Helferinnen warten am Hauptbahnhof Stuttgart auf Flüchtlinge aus der Ukraine (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)

Krieg in der Ukraine

Hauptbahnhof Stuttgart: Live-Blog zur Ankunft von Flüchtlingen aus der Ukraine

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Philipp Pfäfflin
Bild von Philipp Pfäfflin (Foto: SWR, SWR - Foto: Alexander Kluge)

Immer mehr Menschen aus der Ukraine kommen nach Baden-Württemberg - viele über den Stuttgarter Hauptbahnhof. Was erwartet sie dort? Wer hilft ihnen? Und wie geht es ihnen?

- Dubiose Wohnungsangebote für Frauen
- Helfende am Limit
- Das Problem mit ukrainischem Bargeld
- OB trifft russisch-stämmige Helferin
- Drei Tage lang ohne Wasser auf der Flucht
- Die Übersetzerin aus Kirgisistan

Corona-Bus bringt positiv getestete Geflüchtete in spezielle Unterkünfte

Donnerstag, 17:30 Uhr

Wer Corona positiv ist, bleibt zu Hause in Quarantäne. Bei Geflüchteten geht das nicht - insbesondere nicht, wenn sie gerade auf dem Hauptbahnhof ankommen oder schon in einer Massenunterkunft untergebracht sind. Hier kommt der Corona-Bus der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ins Spiel. Er holt Infizierte ab und bringt sie in Quarantäne-Hotels. Eine Aufgabe, bei der es auf Fingerspitzengefühl ankomme, sagt Fahrer Antonio Cipriano. "Man muss sich das vorstellen: Da ist jemand nach fünf Tagen Flucht gerade vorübergehend angekommen und dann stehen zwei Männer im Corona-Vollschutz vor ihm und wollen ihn abholen." Aber: "Familien bleiben immer zusammen, werden nicht auseinander gerissen", sagt Kollege Paul Rösch.

Isolationsfahrten für positiv-getestete Flüchtlinge (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Antonio Cipriano (links) und Paul Rösch von der DLRG bringen positiv-getestete Flüchtlinge in extra Quarantäne-Hotels. Philipp Pfäfflin

10 bis 15 Personen, werden derzeit mit dem Isolationsbus transportiert. Infizierte in die Quarantäne, Genesene wieder zurück in die reguläre Unterkunft. Nach den Isolationsfahrten muss die gesamte Schutzkleidung entsorgt und das Fahrzeug desinfiziert werden. "Das kostet Zeit", sagen die DLRG-Männer.

Bahnhofsmanager öffnet Flüchtlingen und Helfern in Stuttgart die Türen

Donnerstag, 15:40 Uhr

Als Bahnhofsmanager ist Nikolaus Hebding verantwortlich für 93 Bahnhöfen in der Region Stuttgart. Und als solcher hat er einen Großteil der Hilfe im Stuttgarter Hauptbahnhof erst möglich gemacht. Das fängt an bei Jetons, damit Geflüchtete kostenlos die Toilette benutzen können, geht weiter über Parktickets für Helferinnen und Helfer bis hin zum Gestatten von Plakaten einer Ukraine-Hilfsorganisation.

Bahnhofsmanager Nicolaus Hebding vor einem Warteraum für Geflüchtete (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Als Bahnhofsmanager zieht Nicolaus Hebding im Hintergrund die Fäden, damit auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof alles rund läuft - auch die Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine. Philipp Pfäfflin

Außerdem hat er einen nagelneuen Warteraum - etwas abseits von den Gleisen - für die Übernachtung von Geflüchteten geöffnet. Denn nicht immer klappt es, sie gleich noch in der Nacht in eine städtische Unterkunft weiterzutransportieren.

