Volle Wartezimmer nicht nur wegen Corona

Rekord-Inzidenzen bei Kindern: Viele Kinderärzte im Raum Stuttgart überlastet

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Das Coronavirus grassiert vor allem unter den Ungeimpften. Entsprechend hoch sind die Ansteckungszahlen bei Kindern. Viele Kinderärzte in der Region Stuttgart sind an der Belastungsgrenze.

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Bei Kindern ist die Sieben-Tage-Inzidenz derzeit besonders hoch. Beispiel Stuttgart: In der Gruppe der Sechs- bis Neunjährigen lag sie Anfang November bei über 500. Mit zunehmenden Alter nimmt die Inzidenz ab. Zum Vergleich: Bei den Achzigjährigen und älter liegt sie deutlich unter 150, so die Statistik.

Volle Praxen und viel Zusatzarbeit durch Corona

Hohe Inzidenzen bei Kindern heißt auch: volle Kinderarztpraxen. "Das beschäftigt uns natürlich in den Praxen im Sinne dessen, dass wir Diagnostik machen müssen, dass wir viel erklären müssen, auch was die Absonderung-Bestimmungen angeht und so weiter", sagte Kathrin Remshardt, Obfrau der Stuttgarter Kinderärzte und selbst Ärztin in Stuttgart-Möhringen am Dienstag im SWR.

"Wir wissen auch, dass wir im November Akkord arbeiten. Aber diesmal ist der Akkord noch mal 40 bis 60 Prozent höher als sonst."

Zwar seien die Corona-Verläufe bei den meisten Kindern harmlos, doch teilweise stecken sich die Ärztinnen und Ärzte an. Dann müssten Kinderarztpraxen vorübergehend geschlossen werden, so der Ludwigsburger Kinderarzt Thomas Kauth. Der Druck auf die anderen Praxen steige dadurch weiter.

Nicht nur Corona führt zu vollen Wartezimmern

Besonders viel zu tun haben derzeit die Kinderärztinnen und -ärzte nicht nur wegen Corona. Der RSV-Atemwegsinfekt ist, so die Stuttgarter Obfrau Remshardt, dieses Jahr viel früher aufgetreten und macht die Kinder "deutlich kränker". Das hat offenbar zumindest indirekt mit der Pandemie zu tun. Denn aufgrund der diversen Corona-Maßnahmen wie Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht sei das Immunsystem einfach nicht so trainiert, wie das normalerweise bei einem zwei- oder dreijährigen Kind der Fall sein sollte, so die Stuttgarter Ärztin.

Arzt: Eltern treten teilweise aggressiv und unverschämt auf

Egal wie voll die Arztpraxen sind - Kinderarzt Kauth will keine Eltern mit kranken Kindern abweisen. "Bei Säuglingen kriegen Sie immer einen Termin am gleichen Tag. Egal wie viele wir haben. Da gibt es keine Alternative, die anzuschauen. Dann müssen wir sie halt irgendwo reindrücken." Das führe teilweise zu Ärger im Wartezimmer. Manche Eltern würden "richtig aggressiv und fordernd" und hätten kein Verständnis, auf die Sprechstunde zu warten.

An normalen Tagen arbeitet der Ludwigsburger Arzt nach eigenen Angaben von acht Uhr früh bis halb acht abends oder später - meist ohne Mittagspause. Mit zusätzlichen Notdiensten komme er auf Arbeitswochen von 60 Stunden plus X Stunden. "Man arbeitet halt bis zur Erschöpfung." Kauth verweist darauf, dass etwa 30 bis 35 Prozent der Kinder- und Jugendärzte in den kommenden fünf Jahren ins Rentenalter kommen, in manchen Landkreisen seien es sogar bis zu 50 Prozent: "Und die finden keine Nachfolger." Das heißt: Für die Verbliebenen wird es dann noch schwieriger.

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