Saskia Rieger im Gespräch (Foto: SWR)

Entscheidung gegen Kinder

Sterilisation mit 27: Frauenärztin schickte Saskia Rieger weg

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Siri Warrlich
Profilbild von Siri (Foto: SWR DASDING)

Saskia Rieger aus Winnenden ist schon lange klar, dass sie keine Kinder möchte. Sie wollte sich sterilisieren lassen. Doch ihre Frauenärztin lehnte die OP ab - kein Einzelfall.

Immer wieder berichten Frauen, dass sie mit ihrem Wunsch nach einer Sterilisation auf Unverständnis stoßen. So ging es auch Saskia Rieger aus Winnenden (Rems-Murr-Kreis).

Saskia Rieger ließ sich sterilisieren

Rieger möchte selbst über ihren Körper bestimmen. Was sie erlebt hat, verärgert die inzwischen 28-Jährige.

"Wieso kann ich als erwachsener Mensch mit Ende 20 nicht sagen, dass ich keine Kinder möchte? Wenn ich im gleichen Alter sage, ich bin schwanger, gratuliert mir jeder - obwohl das genauso eine Entscheidung für das ganze Leben ist."

Ein Abend im August in Riegers Wohnung in Winnenden: Mit ihrem Freund Sascha Somiesky sitzt Rieger im Wohnzimmer und blättert durch ein Fotoalbum. In dem Buch haben die beiden Bilder einer Tour durch Korfu gesammelt, im September 2021 war das. Reisen und Fotografie sind die gemeinsamen Hobbies des Paars. Dieses Jahr waren sie schon in Kalabrien und Zürich, im Herbst ist ein Roadtrip durch Marokko geplant.

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Ohne Kinder glücklich

"Das Reisen spielt für mich eine total große Rolle", sagt Saskia Rieger. "Meine Freiheit und Flexibilität möchte ich mir langfristig nicht nehmen lassen." Auch ihr Job im Vertrieb einer Unternehmensberatung ist der 28-Jährigen wichtig.

"Ich glaube, mit Kind könnte ich gar nicht Vollzeit arbeiten."

Rieger zählt Verpflichtungen auf, die sie mit Kindern verbindet: den Nachwuchs für die Schule fertig machen, Mittagessen, Schulaufgaben, die Kleinen durch die Gegend fahren, Arzttermine, Hobbies, Abendessen. So einen Alltag möchte Saskia Rieger nicht.

Pille, Kupferkette – vieles ausprobiert

Saskia Rieger ist schon lange klar, dass sie keine Kinder will. Sie nahm die Pille, später ließ sie sich eine Kupferkette einsetzen. Eines Tages schlug der YouTube-Algorithmus Saskia Rieger ein Video über Sterilisation bei Frauen vor. Das könnte auch für sie ein guter Weg sein, dachte Rieger damals. Später, mit 27, hatte sich nichts daran geändert, dass sie keine Kinder will. "Deswegen war das für mich ganz logisch, dass eine Sterilisation die einzig richtige Möglichkeit für mich ist", sagt Rieger.

Sie erkundigte sich beim Verein "Selbstbestimmt steril", welche Klinik in ihrer Nähe eine Sterilisation durchführt. Ihr wurde das Rems-Murr-Klinikum in Winnenden empfohlen, erinnert Rieger sich. Für das Krankenhaus brauchte Rieger nach ihren Angaben eine Überweisung von ihrer Frauenärztin.

"Riesige Standpauke" bei der Ärztin

"Als ich zu der Frauenärztin in die Praxis kam, gab’s eine riesige Standpauke." Noch im Flur habe die Ärztin ihr gesagt, dass "kein vernünftiger Arzt mich in dem Alter sterilisieren würde" und "was mir einfallen würde, in meinem jungen Alter so eine Entscheidung zu treffen", sagt Rieger. Sie wurde gebeten, die Praxis zu verlassen und mit ihrem Anliegen nicht mehr wiederzukommen.

"Ich habe mich total bevormundet gefühlt."

Verein "Selbstbestimmt steril" berät Frauen

Mit ihrer Erfahrung sei Saskia Rieger nicht allein, beobachtet Susanne Rau vom Verein "Selbstbestimmt steril". Sie höre oft, dass Gynäkologen eine Sterilisation bei jungen Frauen erstmal ablehnen, sagt die Leipzigerin am Telefon. Rau hat sich selbst im Alter von 28 Jahren sterilisieren lassen. 2019 gründete sie zusammen mit anderen "Selbstbestimmt steril" .