Wohnungsvermittlung von Frauen aus der Ukraine an Privatpersonen zu heikel

Donnerstag, 14:10 Uhr

Unterkunft für Single-Frau gegen Geld – solche Angebote machen Elena Eberle hellhörig. Vor allem wenn das Geld, also die vermeintlich seriöse Miete, "abgearbeitet" werden kann: durch das Teilen des Bettes mit dem Vermieter, dessen Recht, die Frau, wann immer er will, zu berühren… Gab es wirklich solche Fälle in Stuttgart in der kurzen Zeit seit Beginn des Kriegs? Ja, sagt Elena Eberle und verweist auf entsprechende Einträge auf der Facebook-Gruppe von Wolja. Die Hilfsorganisation hat den Fall bei der Polizei gemeldet, was daraus geworden ist, weiß Elena Eberle nicht. Wolja hat daraus gelernt, so Mit-Gründerin Elena Eberle. Die Hilfsorganisation hat die Facebook-Gruppe geschlossen und verweist auch nicht auf andere Angebote zur privaten Wohnungsvermittlung.

Ausschnitt aus einem Chat-Verlauf in einer Facebook-Gruppe (Foto: Facebook-Gruppe Wolja)
Eintrag aus einer Facebook-Gruppe zur Wohnungsvermittlung. Die Stuttgarter Hilfsorganisation "Wolja" hat die Gruppe mittlerweile geschlossen, weil sie nicht alle Angebote auf Seriosität prüfen kann. Facebook-Gruppe Wolja

Auch Antje Weber von der Bahnhofsmission sagt: "Wir wollen da niemandem etwas unterstellen, da sind viele Menschen, die guten Herzens helfen wollen, aber wir können das nicht kontrollieren, wo da eventuell schwarze Schafe dabei sind." Wenn Städte oder Organisationen sich darauf spezialisieren und Wohnungsangebote auf ihre Seriosität überprüfen können, dann sei das natürlich etwas anderes.

Bahnhofsmission: Heute ähnliche Situation wie vor gut 100 Jahren

Donnerstag, 12:05 Uhr

Neben der Bundespolizei sind etliche Security-Kräfte der Bahn auf dem Hauptbahnhof präsent – zu ihren Aufgaben gehört es auch, allein reisende Frauen aus der Ukraine vor Gewalt von Männern zu schützen. Das erinnert die Leiterin der Stuttgarter Bahnhofsmission Antje Weber an die Anfänge ihrer Hilfsorganisation. Ende des 19. Jahrhunderts waren massenhaft allein reisende Frauen unterwegs. Es war die Zeit der Industrialisierung, die jungen Frauen kamen mit dem Zug in die großen Städte, um dort zu arbeiten. Und bekamen unlautere Angebote. Um sie zu schützen, wurde 1894 in Berlin die erste Bahnhofsmission gegründet.

Eingang Bahnhofsmission Stuttgart (Foto: Pressestelle, Bahnhofsmission Stuttgart)
Bahnhofsmissionen verstehen sich immer schon als Schutzraum für Mädchen und Frauen. Ein Aufgabe, die auch heute im Zusammenhang mit den geflüchteten Frauen aus der Ukraine wieder sehr aktuell ist, heißt es bei der Bahnhofsmission im Stuttgarter Hauptbahnhof. Pressestelle Bahnhofsmission Stuttgart

So hat das Radioprogramm von SWR4 BW über die Situation auf dem Hauptbahnhof am Donnerstag berichtet:

Helfen rund um die Uhr: Wie lange geht das gut?

Donnerstag, 10:55 Uhr

"Es ist ja super toll, wie alle helfen wollen", freut sich die Elena Eberle, die die Hilfsorganisation "Wolja" mitgegründet hat. Gerade habe eine Frau 30 Pakete mit Hygieneartikeln gepackt, doch Wolja hat kein Lager, kann nur begrenzt Waren annehmen. Auch schwierig: Essensangebote. Da bieten Leute fertig geschnittenen Kuchen an, belegte Brötchen, selbst gekochtes Essen. Doch auch das kann die Hilfsorganisation nicht annehmen – aus Hygienegründen.

