Verband der Deutsch-Türken: "Endlich!"

Cem Özdemir neuer Bundeslandwirtschaftsminister: So denken Stuttgarter darüber

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INTERVIEW
Frieder Kümmerer
AUTOR/IN
Christian Spöcker, Fabian Ziehe

Der Grünen-Politiker Özdemir aus dem Wahlkreis Stuttgart I ist neuer Bundeslandwirtschaftsminister. Doch während sich die einen darüber freuen, zweifeln andere an seiner Kompetenz.

Cem Özdemir aus dem Wahlkreis Stuttgart I hat nicht nur als erster Grünen-Politiker ein Stuttgarter Direktmandat für den Bundestag geholt. Mit ihm als neuem Bundeslandwirtschaftsminister ist auch erstmals ein Politiker mit türkischen Wurzeln Mitglied der Bundesregierung. Özdemir hatte nach eigenen Angaben zuerst die türkische Staatsbürgerschaft und bezeichnet sich selbst als "anatolischen Schwaben".

Cem Özdemir (Grüne) im Bundestag. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christophe Gateau)
Der "anatolische Schwabe" Cem Özdemir im Bundestag: Geboren in Bad Urach (Kreis Reutlingen), in den Bundestag gewählt in Stuttgart. picture alliance/dpa | Christophe Gateau

Viele freuen sich über Özdemir als neuen Bundesminister

Viele aus der Region Stuttgart freuen sich über sein neues Amt, beispielsweise das Deutsch-Türkische Forum (DTF) in Stuttgart. Geschäftsführer Kerim Arpad berichtet, wie er sich bei dieser Nachricht gefühlt hat:

"Ich habe mir gedacht: Endlich!"

"Wir haben in diesem Jahr 60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei gefeiert. Seit mindestens 60 Jahren leben also Türken in Deutschland. Und dass jetzt, nach 60 Jahren, der erste Migrant mit türkischen Wurzeln in Deutschland am Kabinettstisch mitbestimmen darf, ist eine große Freude, eine große Ehre. Aber eigentlich sollte es inzwischen eine Selbstverständlichkeit sein in diesem Land", sagte Arpad dem SWR.

Manche sehen in Özdemirs Amt ein Signal

Er ist der Ansicht, dass Özdemirs neues Amt für Menschen mit Migrationshintergrund wichtig ist: Es zeige zum einen, dass man auch mit nicht-deutscher Herkunft in der Politik an Stimme und Bedeutung gewinnt und auch in der Politik mitgestalten dürfe. "Andererseits finde ich es auch für die deutsche Mehrheitsgesellschaft sehr wichtig zu zeigen: Das ist Deutschland im 21. Jahrhundert, Menschen mit Migrationshintergrund sind ganz klar Teil dieser Gesellschaft und sie machen Politik mit. Jetzt eben auch in Berlin."

Arpad schränkt aber auch ein, dass Özdemir in der türkischen Gesellschaft polarisiere, denn er habe dort nicht nur Fans. "Daher ist er umstritten wie überall auch", so der DTF-Geschäftsführer.

Özdemir hat nicht nur Fans

Umstritten ist Özdemir unter Menschen mit türkischen Wurzeln wegen seiner oftmals kritischen Äußerungen zur türkischen Innenpolitik. Immer wieder hatte er die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan scharf kritisiert, beispielsweise im Botschafterstreit. Der Grünen-Politiker sieht sich selbst immer wieder Hetze und Drohungen türkischer Nationalisten ausgesetzt.

Ein Mann mit Migrationshintergrund aus dem Raum Stuttgart sagt jedoch über Özdemir: "Ich freue mich für ihn, dass er das bekommen hat als Türkischstämmiger, sozusagen als 'Kollege'. Ich habe ihn selber nicht gewählt. Ich wünsche ihm aber viel Erfolg und hoffe, er macht das Beste daraus."

Zweifel an Özdemirs Kompetenz

Doch nicht jeder ist der Ansicht, dass Özdemir für sein neues Amt als Bundeswirtschaftsminister fachlich geeignet ist.

"Wenn man Agrar bearbeiten will, soll man das auch studiert haben. Und soweit ich weiß, hat das der Herr Özdemir nicht. Und wir sind gewohnt von unseren Politikern, dass die das Fach studiert haben."

So denken Landwirte in der Region Stuttgart darüber

Dass Özdemir als gebürtiger Bad Uracher einer aus dem Land ist, macht dem Landwirt Richard Kauffmann Hoffnung: Denn damit kenne der neue Minister die landwirtschaftliche Struktur in Baden-Württemberg mit ihren vielen kleinen Familienbetrieben, sagt der 31-Jährige.

Richard Kauffmann, Landwirt aus Fellbach-Schmiden (Rems-Murr-Kreis) (Foto: SWR, SWR/Fabian Ziehe)
Richard Kauffmann, Landwirt aus Fellbach-Schmiden (Rems-Murr-Kreis) SWR/Fabian Ziehe

Der Junior-Chef des Familienbetriebs in Fellbach-Schmiden (Rems-Murr-Kreis) sagt, er habe sich bei der Nachricht über Özdemirs neues Amt erleichtert gefühlt: "Ich habe ihn immer so ein bisschen als Realist eingeschätzt, der eher pragmatisch veranlagt und halt kein so grüner Idealist ist. Ich denke, mit ihm sind wir ziemlich gut dran."

Doch gerade auch von Betrieben mit Viehwirtschaft habe er einige skeptische Stimmen gehört: Ein bekennender Vegetarier als zuständiger Minister, ob das gut gehe? Kauffmann sieht den Amtswechsel in Berlin dagegen als Chance. Außerdem sei es eine wichtige Aufgabe des neuen Ministers, Landwirtschaft mit Klima- und Tierschutz in Einklang zu bringen.

Der Landesbauernverband in Baden-Württemberg äußert sich zuversichtlich: Präsident Joachim Rukwied teilte dem SWR mit, gute Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit mit Özdemir seien, dass er in Baden-Württemberg aufgewachsen sei, den Fokus auf Familienbetriebe lege und für gleichwertige Lebensverhältnisse sorgen wolle.

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