Der Verein bietet im Internet eine Deutschlandkarte mit Ärztinnen und Ärzten an, die Sterilisationen durchführen. "Es gibt aber auch Praxen, die den Eingriff zwar machen, aber nicht eingetragen werden wollen", sagt Rau. Sie vermutet, dass die Ärzte Angst vor einem Imageschaden haben könnten - zum Beispiel, wenn eine Praxis gleichzeitig auch Kinderwunschbehandlungen anbietet.

Nicht alle Gynäkologen stehen in der Öffentlichkeit dazu, dass sie in ihrer Praxis auch Sterilisationen anbieten, vermutet der Verein "Selbstbestimmt steril". (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Patrick Pleul)
Man höre oft, dass Gynäkologen eine Sterilisation bei jungen Frauen erstmal ablehnten, so der Verein "Selbstbestimmt steril".

Verband betont Nachteile der Sterilisation

Der Bundesverband der Frauenärzte vertritt die Position, dass eine Sterilisation unter 30 Jahren nur durchgeführt werden sollte, wenn medizinische Gründe vorhanden sind.

"Wenn zum Beispiel eine Krankheit vorliegt, die sich bei einer Schwangerschaft ganz erheblich verschlimmern würde, wenn eine Geburt eine erhebliche Gefahr darstellen würde, oder die Mutter schon vielfach geboren hat und die Sterilisation ausdrücklich gewünscht wird, ist eine Sterilisation als endgültige Maßnahme denkbar", schreibt der Verband auf Anfrage. Mit Kupfer- oder Hormonspirale stünden "bewährte, langfristige und nebenwirkungsarme" alternative Verhütungsmittel zur Verfügung, so der Verband.

Kupferspirale (Foto: SWR)
Der Bundesverband der Frauenärzte verweist auf alternative Methoden zur Langzeitverhütung.

Die Sorge ist, dass Frauen eine Sterilisation später bereuen könnten. Bei einer Sterilisation werden die Eileiter einer Frau verschlossen oder ganz oder in Teilen entfernt. Es gibt keine Garantie, dass der Eingriff rückgängig gemacht werden kann - und der Versuch erfordert in jedem Fall eine weitere, aufwändige Operation.

Der Verband verweist auf eine Studie aus den USA aus dem Jahr 1998, für die mehr als 11.000 sterilisierte Frauen befragt wurden. Unter denjenigen Frauen, die bei der Sterilisation jünger als 30 Jahre waren, gab jede fünfte später an, die Entscheidung zu bereuen. Allerdings zeigen die Ergebnisse auch: Bei Frauen, die vor der Sterilisation keine Kinder bekommen hatten, war das Risiko der Reue am geringsten. In dieser Gruppe bereuten etwa sechs Prozent die Sterilisation.

Pro familia spricht von "Zumutung"

Marion Janke kennt das Thema. Sie leitet die Beratungsstelle von pro familia in Stuttgart. "Wenn Frauen fünf bis sieben Adressen abklappern müssen, bis sie jemanden finden für eine Sterilisation, ist das eine Zumutung", sagt Janke.

"Es ist nicht in Ordnung, dass es den Frauen so schwer gemacht wird."

Gleichzeitig versteht Janke aber auch Ärztinnen und Ärzte, die Bedenken haben. "Ob jemand Kinder möchte oder nicht, kann sich im Laufe der Zeit immer wieder ändern." Alternative Langzeitverhütungsmethoden wie zum Beispiel die Hormonspirale hätten sich in den letzten Jahren stark verbessert.

Wenn ein Arzt umfassend aufgeklärt und beraten habe, müsse die Entscheidung aber letztlich der Frau überlassen werden, findet Janke. Zahlenmäßig ist das Thema bei pro familia Stuttgart ein Nischenthema. Weniger als fünf Frauen im Jahr melden sich, weil sie keinen Arzt für eine Sterilisation finden.

Saskia Rieger: OP war "Befreiungsschlag"

Saskias Riegers Sterilisation liegt inzwischen mehr als ein Jahr zurück. Eine andere Frauenarztpraxis hatte ihr die Überweisung fürs Krankenhaus schließlich ausgestellt.

Angst davor, die Entscheidung eines Tages zu bereuen, hat Rieger nicht. Sie bezeichnet die Operation als "Befreiungsschlag". "Immer, wenn ich gefragt wurde, ob ich Kinder will, hieß es früher: 'Das kommt schon noch'. Jetzt kann ich sagen: 'Nein. Ich habe mich dafür extra operieren lassen. Ich bin jetzt steril.' Das verleiht dem Ganzen einen anderen Ausdruck." Die Aussicht auf ein Leben ohne Kinder ist für Saskia eine Erleichterung.

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