"Schlägt die Stimmung irgendwann um?"

Dazu kommt die Masse der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die sich extra freinehmen, um auf dem Bahnhof beim Übersetzen zu helfen, den Geflüchteten eine erste Orientierung bieten. Doch wie lange wird diese Hilfsbereitschaft anhalten? Folgen auf die große Euphorie irgendwann Ernüchterung, Erschöpfung und Frust? Auch das beschäftigt Elena Eberle und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Elena Eberle ist eine der Gründerinnen von der Hilfsorganisation "Wolja". (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Elena Eberle ist eine der Gründerinnen von der Hilfsorganisation "Wolja". Manchmal hat sie den Eindruck, ihr wachse alles über den Kopf. Philipp Pfäfflin

Sie selbst hatte am Anfang gedacht: "Ich helfe da mit, mache etwas Layout und Grafik, ein, zwei Stunden am Tag." Mittlerweile hat Wolja rund 100 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, allein diese müssen gemanagt werden. Wie lange sie das neben Architektur-Studium und Job durchhalten kann, weiß Elena Eberle nicht. Aber klar ist auch: Jetzt nicht alles zu geben, um für die Menschen aus der Ukraine da zu sein, kommt für sie auch nicht in Frage.

Flüchtlinge aus der Ukraine schlafen zwischen spielenden Kindern

Donnerstag, 9:10 Uhr

"Eigentlich müsste hier niemand übernachten", sagt Daniel Anand, Sprecher der Stuttgarter Feuerwehr. Er zeigt auf Feldbetten in einem Warteraum, der derzeit für Geflüchtete aus der Ukraine reserviert ist. Doch oft ist die Erschöpfung zu groß. Geflüchtete allen Alters ziehen sich am helllichten Tag die Decke über den Kopf - während drumherum Kinder auf dem Boden spielen, Erwachsene versuchen mit dem Handy Kontakt mit den Angehörigen in der Ukraine aufzunehmen und ein Mitarbeiter von der Bahnhofsmission mit einem Besen Essenskrümel aufkehrt.

Provisorische Feldbetten in einem Warteraum im Hauptbahnhof Stuttgart (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Provisorische Schlafmöglichkeiten in einem Warteraum auf dem Stuttgarter Hauptbahhof. Im selben Raum wird gegessen, geredet und mit Kindern gespielt. Philipp Pfäfflin

Wer nicht vor Erschöpfung auf der Stelle einschläft, der muss nicht in dem Warteraum bei Gleis 1 schlafen, sondern bekommt einen richtigen Schlafplatz, sagt Feuerwehr-Sprecher Anand, der auch der oberste Sprecher für alle Katastrophenschutz-Einsatzkräfte ist: In Hotels, Jugendherbergen sowie bei privat – und weil all diese bei weitem nicht reichen, auch in großen Hallen mit mehreren hundert Betten.

Geflüchtete Frau aus der Ukraine: Wer tauscht mein Bargeld um?

Mittwoch, 16:45 Uhr

Helen hat viel Geld. Doch es nützt ihr nichts - denn es ist Bargeld in der ukrainischen Währung Hrywnja. Sie geht zur Sparda Bank, später zur Reisebank, die auf den Umtausch fremder Währungen spezialisiert ist. Die Dame am Schalter schüttelt den Kopf. Nein, Geld aus der Ukraine könne sie nicht annehmen. Auch keine andere Bank, denn wie sollte das Geld in die Ukraine gebracht werden?

