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Theater braucht nicht immer die große Bühne. Deshalb geht das Schauspiel Stuttgart gemeinsam mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach jetzt einen neuen Weg. Mit dem Lyriktelefon kommen Gedichte zum Publikum.

Mit dem Lyriktelefon kommen Gedichte zum Publikum. Am Telefon erklingt dann keine Stimme vom Tonband, sondern es meldet sich zum Beispiel Schauspieler Elmar Roloff. Er trägt die Abendfantasie von Hölderlin vor. Er ist jedes Mal beeindruckt, wie nach dem Vortrag erst mal Stille herrscht. Mit vielen Zuhörern kommt er dann ins Gespräch. Ungewohnt, denn diesen unmittelbaren Kontakt hat der Schauspieler auf der Bühne sonst nicht.

So erzählt er dann beispielsweise, wie ihm selbst gerade Hölderlin trotz aller Dunkelheit mit seinem hymnischen Ton auch etwas Tröstliches gibt und wie das neue Lyriktelefon hilft - in Coronazeiten -  in denen ihm der reguläre Theaterbetrieb sehr fehlt. Noch nie habe er so lange nicht arbeiten können wie gerade, erklärt der 1943 geborene Schauspieler dem SWR.

Inspiration durch das "Théâtrophone" vor einhundert Jahren

Für das Format hat sich der Dramaturg des Schauspiel Stuttgart Ingoh Brux von historischen Vorbildern inspirieren lassen. Vor einhundert Jahren habe es das "Théâtrophone" gegeben. Dort wurden ganze Aufführungen von Oper oder Theater per Fernsprecher in private Salons übertragen. In den 1968er Jahren hat das Format dann eine Neuauflage erlebt: damals lieferte der amerikanische Performancekünstler John Giorno mit „Dial-A-Poem“ Gedichte am Telefon.

Die Lyrikanrufe des Schauspiel Stuttgarts werden bis Ende Juli verschiedene Dichter vertonen. Das Angebot ist kostenlos. Man kann sich über die Internetseite des Schauspiels Stuttgart anmelden. Die Schauspielerinnen und Schauspieler rufen dann zum verabredeten Zeitpunkt an, um eine Auswahl von Gedichten persönlich am Telefon vorzulesen. Premiere hat das Lyriktelefon mit Gedichten von Friedrich Hölderlin und Nelly Sachs.

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