Schülerinnen und Schüler nehmen mit Mund- und Nasenschutz am Unterricht teil (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Matthias Balk)

Wie wirkungsvoll sind Luftfilter?

Studie im Auftrag der Stadt Stuttgart: Luftfilter nicht wirksamer als Lüften

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Welche Wirkung haben Luftfilter in Klassenzimmern? Die Stadt Stuttgart hat im Januar dazu eine Studie in Auftrag gegeben. Noch sind die Ergebnisse nicht öffentlich zugänglich.

Für die Studie hatte die Stadt Stuttgart das Institut für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung der Universität Stuttgart beauftragt. Zu den Ergebnissen der Studie, die bislang noch nicht öffentlich gemacht wurde, sagte Institutsleiter Konstantinos Stergiaropoulos dem SWR: "Negativ gesagt, kann man bei keiner der Strategien (Lüften, Lüftungsanlagen und Luftfiltern) ausschließen, dass jemand krank wird." Die Infektionswahrscheinlichkeit liege bei allen Strategien bei unter 10 Prozent.

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Umfangreichste Studie im deutschsprachigen Raum

Ein halbes Jahr lang wurden an zehn Stuttgarter Schulen Untersuchungen durchgeführt. Dabei wurden Aerosole freigesetzt, die vergleichbar mit menschlichen Aerosolen sind, so der Institutsleiter Stergiaropoulos. Die Studie habe deswegen eine sehr hohe Aussagekraft - es gebe keine vergleichbare Studie im deutschsprachigen Raum. Wann die Studie öffentlich einsehbar ist, ist noch unklar. Zuvor war die Veröffentlichung für den 13. Juli angekündigt.

Attrappen statt Schüler

Nach Informationen der SWR-Wissenschaftsredaktion ist bei der über sechsmonatigen Studie vorrangig mit Dummies anstelle von Schulkindern gearbeitet worden. Gemessen wurde, was marktübliche Luftfiltergeräte leisten können. Welche Geräte dabei verwendet wurden, ist noch nicht bekannt. Der Studienleiter sagte dem SWR, dass es beim Einsatz der lauten Geräte in den Klassenräumen "nicht besonders behaglich zugehe".

Vergleich und Bewertung der Studie stehen noch aus

Wenn eine ausreichende Fensterfläche im Schulzimmer vorhanden sei, könne man durch häufiges Lüften - am besten alle zehn Minuten zweieinhalb Minuten Fenster auf - bessere Werte erreichen. Andere Studien haben nach Recherchen der SWR-Wissenschaftsredaktion bisher ergeben, dass der Einsatz von Luftreinigern in Verbindung mit ab und zu Lüften zur Frischluftzufuhr am effektivsten gegen Aerosole hilft. Um die Stuttgarter Auftragsstudie nun in diesem Kontext einzuordnen und zu bewerten, müsse sie zunächst öffentlich gemacht werden, fordern Fachleute. Solange müsse man abwarten und auch die Interessen der aus der Studie zitierenden Politiker im Hinterkopf behalten.

Die Schulleiterin Sascha Sauter von der Heinrich Steinhöwel Gemeinschaftsschule in Weil der Stadt mit einem H14 (Hepa) Filter im Klassenzimmer.  (Foto: SWR)
So können die Luftfilter aussehen: Schulleiterin Sascha Sauter von der Heinrich Steinhöwel Gemeinschaftsschule in Weil der Stadt mit einem H14-HEPA- Filter im Klassenzimmer.

Luftreiniger für Klassenzimmer ohne gute Lüftungsmöglichkeiten

Der Stadt Stuttgart liegt die Studie vor. Sie zieht erste Konsequenzen aus den Studienergebnissen. Isabel Fezer (FDP), Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, sagte gegenüber dem SWR, man wolle die Klassenzimmer mit Luftfiltern ausrüsten, in denen das Lüften nur schlecht möglich sei. Langfristig sollen in den Schulen außerdem Lüftungssysteme eingebaut werden. Bis dahin setze man auf das Lüften und bei steigenden Infektionszahlen auch wieder auf die Maskenpflicht.

"Ich brauche ja keine Luftreinigungsgeräte, um ein hohes Maß an Sicherheit und Schutz herbeizuführen. Mit Stoßlüften und Maske kriege ich das auch so hin."
Temperaturunterschied beim Lüften ebenfalls untersucht

Die Entscheidung, die mobilen Luftfilter nicht in allen Klassen aufzustellen, habe man auch mit Blick auf die Temperaturen gefällt, so Bürgermeisterin Fezer weiter. So habe die Studie ergeben, dass der Temperatursturz beim Lüften nur relativ gering sei und die Temperatur auch sehr schnell wieder steige. "Das heißt, man hat den größten Teil der Zeit über 20 Grad".

Fezer: Studie zeigt Nachteile der Luftreinigungsgeräte

Laut der Studie hätten die Luftreinigungsgeräte eine hohe akustische Belastung und führten zu Zugluft, so Fezer. Außerdem saugten die Geräte nur Aerosole auf - zu einem guten Klassenklima gehöre beispielsweise aber auch eine geringe CO2-Belastung. Nur regelmäßiges Lüften oder fest installierte Lüftungsanlagen könnten ein gutes Klassenklima herstellen.

Land bietet Geld an, überlässt die Entscheidung aber den Kommunen

Die baden-württembergische Landesregierung will den Schulen 60 Millionen Euro für Luftfilter zur Verfügung stellen. Dies soll einfach und unbürokratisch geschehen.

Die Entscheidung, ob und wie die Luftfilter eingesetzt werden, solle bei den Kommunen liegen. Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) sagte am Dienstag, dass von den Filteranlagen nicht abhängen werde, ob Schulen nach den Sommerferien wieder schließen müssen.

Gewerkschaften für Luftfilteranlagen - Städtetag ist dagegen

Die Bildungsgewerkschaft GEW und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi dringen bereits seit längerer Zeit darauf, die Klassenzimmer in Baden-Württemberg mit Luftfiltern auszustatten. Aus ihrer Sicht sind Luftreinigungsgeräte in den Klassenzimmern auch ohne das Coronavirus eine lohnende Investition, da sie nach der Pandemie für bessere Luft und damit für besseres Lernen sorgen.

Der Städtetag Baden-Württemberg ist dagegen der Meinung, mobile Lüftungsanlagen könnten die Pandemie nicht bekämpfen. Die Lärmbelastung, die fehlende Frischluftzufuhr und der hohe Energieverbrauch sprechen dagegen, so Gudrun Heute-Bluhm (CDU), Vorstandsmitglied des Städtetags. Auch das Umweltbundesamt hatte erklärt, dass mobile Luftfilter nur eine Ergänzung zum aktiven Lüften sein könnten.

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