menschen, die einen Hauptschulabschluss haben, haben auf dem Lehrstellenmarkt eine große Chance."

Das heißt also: Mit einem guten Hauptschulabschluss habe ich auch auf dem Lehrstellenmarkt 2021 eine Chance? Oder brauche ich mindestens die Realschulreife?

Breuning: Nein, auch junge Menschen, die einen Hauptschulabschluss haben, haben auf dem Lehrstellenmarkt eine große Chance. Man muss sich natürlich auch ein bisschen umschauen und überlegen, was ist der richtige Lehrberuf für mich. Und dann wird man dort auch viele verschiedene freie Ausbildungsstellen finden können.

"Die Chancen stehen so gut wie nie, jetzt noch einen passenden Ausbildungsplatz zu finden."

Wie werben Sie um die jungen Leute, sind es die klassischen Wege oder gehen Sie auch neue Wege, um Interessenten anzusprechen?

Breuning: Wir gehen natürlich auch in die neuen Medien. Wir hatten 2020 eine ganz große Ausbildungskampagne baden-württembergweit, die ausschließlich über die sozialen Medien gegangen ist. Die wurde 2021 erfolgreich fortgesetzt. Wir wollen ja auch die jungen Leute dort abholen, wo sie sind. Wegen Corona haben allerdings viele Messen nicht stattgefunden. Also berufsbezogene Messen konnten 2021 nicht wie gehabt stattfinden. Und auch die ein oder anderen Praktika in den Unternehmen konnten so nicht stattfinden. Aber das Bild hat sich jetzt ja wieder etwas gewandelt. 2022 wird tatsächlich wieder quasi mit vollem Rohr geschossen. Nichtsdestotrotz ist jeder Einzelne aufgerufen, sich vielleicht etwas mehr zu bemühen. Und die Chancen stehen so gut wie nie, jetzt noch einen passenden Ausbildungsplatz zu finden.

Am 1. September beginnt das neue Ausbildungsjahr. Frau Breuning, hat es noch Sinn, wenn ich jetzt noch auf den letzten Drücker meine Bewerbung wegschicke?

Breuning: Ja, wir können sagen, dass noch etwas Zeit ist. Natürlich ist der Ausbildungsstart für viele der 1.9. Aber viele Unternehmen sind durchaus bereit, im Laufe von September oder Oktober/November noch zu schauen, ob man noch passgenaue Bewerber findet, so dass man tatsächlich auch mit einem etwas verzögerten Ausbildungsstart auch in das neue Ausbildungsjahr einsteigen kann.

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