Helen versucht es mit Humor zu nehmen:

Helen kommt aus der West-Ukraine. Gleich am zweiten Tag nach Kriegsbeginn sei sie geflohen - zusammen mit ihrer 20-jährigen Tochter. 1.500 Hrywnja hätte die Fahrt an die Grenze kosten sollen, doch dann habe der Taxifahrer die Notsituation der beiden Frauen ausgenutzt und plötzlich 4.000 verlangt - immerhin gut 120 Euro für rund 60 Kilometer, erzählt Helen. Doch sie wolle sich nicht beklagen, weiß, dass es ihr vergleichsweise gut geht. Nicht nur, weil sie rechtzeitig fliehen konnte, auch weil sie Englisch und sogar etwas Deutsch spricht.

Den Schlüssel für ihre ukrainische Wohnung trägt sie immer noch bei sich. Man wisse ja nie. Auch ihr Bruder konnte fliehen. Anders als andere ukrainische Männer durfte er die Grenze passieren. Denn als Vater von drei Kindern gilt für ihn eine Ausnahmeregelung, er musste nicht zur Landesverteidigung bleiben.

Corona-Teststelle nicht mehr vom Katastrophenschutz betrieben

Mittwoch, 15:05 Uhr

Von der ersten, oft provisorischen Hilfe zu langfristigen Strukturen kommen - das ist das erklärte Ziel der Stuttgarter Stadtverwaltung auch im Zusammenhang mit der Flüchtlingshilfe. Ein Erfolg: Die neue Corona-Teststation eines privaten Betreibers. Bislang hatten Einsatzkräften der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ausgeholfen. Noch sei vieles unklar, unter anderem auch wer sich für was testen lassen muss, sagt Christian Copf von der privaten Teststation. Doch klar sei: Ein negativer Test gibt Sicherheit. Egal ob die Geflüchteten danach weiterreisen, in einer großen Halle mit Hunderten anderen oder privat unterkommen. Was Christian Copf freut: Alle 70 Tests bis zum Nachmittag waren negativ.

Hauptbahnhof Stuttgart (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Seit Mittwoch am Hauptbahnhof: Eine Corona-Teststelle, die nicht mehr vom Katastrophenschutz betrieben wird. Philipp Pfäfflin

Bundespolizei warnt ukrainische Frauen vor suspekten Angeboten

Mittwoch, 13:15 Uhr

Die Bundespolizei warnt auf Twitter allein reisende Jugendliche und Frauen vor auffälligen Übernachtungsangeboten - in Deutsch, Ukrainisch und Russisch. Doch sie belässt es nicht nur bei der Warnung. Bundespolizistinnen und -polizisten laufen auf dem Hauptbahnhof Streife. Dienstgruppenleiter Roland Weckenmann: "Wir sind sensibilisiert. Es gab auch Einzelfälle, dir mir bekannt sind. Da wird ein Auge darauf geworfen. Wir halten die Präsenz hoch."

Bislang sind der #PolizeiBW in #BaWü noch keine Fälle von Zwangsprostitution oder Menschenhandel im Zusammenhang mit der Fluchtsituation in der Ukraine bekannt, dennoch möchten wir davor warnen. ⚠️ Weitere Informationen und konkrete Verhaltenshinweise ▶️ https://t.co/MNXLtKVAlw https://t.co/e22k9lz6RT

"Das ist auch der Vorteil, wenn man Kollegen mit Migrationshintergrund hat."

In seiner eigenen Dienstgruppe hat Roland Weckenmann drei Kollegen, die Russisch oder Ukrainisch sprechen. Diese könne man als Sprachmitler wunderbar einsetzen, so der Bundespolizist. "Das ist Gold wert."

Bundespolizei zum Schutz von ukrainischen Frauen auf dem Hauptbahnhof Stuttgart. (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Beamtinnen und Beamte der Bundespolizei zeigen auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof Präsenz vor der Wartehalle am Gleis 1 - auch um allein reisende Frauen aus der Ukraine zu schützen. Philipp Pfäfflin

Oberbürgermeister Nopper trifft russisch-stämmige Helferin

Mittwoch, 12:30 Uhr

Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) will sich selbst ein Bild von der Ankunft ukrainischer Geflüchteter machen. Nach Terminen beim Ausländeramt und in einer Massenunterkunft macht er auch einen kurzen Stopp auf dem Hauptbahnhof. Sein erster Eindruck: "Es ist sehr beengt." Die Bahnhofshalle sei nicht für so eine Situation gebaut worden. Aber er ist beeindruckt, wie Ehrenamtliche helfen. Begleitet wird der Oberbürgermeister von Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann. Das Ziel der beiden: verstehen, was wo benötigt wird und die Strukturen zu verbessern.

