Interview mit medizinischem Leiter des Robert-Bosch-Krankenhauses

Dritte Corona-Impfung: "Wäre gut, im August oder September zu beginnen"

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Seit zwei Tagen liegen Studiendaten vor, die Aussagen über eine dritte Corona-Impfung machen. Der medizinische Leiter des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart hält eine dritte Impfung bei bestimmten Personengruppen für sinnvoll. SWR-Moderatorin Ute Weber hat mit ihm darüber gesprochen.

SWR-Moderatorin Ute Weber: Herr Alscher, finden Sie, dass es eine dritte Impfung wirklich schon so schnell nötig sein wird?

Mark Dominik Alscher: Ja, es ist tatsächlich so, dass weltweit beobachtet wird, dass der Impfschutz im zeitlichen Abstand zu den ersten beiden Impfungen nachlässt. Die Empfehlung beziehungsweise was man vermutet ist, dass man nach sechs bis zwölf Monaten eventuell eine Auffrischungsimpfung braucht. Diese Diskussion war bisher eher hypothetisch, weil noch keine Studienergebnisse vorlagen. Seit zwei Tagen gibt es aber Daten von Mitarbeitern des Gesundheitswesens, wo man sieht, dass gerade mit der Delta-Variante auch bei Geimpften Neuinfektionen auftreten können. Die sind meistens harmlos, aber die können es dann eben übertragen. Und wenn man dann bei diesen Menschen nachschaut, dann haben die einen deutlich niedrigeren Antikörpertiter wie die, die es nicht übertragen. Das heißt, wenn ich jetzt wirklich auf Dauer, gerade im Gesundheitswesen, oder eben bei gefährdeten Menschen, den Impfschutz aufrechterhalten will, gibt es zunehmend doch Argumente, dass eine dritte Impfung notwendig werden kann. Beim Zeitraum sagen die Hersteller sechs bis zwölf Monate. Es ist aber nicht sehr genau vorhersehbar. Es kann sein, wenn man die Sicherheit mehr Richtung hundert Prozent haben will, müsste man das früher machen. Wenn man sagt, wenn das ein paar übertragen, ist es nicht risikoreich. Erst muss man erstmal alle anderen impfen, dann wird man sagen, eine dritte Impfung reicht nach neun bis zwölf Monaten. Das ist noch nicht sicher. Eine ganz gute Empfehlung kann man noch nicht aussprechen. Aber es verdichten sich die Hinweise, dass eine dritte Impfung sinnvoll sein kann.

SWR: Sie haben jetzt Menschen im Gesundheitswesen angesprochen, auch Menschen, die älter sind. Haben Sie denn schon Pläne, wie das für die Region Stuttgart organisiert werden soll? Derzeit werden die Impfzentren mit den mobilen Impfteams, die einst die Heime besucht haben, ja eher geschlossen...

Alscher: Vielleicht muss ich noch mal auf die zu impfenden Gruppen eingehen, speziell auch noch einmal auf eine weitere Gruppe. Es gibt eine gute Arbeit, auch seit vier Wochen veröffentlicht, und zwar sind es Menschen nach Organtransplantationen, die nach zwei Impfungen einfach keinen ausreichenden Antikörpertiter haben und mit einer dritten Impfung haben sie einen deutlich höheren. Auch diese Gruppe muss man also miterwähnen. Und wenn wir das jetzt tatsächlich so umsetzen würden: Im Moment ist es so, dass wir ja keine offizielle Freigabe dazu haben. Es heißt, wir sondieren, wir lesen die Evidenzen, und wir als Impfzentrum - wir sind treuhänderisch für das Ministerium tätig - werden nicht selbständig das entscheidenden und festlegen. Da ist ein niedergelassener Arzt in einer anderen Freiheit drin. Das heißt, solange wir keine offizielle Empfehlung oder Freigabe haben, werden wir das nicht umsetzen.

SWR: Noch zur Impfbereitschaft: Wie groß ist die im Moment?

Alscher: Wenn Sie heute in unserer Impfzentrum gehen, können Sie von 7 Uhr bis 21 Uhr kommen, ohne Termin, und werden sofort geimpft. Es gibt keine Warteschlangen. Wir impfen in unserem Impfzentrum, wenn es hochkommt, mal tausend Menschen, eher weniger und wir könnten bis zu 3.000 Menschen pro Tag impfen. Im Moment ist es kein Problem der Kapazitäten, kein Problem des Impfstoffs. Wir haben eher Überkapazitäten.

SWR: BW-Gesundheitsminister Lucha (Grüne) sagt, er hätte gerne die Auffrischungsimpfungen ab September. Was glauben Sie, wie viel Zeit bleibt, bis die Zahlen wieder möglicherweise hochschießen?

Alscher: Also persönlich würde ich mir wünschen könnten, wir könnten ab sofort loslegen - weil wir dieses Gemisch sehen, was auf uns zukommt. Was wir erleben werden ist: Wir haben jetzt viele Urlaubsrückkehrer, die noch nicht geimpft sind. Die können alle potenziell das Ausbruchsgeschehen treiben. Wir haben die Delta-Variante, die sich durchgesetzt hat. Wir haben weiterhin eben nicht die 85 bis 90 Prozent Geimpften, sondern sind irgendwo bei einer Quote von etwas über 50 Prozent. Und bei der Delta-Variante zählt nur der zweifach Geimpfte. Also haben wir noch einen großen Teil der Bevölkerung, der sich infizieren kann. Und jetzt kommt dazu: Gerade die Älteren wurden ja schon im Dezember oder Januar geimpft, bei einem Teil dieser älteren Menschen wird der Impfschutz nachlassen. Und deswegen glauben wir, dass jetzt der Zeitpunkt wäre, hier in die Planung zu gehen und in die Umsetzung. September ist ein guter Zeitpunkt. Besser wäre, wenn man schon ab Mitte August impfen könnten.

SWR: Und wenn das so nicht passiert, was ist dann?

Alscher: Dann wird viel davon abhängen, wie sich dieser jetzt verbliebene, knapp 50 prozentige Anteil der Bevölkerung hinsichtlich einer Impfung entscheidet. Wir werden eine vierte Welle sehen. Die Zahlen werden ansteigen. Wenn wir es schaffen, noch deutlich mehr zu impfen, könnte die Welle nicht ganz so groß werden. Aber meine Sorge ist, dass wir hier wieder doch eine erhebliche Belastung sehen werden. Und dazu kommt ja noch eins: Wir werden jetzt auch die anderen Probleme wieder sehen wie Influenza, die Grippe. Die haben wir ja vor einem Jahr wegen diesen harten Lockdown-Maßnahmen gar nicht gesehen. Die Politik sagt jetzt, es wird keinen Lockdown mehr geben. Also werden wir auch die anderen Infektionskrankheiten wieder vermehrt sehen. Und das könnte schon zu einer Belastung des Gesundheitssystems führen.

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