Geraubte Kirchenglocken soll zurückgegeben werden (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Bernd Weißbrod)

54 "Friedensglocken" für Polen und Tschechien

Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt von Nazis beschlagnahmte Glocken zurück

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Aus Aichtal (Kreis Esslingen) stammen die ersten von 54 Glocken, die die katholische Kirche zurückgeben will. Vor dem Abtransport des Raubguts wurden sie zu "Friedensglocken" geweiht.

Viele Glocken wurden im Zweiten Weltkrieg von den Nazis aus Kirchen entfernt, um Metall für die Rüstungsindustrie zu gewinnen - auch in ehemals deutschen Ostgebieten. Nicht zerstörte Glocken aus diesen Gebieten hängen seither auch in Kirchen in Baden-Württemberg und sollen nun ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart beginnt fast 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Rückgabe der geraubten Glocken. Sie stellt sich damit in eine Reihe mit deutschen Institutionen, die Raubkunst aus den ehemaligen Kolonialgebieten in Afrika zurückgeben wollen.

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Über sieben Jahrzehnte in württembergischen Glockentürmen

Am Freitag hat die Diözese das Projekt "Friedensglocken für Europa" gestartet. Dabei geht es um Kirchenglocken, die von den Nationalsozialisten im heutigen Tschechien und Polen beschlagnahmt wurden und seitdem in der württembergischen Diözese läuten. Das Bistum biete auf eigene Kosten den Kirchengemeinden im Osten die Rückgabe an, sagte Bischof Gebhard Fürst vor Journalisten in Aichtal bei Esslingen.

80 Prozent der Glocken für Rüstungszwecke eingeschmolzen

Laut Projektleiter Hans Schnieders von der Diözese hatten die Nationalsozialisten insgesamt über 100.000 Kirchenglocken beschlagnahmt, von denen rund 80 Prozent für Rüstungszwecke eingeschmolzen wurden. Lediglich 16.000 waren bei Kriegsende vor 76 Jahren noch erhalten. Davon wurden 1.300, die auf dem "Glockenfriedhof" im Hamburger Hafen lagerten, von der britischen Militärregierung Kirchengemeinden in Westdeutschland zugewiesen. Insgesamt kamen so 67 Glocken in katholische Gemeinden Württembergs. 54 dieser Glocken befinden sich nach Angaben einer Sprecherin der Diözese noch in Württemberg.

Festgottesdienst mit polnischem und tschechischem Bischof

Die Besonderheit in Aichtal: Dort hängen im Kirchturm der Kirche "Maria Hilfe der Christen" eine Glocke aus Polen und eine aus Tschechien. Diese wurden am Freitag in einem Festgottesdienst zu "Friedensglocken" geweiht. An der Feier nahmen neben Fürst der polnische Bischof Jacek Jezierski (Bistum Elblag) und der tschechische Bischof Martin David (Bistum Ostrau-Troppau) teil.

Anstoß zu neuen internationalen Begegnungen

Neben der Rückgabe von Glocken soll das Projekt auch zu neuen Begegnungen zwischen Christen in West und Ost führen, erläuterte Bischof Fürst. Wo eine Glocke zurückkehre, solle es eine Gedenktafel geben. Es gebe aber auch bereits eine Gemeinde im Osten, die ihre ehemalige Glocke nun in Württemberg als "Friedensglocke" lassen wolle. In drei Wochen solle die erste Glocke zurück nach Pist in Tschechien gehen.

Diözese schafft neue Glocken an

Für jede zurückgeführte Glocke wird den Angaben zufolge eine neue gegossen. Diese "Friedensglocken" erhalten ein Motiv des in Stuttgart lebenden italienischen Künstlers Massimiliano Pironti. Es zeigt zwei Tauben mit einem Ölzweig auf einem Strahlenkranz.

Zehn Jahre Diskussion um Rückführung

Auf das Thema aufmerksam geworden ist Bischof Fürst nach eigenen Angaben vor zehn Jahren. Damals wurde festgestellt, dass im Rottenburger Dom St. Martin eine Glocke aus Gorzow Slaski im heutigen Polen läutet. Nach Recherchen sei schnell klargeworden, dass das Bistum noch weitere Glocken aus Polen und Tschechien in seinen Kirchtürmen hängen hat. Das Projekt "Friedensglocken für Europa" ist auf sechs Jahre angelegt.

Wegen der Corona-Pandemie kann die Feier unter anderem auf dem Youtube-Kanal der Diözese verfolgt werden.

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