"Die russische Community ist uns sehr wichtig"

Bei ihrem kurzen Rundgang über den Hauptbahnhof wird der Oberbürgermeister von Olga Arkhipkina geführt. Die gebürtige Russin unterstützt an ihrem freien Tag ehrenamtlich die Hilfsorganisation Wolja. OB Nopper schätzt das Engagement, weiß er doch, wie gefragt derzeit Menschen sind, die neben Deutsch auch Ukrainisch oder Russisch sprechen. Egal, wo sie herkommen, so der OB. Die Stadtverwaltung unterscheide nicht zwischen Russen und Ukrainern. Hier in Stuttgart würden alle zusammenstehen.

Hauptbahnhof Stuttgart (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Nach einem kurzen Gespräch, ein Foto. Der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper hat sich von Olga Arkhipkina (blaue Weste) zeigen lassen, wie Hilfsorganisationen auf dem Hauptbahnhof arbeiten. Philipp Pfäfflin

Erste medizinische Hilfe für Geflüchtete auf dem Hauptbahnhof

Mittwoch, 11:10 Uhr

Annika Gspandl ist eigentlich Ingenieurin. Doch im Moment ist sie für die Johanniter am Stuttgarter Hauptbahnhof ehrenamtlich tätig, kümmert sich um die medizinische Erstversorgung von Geflüchteten. Große Erschöpfung, Kreislaufprobleme, Verletzungen - meist kann sie schnell und unkompliziert selbst helfen. Manchmal ruft sie aber auch einen Krankenwagen. Ukrainisch spricht sie nicht, kann nur vermuten, was in den Köpfen ihrer Patientinnen und Patienten vorgeht. Aber neben den normalen Strapazen einer tagelangen Reise, haben die Geflüchteten mit viel schwerwiegenderen Problemen zu kämpfen, vermutet sie: Angst um die Angehörigen in der Ukraine, Unsicherheit, was die Zukunft bringt und die Kinder, die all das miterleben müssen, ohne es wirklich verstehen zu können.

Johanniter versorgen Flüchtlinge am Hauptbahnhof (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Einsatzkräfte wie Annika Gspandel und Stefan Busch von den Johannitern versorgen Geflüchtete gleich nach ihrer Ankunft am Stuttgarter Hauptbahnhof. Philipp Pfäfflin

Mit dem Haustier auf der Flucht

Mittwoch, 9 Uhr

Nicht nur Frauen und Kinder sind auf der Flucht. Viele haben auch ihre Haustiere mitgebracht. Neben Hunden sind es vor allem Katzen. In Kartons, zugeklebten Katzenklos und auch im Rucksack. Einer Helferin, die selbst Katzen hat, blutet das Herz: "Das sind freiheitsliebende Tiere, so lange eingesperrt, das ist nicht gut." Andererseits gibt sie zu: "Ich könnte mich auch nicht von meiner Katze trennen." Und auch für die ukrainischen Kinder seien Tiere auf der Flucht ganz wichtig.

