Das Porträt von Max Rosenfeld ist laut Kai Artinger, Provenzienforscher am Stuttgarter Kunstmuseum, zweifelsohne Raubkunst aus der NS-Zeit. (Foto: SWR)

Nach 80 Jahren

Kunstmuseum gibt NS-Raubkunst an Urenkel von Stuttgarter Kaufmann zurück

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80 Jahre nachdem die Nationalsozialisten Kunst vom jüdischen Kaufmann Max Rosenfeld beschlagnahmten, kehren einige Bilder nun zu seinen Nachkommen zurück. Ein Kreis schließt sich.

Er gehörte zum Stuttgarter Großbürgertum: der jüdische Kaufmann und Kunstsammler Max Rosenfeld. Geboren 1867, gestorben in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Von seiner luxuriösen Villa am Herdweg ist fast nichts übrig geblieben. Was mit der Kunstsammlung geschah, war lange Zeit unklar. Doch nun wird das Kunstmuseum Stuttgart zumindest einige Kunstwerke den überraschten und in den USA lebenden Nachkommen zurückgeben, einer Urenkelin und einem Urenkel.

Werke mit ungewisser Herkunft im Kunstmuseum Stuttgart

Möglich gemacht hat das Kai Artinger. Der Provenienzforscher, eine Art Detektiv für Kunstobjekte, macht für das Kunstmuseum Stuttgart die Herkunft von Werken ausfindig, die bislang unbekannt ist. Denn im Archiv des Museums lagern bis heute solche Werke. Bei seiner Arbeit fielen Artinger auf der Rückseite von Grafiken ein paar Sammlerstempel ins Auge, die bis dahin unentdeckt waren.

Kai Artinger, Provenienzforscher am Kunstmuseum Stuttgart, konnte das Porträt von Max Rosenfeld ausfindig machen.  (Foto: SWR)
Kai Artinger, Provenienzforscher am Kunstmuseum Stuttgart, konnte das Porträt von Max Rosenfeld ausfindig machen.

Doch die Entzifferung des Namens in altdeutscher Schrift gestaltete sich zunächst schwierig. Als der Name Max Rosenfeld dann aber immer deutlicher wurde, zog es den Provenienzforscher ins Ludwigsburger Staatsarchiv. Dort fand er Unterlagen zum Tabakhändler Max Rosenfeld, die die Vermutung erhärteten.

Kunstsammlung geht unter Nationalsozialisten verloren

"Wir wissen, dass er eine sehr aufwändige Villa von einem Stuttgarter Künstler, Bernhard Pankok, einrichten ließ", sagt der in Stuttgart und Berlin lebende Artinger. "Und, dass er unter anderem wohl auch Kunst gesammelt hat. Wobei wir keinen exakten Überblick darüber haben, was genau in seiner Kunstsammlung war, weil sie im Dritten Reich verloren gegangen ist."

Max Rosenfeld gemeinsam mit seinem Sohn auf der Treppe zu seiner Villa. Laut Expertinnen und Experten ist nicht ganz klar, wer die Frau an seiner Seite ist.  (Foto: Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte Bildarchiv Foto Marburg)
Max Rosenfeld gemeinsam mit seinem Sohn auf der Treppe zu seiner Villa. Laut Expertinnen und Experten ist nicht ganz klar, wer die Frau an seiner Seite ist. Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte Bildarchiv Foto Marburg

Doch klar ist, dass ein Portrait Rosenfelds zu der Sammlung gehörte. Dieses stand auf einer Beschlagnahmungsliste der Nationalsozialisten, als sie die Wohnung des aus Deutschland geflohenen Rosenfeld in den Niederlanden durchsuchten. Gemalt hatte es eben jener Künstler Pankok.

In der Folge machte Artinger das Bild und dessen neuen Besitzer ausfindig. Der Mann aus Ostfriesland hatte es vor 30 Jahren auf einem Flohmarkt erstanden. Als er von der Historie des Kunstwerkes hörte, stellte er es sofort bereitwillig zur Verfügung. "Bei diesem Bild können wir ganz klar sagen, dass es sich um NS-Raubkunst handelt. Das hing also bis zur Beschlagnahmeaktion 1942 in Max Rosenfelds Wohnung", erläutert der Provenienzforscher.

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Urenkel kommen aus den USA nach Stuttgart

Also machte sich Artinger auf die Suche nach Nachfahren von Rosenfeld - und fand diese in den USA: Jill Hollenbach und Jeff Ronald, Urenkel des Stuttgarter Kaufmanns. "Ich erhielt von Dr. Artinger eine E-Mail. Er fragte, ob ich die Enkelin von Max Rosenfeld sei. Ich hätte die Mail fast nicht geöffnet. Und ich sagte, nein, ich bin die Urenkelin", erzählt Hollenbach.

Daher reiste sie gemeinsam mit Ronald nach Stuttgart und stattete dem Kunstmuseum einen Besuch ab. Dort sahen die beiden das Portrait ihres Urgroßvaters zum ersten Mal. Auch die 20 Grafiken des Malers Carlos Grethe, die während der Nazi-Zeit in der Galerie der Stadt Stuttgart landeten und Rosenfelds Stempel tragen, konnten sie in Augenschein nehmen. Zwar ist bei diesen Werken nicht ganz klar, auf welchem Weg sie in die Sammlung der städtischen Galerie kamen. Nach Artingers Recherchen gibt es aber einige Indizien, dass es sich um eine unrechtmäßig erworbene Sammlung handelt.

Die Urenkel von Max Rosenfeld, Jeff Ronald und Jill Hollenbach, kamen ins Kunstmuseum Stuttgart und nahmen die Kunstwerke erstmals persönlich in Augenschein.  (Foto: SWR)
Die Urenkel von Max Rosenfeld, Jeff Ronald und Jill Hollenbach, kamen ins Kunstmuseum Stuttgart und nahmen die Kunstwerke erstmals persönlich in Augenschein.

Große Dankbarkeit bei der Familie

"Wir sind Kai Artinger so dankbar, weil er nicht nur diese wundervolle Kunstsammlung entdeckt hat. Er hat uns unsere Familiengeschichte zurückgegeben. Und eine Verbindung zur Vergangenheit, auch für unsere Kinder, die unbezahlbar ist", sagt Jeff Ronald.

Zunächst werden die Kunstwerke aber in Stuttgart bleiben. Sie sollen im Jahr 2024 bei einer Ausstellung zur Provenienzforschung gezeigt werden.

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