STAND

Am Sonntag entscheiden die Wählerinnen und Wähler in Stuttgart über die Nachfolge von OB Fritz Kuhn (Grüne). Wir haben Bürger gefragt, was sie noch von Kandidat Marian Schreier (parteiunabhängig) wissen möchten.

Zu Besuch im SWR: der Stuttgarter OB-Kandidat Marian Schreier (parteiunabhängig). (Foto: SWR, Foto: Lynn Pinders)
Zu Besuch im SWR: der Stuttgarter OB-Kandidat Marian Schreier (parteiunabhängig). Foto: Lynn Pinders

Herr Schreier, möchten Sie wirklich Oberbürgermeister für Stuttgart sein? Oder sehen Sie das nur als Zwischenstopp für Ihre weitere Karriere?

Marian Schreier: Stuttgart ist meine Heimatstadt. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich habe die ersten 19 Lebensjahre im Stuttgarter Westen verbracht, habe mein Abitur am Ebelu (Eberhard-Ludwigs-Gymnasium) gemacht. Und deswegen geht es mir um Stuttgart. Ich bin auch der Überzeugung, dass wir die meisten großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, nicht nur innerhalb der nächsten acht Jahre lösen können. Die Frage: Wie schaffen wir bezahlbares Wohnen? Oder wie gehen wir mit der Klimakrise um? Da brauchen wir eine langfristige Perspektive. Deswegen ganz klar: Ich will mich um Stuttgart kümmern und meine Heimatstadt gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern gestalten.
Für eine zweite Amtszeit würde ich mich bewerben wollen. Das haben natürlich die Bürgerinnen und Bürger in der Hand. Aber das braucht eine langfristige Perspektive.

Warum war es für Sie absolut undenkbar, nach dem ersten Wahlgang auf Ihre Kandidatur zu verzichten und den Vortritt Veronika Kienzle (Grüne) zu lassen, die im ersten Wahlgang nach Frank Nopper (CDU) die zweitmeisten Stimmen geholt hat?

Schreier: Ich habe mich ganz bewusst entschieden, mich nicht an der Verhandlung zu beteiligen und auch nicht aus nichtöffentlichen Gesprächen zu berichten, weil es mein politischer Stil ist, mich auf die eigenen Anliegen zu konzentrieren. Vielleicht nur so viel: Wenn ich wirklich ganz fest entschlossen gewesen wäre und nicht verhandlungsbereit, dann hätte ich schon am Sonntagabend meine Kandidatur erklärt.
Es ist aber in einer Demokratie so, dass wir unterschiedliche Wege haben, wie wir zu Ergebnissen kommen. Manchmal über Kompromisse. Manchmal muss man es aber auch über Abstimmung und Wahl klären. Genau das ist jetzt der Fall, dass die Bürgerinnen und Bürger am 29.11. entscheiden, wer der neue Oberbürgermeister wird.

Was halten Sie von der Mietpreisbremse?

Schreier: Die Mietpreisbremse ist eine bundesgesetzliche Regelung, die ich auch für sinnvoll halte. Aber wenn wir wirklich etwas ändern wollen auf dem Wohnungsmarkt, müssen wir auch noch an anderen Punkten ansetzen. Wir brauchen einen anderen Umgang mit Grund und Boden. Das heißt, dass die Stadt keine Schlüsselflächen mehr verkauft, dass wir das städtische Vorkaufsrecht ausüben. Und ich habe vorgeschlagen, dass wir eine "Stiftung Wohnen" gründen, die Gebäude und Grundstücke aufkauft und diese dann sehr günstig vermietet und verpachtet und dadurch dauerhaft der Spekulation entzieht. Denn das zeigt die Erfahrung vieler europäischer Städte wie Wien oder Ulm, dass ein Teil des Wohnungs- und Grundstücksmarktes der Spekulation entzogen sein muss, und das halte ich für noch effektiver.

Wie wollen Sie versuchen, die Menschen wieder zusammenzuführen, damit es in Stuttgart nicht so viele Lager gibt?

Schreier: Das ist eine Frage, die mich wirklich sehr beschäftigt in diesem Wahlkampf, weil ich einen ähnlichen Eindruck habe. Ich war in allen 23 Stadtbezirke mehrfach unterwegs, und da merkt man schon, dass wir unterschiedliche Gruppen in der Stadt haben. Ich glaube, dass wir deshalb wieder ein positives Zukunftsbild brauchen. Wir müssen klären: Wo wollen wir als Stadt eigentlich hin? Wo wollen wir in 15, 20 Jahren stehen? Wir müssen gemeinsam ein Bild entwickeln, in dem wir uns dann auch versammeln können. Das ist der Schlüssel, dass unterschiedliche Gruppen wieder zueinander finden. Und im alltäglichen Leben braucht es aus meiner Sicht Orte und Treffpunkte, wo Menschen mit ganz unterschiedlichen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Hintergründen zusammenkommen können. Wir müssen mehr solche öffentlichen Orte schaffen und - ganz wichtig - die müssen auch ohne Konsumzwang sein! Dass ich mich also einfach mal auf eine Parkbank setzen kann, wo ich andere Menschen treffe.