Tiernahrung für Haustiere von Geflüchteten (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Neben Lebensmitteln, Windeln und Malsachen für Kinder gehört auch Tiernahrung zu den Dingen, die derzeit im Hauptbahnhof Stuttgart stark nachgefragt werden. Denn für etliche Flüchtlinge war klar, ihre Haustiere lassen sie nicht allein im Krieg zurück. Philipp Pfäfflin

Ukraine-Krieg weckt Erinnerungen an den Kalten Krieg

Dienstag, 18:20 Uhr

Christian Kalbitz weiß nie, was bei seinen Einsätzen auf ihn zukommt. "Ich helfe, wo Hilfe benötigt wird", ist das Motto des ehrenamtlichen Helfers der Bahnhofsmission. Im Warteraum für ukrainische Geflüchtete schmiert er Salami-Brötchen im Akkord - und freut sich, wie die dort sitzenden Frauen dankbar zugreifen.

"Ich bin zur Zeit des Kalten Kriegs groß geworden", erzählt der 61-Jährige: "Und genau das, was wir damals vor Augen hatten, ist jetzt passiert." Nach einer Weile sagt er noch: "Nein, schlimmer. Damals hätte das Politbüro den sowjetischen Staatschef theoretisch noch aufhalten können. Das sei bei Putin anders.

Bahnhofsmission Stuttgart hilft Geflüchteten aus der Ukraine (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Ukrainisch spricht Christian Kalbitz nicht. Doch auch mit dem Streichen von Brötchen hilft der ehrenamtliche Mitarbeiter der Bahnhofsmission Geflüchteten aus der Ukraine. Philipp Pfäfflin

Bahnhofsmission: Nicht jede Hilfe ist willkommen

Dienstag, 17:10 Uhr

Es gibt Hilfe, die ist gut gemeint - mehr aber nicht. Das weiß man bei der Bahnhofsmission. Denn schon jetzt stapeln sich Waren in den Büroräumen. Leiterin Antje Weber hat einfach keinen Platz, Dinge anzunehmen, die nicht wirklich gebraucht werden. Umso mehr freut sie sich über Menschen, die vorbei kommen und fragen, was denn benötigt werde - und dann genau das einkaufen und der Bahnhofsmission überreichen.

Bahnhofsmission Stuttgart hilft Geflüchteten aus der Ukraine (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Stark nachgefragt durch den Krieg in der Ukraine: Babynahrung, Wundcreme und Malsachen. Auch einen Fläschchenwärmer hat die Bahnhofsmission seit Kurzem. Philipp Pfäfflin

Von der Ukraine nach Stuttgart: drei Tage lang ohne Wasser

Dienstag, 15:05 Uhr

Tetiana ist seit Kriegsbeginn am Hauptbahnhof, hilft wo sie kann. Das Leid, das die 30-Jährige hört, der Krieg und die Gewalt - das berührt sie sehr. "Das ist psychologisch anstrengend, das macht etwas mit mir", gesteht sie. Aber es gehe nicht um sie, schiebt sie gleich nach, den Geflüchteten gehe es viel schlechter. Sie erzählt von einer über 70-jährigen Frau aus der Ukraine, die drei Tage kein Wasser getrunken habe, weil sie inkontinent ist und Angst hatte ihre Einlage, also ihre Art Windel, zu wechseln. Aber auch die alte Dame will kein Mitleid: "Machen Sie sich keine Sorgen. Heute trinke ich wieder etwas. Und morgen mache ich wieder Scherze."

Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Ständig umlagert - Tetiana kommt ursprünglich aus der Ukraine. Doch seit 22 Jahren lebt sie in Deutschland. Da sie Ukrainisch spricht, kann sie selbst kaum abschalten, ständig ist ihre Hilfe gefragt. Philipp Pfäfflin

Lebensmittel, Ruhe und Infos für Flüchtlinge bei Gleis 1

Dienstag, 14:15 Uhr

Neben Gleis 1 bekommen Geflüchtete aus der Ukraine Hilfe. Es gibt auch etwas zu trinken und zu essen. Viele nützen die Räume auch als Schutz gegen Regen und Kälte.

Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Kistenweise Nachschub. Frische Äpfel werden in das Geflüchtetenzentrum gebracht. Philipp Pfäfflin

Rettungsschwimmer testen auf Corona

Dienstag, 13:20 Uhr

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG ist seit Samstag im Einsatz. Sie hat ein Zelt aufgebaut, dort werden Geflüchtete auf Corona getestet. Einen Dolmetscher haben sie nicht. Das muss mit Händen und Füßen gehen, erklärt Boris Kaufmann. Manchmal helfe auch ein Übersetzungsprogramm auf dem Handy. Viele Geflüchteten seien einfach nur dankbar, erklärt Florian, der gerade einen Nasenabstrich macht. Viele Geflüchtete seien erschöpft, vor allem abends, erzählt er, manchmal kämen Eltern mit schlafenden Kindern im Arm. "Die müssen wir zum Testen dann wecken."

Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Corona-Schnelltest in der Nähe von Gleis 1. Die Einsatzkräfte vom DLRG haben Erfahrung. Während der ersten Corona-Welle haben sie in Pflegeheimen getestet. Philipp Pfäfflin

14-Jähriger ist mit Mutter und Freund aus der Ukraine geflohen

Dienstag, 12:15 Uhr

Andrejs ist zusammen mit einem Freund und der Mutter aus der Ukraine geflohen. Seit einer Woche lebt der 14-Jährige in der Nähe von Stuttgart. Er konnte bei Bekannten unterkommen. Wie es weitergeht, weiß er nicht. Im Moment wolle er hier bleiben. Er ist auf dem Bahnhof, um eine SIM-Karte fürs Handy zu organisieren.

Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Andrejs (links) ist mit einem Freund und seiner Mutter aus der Ukraine geflohen. Er ist derzeit bei Bekannten untergekommen. Philipp Pfäfflin

Russisch und Ukrainisch: Übersetzungshilfe aus Kirgisistan

Dienstag, 11:40 Uhr

"Ich kann nicht einfach zu Hause sitzen", sagt Aselja. Die Studentin kommt aus dem zentralasiatischen Land Kirgisitan. "Dort sprechen viele Russisch", erklärt sie. So wie sie auch. Sie schenkt ukrainischen Müttern Tee aus, schenkt Kindern Süßigkeiten und hilft immer wieder bei kleinen Übersetzungen.

"Viele haben Angst. Das sieht man an den Augen."

Wenn sie sich vorstelle, dass die Frauen und Kinder, die sie an einem kleinen, provisorischen Stand der Hilfsorganisation "Wolja" im Stuttgarter Hauptbahnhof willkommen heißt, seit Wochen auf der Flucht sind "auf einer Reise ins Ungewisse", dann weiß sie, warum sie in ihrer Freizeit hilft. Denn wäre sie auch der Flucht, dann würde sie sich auch über Hilfe freuen, erklärt sie.

Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Aselja (links) kommt aus Kirgisistan und spricht Russisch. Die Studentin, die seit einem halben Jahr in Deutschland lebt, stellt sich vor, was sie bräuchte, wenn sie auf der Flucht wäre. Deswegen hilft sie. Philipp Pfäfflin

Hauptbahnhof Stuttgart: Eine Viertel Million Reisende täglich

Dienstag, 10:30 Uhr

Der Stuttgarter Hauptbahnhof. Rund 1.500 Züge - inklusive S-Bahnen - halten hier täglich. Rund 240.000 Menschen steigen laut Bahn ein, aus oder um. Ein Ort, an dem es eigentlich stressig zugeht. Pendler, die routiniert die Gleise wechseln, Reisende, die ihre Koffer über die Bahnsteige ziehen. Und mitten unter ihnen auch Geflüchtete aus der Ukraine. Doch viele von ihnen fallen erst einmal gar nicht auf.

Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Meist sind Reisende aus der Ukraine nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Doch die Erfahrung zeigt, oft sind es Züge - wie dieser ICE - aus Berlin, die Geflüchtete an Bord haben. Philipp Pfäfflin

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