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Der Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung, Michael Blume, warnt im Gespräch mit dem SWR vor den sogenannten Querdenkern. Außerdem erklärt er die unterschiedlichen Verschwörungsmythen und spricht über deren Anhänger im Land.

SWR: Wenn Sie Bilder von der Demonstration am Samstag sehen, was fällt Ihnen auf?

Michael Blume: Ja, es hat sich leider die Befürchtung bestätigt, die ich davor schon im "Tagesspiegel" geäußert habe. Dass es den meisten Demonstrierenden nicht darum geht irgendetwas zu kritisieren, sondern dass sie tatsächlich glauben, dass eine riesige Verschwörung im Gange ist. Das Coronavirus sei Teil dieser Verschwörung und sie müssten jetzt die Regierung stürzen, um diese Verschwörung aufzuhalten.

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Was fällt Ihnen in Bezug auf die Konstellation der Menschen auf, die da gemeinsam demonstrieren?

Wir haben es mit einer sogenannten Querfront zu tun. Das heißt, da sind Leute dabei von weit rechts, da gibt es einen Schwerpunkt. Aber auch Leute, die sich als Mitte oder als Links identifizieren. Was sie vereinigt, ist das Feindbild. Die meisten gehören zu "QAnon" oder den "Querdenkern", gerade auch aus Baden-Württemberg. Und die glauben eben, dass es diese Weltverschwörung gibt und dass Donald Trump der Erlöser wäre, der diese Verschwörung auflösen würde. Das führte ja sogar zum Sturm auf den Reichstag. Also eine Frau, eine Heilpraktikerin, die dann rief, der Donald Trump wäre in Berlin gelandet, führte dann dazu, dass der Reichstag gestürmt wurde. Das klingt für "normal-denkende" Menschen ziemlich bizarr, aber das ist die Verschwörungswelt dieser Menschen.

Was beunruhigt Sie an dieser Konstellation von Menschen, die da auftritt?

Wir hatten das in der Geschichte immer wieder, wenn Krankheiten aufgetreten sind. Wir hatten die sogenannten Pest-Pogrome, das heißt, immer dann hat man Schuldige gesucht, hat man gesagt, wen können wir beschimpfen, beschuldigen, angreifen. Das waren früher immer wieder Juden, die angegriffen wurden. Das war Antisemitismus und den sehe ich jetzt auch ganz stark. Es wird übrigens gerade - leider auch aus Baden-Württemberg heraus - denken Sie an Xavier Naidoo zum Beispiel, der den Mythos verbreitet, Frauen wie Hilary Clinton und Angela Merkel sowie Juden würden diese Weltverschwörung anführen und seien ganz gefährlich. Und das kann im Einzelfall durchaus auch zu Gewaltbereitschaft führen und es führt auch dazu, dass die Leute ausgenommen, manipuliert werden. Ich finde diesen Antisemitismus sehr beunruhigend.

Welche Verschwörungsmythen hören Sie aus dem Umfeld der Demonstranten?

Ganz stark ist der Mythos, hinter dem Coronavirus stünde angeblich Bill Gates. Der wiederum finanziert würde von den Rothschilds, also einer jüdischen Bankiersfamilie. Sehr stark wird auch George Soros immer wieder attackiert und der Verschwörung bezichtigt. Leider muss ich sagen, dass wir das jetzt auch verstärkt in den USA selbst haben. Der US-Präsident hat einen Tweet geteilt, wo George Soros beschuldigt wurde, hinter den "Black Lives Matter"-Bewegungen zu stehen. Er hat heute (Dienstag) davon gesprochen, dass Joe Biden von Verschwörern kontrolliert würde. Ich sehe also mit einer gewissen Sorge, dass dieser "QAnon"-Verschwörungsmythos inzwischen global ist, den haben wir weltweit. Und leider eben auch in Deutschland, gerade auch in Süddeutschland. Ich sage mal, es ist keine Mehrheit der Menschen, aber es sind doch einige tausend Menschen, die da drauf reinfallen.

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Michael Ballweg von "Querdenken 711" distanziert sich am Anfang seiner Ansprachen von Extremismus von Rechts und von Links. Nehmen Sie ihm das ab?

Nein. Das ist ein ganz einfacher Trick, den die sogenannten Querdenker gerne machen. Sie behaupten, sie wären ja gegen jeden Extremismus und letztlich seien die eigentlichen Verschwörer die Antifa, seien die Linken, sie würden ja nur bedroht, sie würden sich ja nur wehren. Sie könnten ja nichts dafür, dass Leute mit der Reichsbürgerfahne da herumlaufen. Dazu von mir eine klare Ansage: Lassen Sie sich nicht täuschen. Michael Ballweg und andere Leute verdienen ihr Geld damit, die nehmen Sie aus, die arbeiten mit Rechtsextremen zusammen. Sie laufen nicht zufällig mit den Rechtsextremen daher, sondern das ist eine Querfront mit einem Feindbild: Das sind die Juden, Frauen und Demokraten.

Was ist Ihr Vorwurf an Michael Ballweg?

Ich finde es unverantwortlich, dass Michael Ballweg den Menschen einredet, sie müssen sich nicht an Corona-Schutzmaßnahmen halten. Dass der Eindruck erweckt wird, dass man gegen Verschwörer anrennen könnte, anstelle sich dem Virus zu stellen. Und ich muss auch ganz klar sagen: Wer Ken Jebsen nach Stuttgart holt, und es erlaubt, dass er dort gegen die Demokratie hetzt und die Leute um Geld anpumpt, der braucht mir nicht erzählen, dass er seriös wäre. Die "Querdenker" haben sich mit Antisemiten verbündet und das muss man auch mal in aller Deutlichkeit sagen.

Die "Querdenker" teilen Videos von Ken Jebsen auf ihrer Internetseite. Was ist das Problem damit?

Ken Jebsen selber bedient diesen Mythos, er hat davon gesprochen, dass er Chefredakteure entlassen würde, wenn er Kultusminister wäre. Das klingt für "normal-denkende" Menschen ziemlich verrückt, das ist es auch. Aber in dieser Verschwörungslogik glauben die Leute wirklich sie wären die Guten und wir, alle anderen, Journalisten, Wissenschaftler und Politiker, wir wären alle die Bösen. Und da muss man deutlich sagen: Leute, so geht das nicht, so funktioniert Demokratie nicht. Überlegt mal, was ihr da tut.

Was halten Sie von Menschen, die auf diesen Demonstrationen mitlaufen, die ja häufig selbst von sich sagen, sie wären gegen Rechts?

Also zum einen schadet es uns im Kampf gegen Covid-19. Zum zweiten schadet es dem Ansehen unseres Landes. Das solche Leute hier quasi gegen die Demokratie agieren. Und zum dritten ist es natürlich so, dass sich Extremisten und Antisemiten selber schaden. Sie glauben ja, sie wären die Guten, sie geben Geld, sie geben Zeit, sie geben ihren Ruf auf, zerstören ihre Existenz. Deswegen kann ich die Menschen nur dazu aufrufen: Denkt nach, bevor ihr da Leuten nachlauft, die es nicht gut mit euch meinen.

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