Wie wollen Sie es mit Ihren 30 Jahren schaffen, die Verwaltung in den Griff zu kriegen, die eher ein bisschen altbacken ist, und dort Chef zu sein?

Schreier: Kompetenz ist keine Frage des Alters. Ich finde, man kann mit 60 oder mit 30 Jahren ein guter Oberbürgermeister sein. Es kommt darauf an, was man für Ideen, für Konzepte mitbringt, um eine Stadt zu verändern. Und ganz klar: Die Gestaltung der Stadt ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Das geht nicht nur mit den Jungen oder nur mit den Alten. Man muss wirklich alle mit ins Boot holen.
Aus meiner Sicht bedeutet die Führung einer Großstadt in allererster Linie Kommunikation. Das heißt: Man muss Vorbild sein, muss die Dinge auch vormachen, die man verändern will. Ganz konkret: Ich will, dass sich die Stadtverwaltung öffnet. Das heißt, dass Sie als Oberbürgermeister viel in der Stadt unterwegs sein müssen. Ich würde beispielsweise Bürgersprechstunden in allen 23 Stadtbezirke machen, so als Symbol für eine Öffnung der Stadtverwaltung.

Was war für Sie heute das Schönste?

Schreier: Heute früh habe ich bei einem Wahlkampftermin etwas geschenkt bekommen. Das ist in der Tat häufiger passiert in den letzten Tagen. Meist ist es Nervennahrung und Stärkung. Gestern gab es Schokolade - heute Morgen einen Apfel.
Der Schlüssel für die Veränderung ist, dass man das nicht alleine hinbekommen kann. Wir brauchen eine gut ausgestattete, starke und leistungsfähige Stadtverwaltung auf der Höhe der Zeit. Die Stadtverwaltung ist das Instrument, mit dem wir den Wohnungsbau verändern können, mit dem wir eine nachhaltigere Mobilität in die Stadt bekommen, mit dem wir digitaler werden. Und deshalb müssen wir uns um die Stadtverwaltung noch intensiver kümmern. Das heißt: Dass wir erstens über das Thema Bezahlung sprechen müssen aus meiner Sicht und zweitens bessere Arbeitsbedingungen schaffen, zum Beispiel digitale Ausstattung oder Büroflächen.
Und dann finde ich, dass man Organisationsentwicklung betreiben muss, dass da wirklich ein neuer Geist entsteht, dass man sagt: Wir nehmen uns gemeinsam was vor als Stadtverwaltung. Denn ich bin der Überzeugung, dass viele Dinge nicht so schnell oder nicht so gut funktionieren, liegt nicht an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass die unmotiviert wären. Das liegt an den Strukturen, die aus einer anderen Zeit stammen, die nicht so schnell, nicht so digital, nicht so vernetzt war. Und die müssen wir verändern. Wir müssen die Stadtverwaltung auf die Höhe der Zeit führen und dann werden wir auch in den Bereichen vorankommen.

Vor dem zweiten Wahlgang am 29. November OB-Wahl in Stuttgart: Fünf Kandidaten ziehen zurück

Zum zweiten Wahlgang bei der OB-Wahl in Stuttgart treten neun Kandidaten an, unter ihnen eine Frau. Neue Bewerber sind nicht dazu gekommen.  mehr...

Erneute Wahl am 29. November OB-Wahl in Stuttgart: Niemand erreicht absolute Mehrheit

CDU-Kandidat Frank Nopper hat sich im Kampf ums Stuttgarter Rathaus überraschend deutlich von der Konkurrenz abgesetzt. In drei Wochen geht es bei einer erneuten Wahl dann ums Ganze.  mehr...

Portraits, Diskussionen und Hintergründe Die Stuttgarter OB-Wahl im Überblick

Am 8. November wählt Stuttgart einen neuen Rathauschef. Wer sind die Kandidatinnen und Kandidaten? Wer steht für welche Politik? Wie kann ich mir selbst einen Überblick machen? Warum tritt OB Kuhn nicht nochmals an? Hier sind die Antworten.  mehr...

STAND
AUTOR/IN