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Philipp Pfäfflin (Foto: SWR, SWR - Foto: Alexander Kluge)

Ist Stuttgart immer noch eine Autostadt? Fakt ist, im Kessel wird immer mehr Rad gefahren. Und es gibt zunehmend mehr Konflikte mit Autofahrern. Wie fahrradfreundlich ist Stuttgart?

Radaktivistin Christina Müller demonstriert mit einer Schwimmnudel am Fahrrad den Mindestabstande von 1,50 Meter. (Foto: (privat))
Bitte Abstand halten - und zwar mindestens 1,50 Meter. Das gilt nicht nur in der Pandemie, sondern auch beim Überholen von Radfahrern. Was das bedeutet, demonstrieren Christina Müller (vorne) mit einer Schwimmnudel in der Theodor-Heuss-Straße in Stuttgart. (Archivbild) (privat)

Christina Müller engagiert sich seit Jahren für ein fahrradfreundlicheres Stuttgart, ist Teil der Initiative "Radentscheid Stuttgart" und eine von mehreren Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern für die Stadtverwaltung für mehr Radverkehr. Im Interview fordert sie neben neuen Radwegen, mehr Radabstellplätze und einen Mentalitätswandel in Stuttgart.

SWR: Die Stadtverwaltung hat es sich zum Ziel gesetzt, dass Stuttgart neben einer Autostadt auch zur Fahrradstadt wird. Langfristig soll der Radverkehr 25 Prozent des gesamten Verkehrs ausmachen. Ist Stuttgart tatsächlich auf dem Weg zu einer Fahrradstadt?

Christina Müller: In Stuttgart hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Die Zahl der Radfahrenden hat stark zugenommen. Das sieht man an den Zählstellen. So fuhren im Jahr 2017 noch 0,8 Millionen Menschen am Leuze vorbei über die König-Karls-Brücke. 2019 war die Millionengrenze geknackt und 2020 wurden bereits 1,4 Millionen Radler gezählt. Auch gibt es immer mehr Menschen, die erkannt haben, wie wichtig Radfahren für den Klimaschutz, gesunde Luft und für weniger Staus ist. Doch es gibt viel zu wenig Radwege.

Dabei heißt es bei der Stadtverwaltung, dass das Radwegenetz kontinuierlich ausgebaut werde, um Radfahren noch attraktiver zu machen.

Wenn man die Stadtverwaltung fragt, gibt es in Stuttgart sehr viele Radkilometer. Aber das sind fast alles geteilte Rad- und Fußwege. Das heißt, dass beide Parteien unglücklich sind, weil die Fahrradfahrenden nicht schnell genug fahren können und die Fußgänger*innen sich unsicher fühlen. Es ist einfach so: Beim Bau richtiger Radwege geht es in Stuttgart im Vergleich zu anderen Städten ähnlicher Größe wie beispielsweise Frankfurt nur langsam voran.

Gibt es nicht seit langem Pläne für deutlich mehr Radwege?

Die Stadt hat schon vor Jahren ein Hauptradroutennetz ausgearbeitet. Und dann muss man feststellen, dass Routen, die eigentlich schon beschlossen sind, im Bezirksbeirat oder in anderen Gremien doch wieder in Frage gestellt werden, weil für den Umbau einige Parkplätze gestrichen werden müssen. Das kostet zusätzlich Zeit und verzögert den Bau weiter. Wir brauchen auch einen Mentalitätswandel, damit das Fahrrad als gleichberechtigtes Verkehrsmittel zum Auto gesehen wird.

"In Stuttgart muss man anders Rad fahren als in manchen anderen Großstädten. Man muss mit den Autos mitfahren."

Christina Müller, Stuttgarter Radaktivistin und Mitglied beim Radentscheid

Die Initiative "Radentscheid Stuttgart" hat vor zwei Jahren mehr als 35.000 Unterschriften für einen Bürgerentscheid gesammelt. Daraufhin hat der Gemeinderat einen Beschluss für ein fahrradfreundlicheres Stuttgart gefasst. Was ist seitdem passiert?

Seit 2019 sind wir vom Radentscheid mit anderen Verbänden wie dem ADFC und dem VCD als "Sachkundige Einwohner*innen" Teil eines Gremiums, das die Stadt auf dem Weg zur Fahrradstadt berät. Allerdings mussten wir erst einmal Grundsatzfragen klären und einen Leitfaden erarbeiten. Zudem musste erst einmal Personal in der Verwaltung eingestellt werden, dieser Prozess ist immer noch nicht abgeschlossen. Die Planungen dauern außerdem Jahre, man muss sie in den Bezirksbeiräten und dem Gemeinderat vorlegen, Ämter müssen sich untereinander abstimmen. Das sind komplexe Vorgänge. Wir Ehrenamtliche wünschen uns natürlich, dass der Ausbau viel schneller vorankommt.

Hunderte Fahrradfahrer bei der Critical-Mass-Protesttour in Stuttgart. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Wolfram Kastl)
In Stuttgart gibt es eine starke Fahrrad-Community. Immer am ersten Freitag im Monat trifft sie sich zur "Critical Mass"-Protestfahrt, um für den Ausbau des Radverkehrs zu werben. Pro Fahrt nehmen bis zu mehr als 2.000 Leute teil. In der Pandemie wurde die Critical Mass ausgesetzt. (Archivbild) picture alliance / dpa | Wolfram Kastl

Viele sagen, Stuttgart sei zu gefährlich zum Radfahren. Sehen Sie das auch so?

Ich verstehe das sehr gut. Denn in Stuttgart muss man anders Rad fahren als in manchen anderen Großstädten. Da es kein ausgebautes Radnetz gibt, muss man mit den Autos mitfahren. Das kann ich als sportliche raderfahrende Erwachsene machen, aber das schreckt sicherlich Familien mit Kindern oder eher unsichere Gelegenheitsradler*innen ab. Und genau deshalb fordert der Radentscheid, dass alle in dieser Stadt sicher und entspannt radfahren können.

Was fordern Sie noch?

In Stuttgart ist zu wenig Platz fürs Fahrrad, aber auch für Menschen, die zu Fuß gehen. Der Autoverkehr kann sich hingegen auf teils vierspurigen Stadtautobahnen breit entfalten, dazu kommen all die Parkplätze. Wenn aber immer mehr Fahrradfahrende auf Fußgänger*innen treffen, führt das zu Unfällen. Das ist ein typisches Stuttgart-Problem. Außerdem brauchen wir deutlich mehr Fahrradabstellplätze in Stuttgart, damit das Fahrrad noch viel besser als alltägliches Verkehrsmittel genutzt werden kann.

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