Mit einem Schlussgottesdienst ging am Sonntag der 102. Deutsche Katholikentag in Stuttgart zu Ende. (Foto: IMAGO, IMAGO Bildnummer: 0160201532)

Veranstalter ziehen Bilanz

27.000 Menschen bei Katholikentag in Stuttgart

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27.000 Menschen haben am Katholikentag in Stuttgart teilgenommen. 2018 waren es noch dreimal soviel. Die Veranstalter machen die Skandale um sexuellen Missbrauch und Corona für den Rückgang verantwortlich.

Die schweren Krisen weltweit und die Aufarbeitung der Skandale in der Kirche prägten den 102. Katholikentag in Stuttgart. Im Vergleich zum letzten Katholikentag brach die Zahl der Besucherinnen und Besucher mit nur 27.000 Menschen regelrecht ein. Insgesamt waren 20.000 Dauerteilnehmende und 7.000 Tagesgäste bei der fünftägigen Veranstaltung. 2018 zog das Treffen der katholischen Kirche noch 90.000 Gläubige nach Münster in Westfalen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sieht die Ursachen in den Missbrauchsskandalen der Kirche, aber auch in der Corona-Pandemie. Trotzdem blickte es positiv auf das Kirchenfest.

Manchen Besucherinnen und Besuchern gefiel es, dass sich das Gedränge in Grenzen hielt:

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ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp: Kirchentag ein Ort notwendiger Reformen

"Die Kirche ist herausgefordert durch eine eigene Krise in einer Zeitenwende", zog die ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp bei einer Pressekonferenz am Samstag Bilanz. Seit 2010, als die Missbrauchsskandale ins Licht der Öffentlichkeit rückten, sei das ZdK mit Reformen beschäftigt. Der Synodale Weg mache Hoffnung auf Veränderungen. Er fördere aber auch Erkenntnisse darüber zutage, wie tief die Kirche in der Krise stecke. Der Kirchentag sei ein Ort, an dem notwendige Reformen in Kirche und Gesellschaft ins Wort gebracht würden, so Stetter-Karp. Der Synodale Weg beschreibt die innerkirchliche Debatte um Reformen infolge der Missbrauchskandale in der Kirche.

Der Katholikentag widmete sich auch dem Krieg in Osteuropa. Ein gerechter Frieden dort sei nur wiederherzustellen, wenn sich die Ukraine erfolgreich verteidigen könne. "Dafür braucht sie Hilfe und Unterstützung. Wir können nicht tatenlos zusehen", so die ZdK-Präsidentin.

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Kritik an öffentlichen Zuschüssen

Die Zahl der Teilnehmenden liegt innerhalb des von den Veranstaltern erwarteten Rahmens von 20.000 bis 30.000. Mit Blick auf das nächste Katholikentreffen in zwei Jahren in Erfurt denke der ZdK über neue Formate nach, um dem Rückgang entgegenzuwirken, so Stetter-Karp. Möglich sei "ein größerer Umbau auf allen Ebenen".

Die humanistische Giordano-Bruno-Stiftung, die sich in der Tradition der Aufklärung sieht, kritisierte die öffentlichen Zuschüsse von Stadt, Land und Bund für den Katholikentag. Sie hätten mit Stuttgart ein neues Rekordniveau erreicht, da die Kosten mit zehn Millionen Euro gleich hoch gewesen seien, obwohl nur so wenige Menschen teilgenommen hätten. "Diese absurd hohen Fördersummen sind mit einem weltanschaulich neutralen Staat nicht zu vereinbaren", sagte David Farago, Aktionsleiter der Giordano-Bruno-Stiftung.

Stetter-Karp sagte dagegen, mit vorherigen Katholikentagen könne dieser nicht verglichen werden, da es solche analogen Großveranstaltungen wegen Corona fast zwei Jahre lang nicht mehr gegeben habe. Der Katholikentag sei ein "Herantasten an Wiederbegegnung, ein Befreiungsgefühl nach langer Zeit des beeinträchtigten Lebens" gewesen.

Auch Bischöfe für Änderungen bei künftigen Katholikentagen

Angesichts der gesunkenen Teilnehmerzahl regten auch mehrere Bischöfe Änderungen an. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck sagte, die Zahl von Stuttgart mache ihn "nachdenklich". Er zeigte sich offen für mehr gemeinsame Events von evangelischer und katholischer Kirche. Wichtig sei es, wieder mehr junge Menschen anzusprechen, die "stärker in digitalen Formaten" unterwegs seien. Nach Überzeugung des Erfurter Bischofs Ulrich Neymeyr muss der Katholikentag "schmaler werden, damit er besser wird". Beide Bischöfe äußerten sich im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur und dem Portal "katholisch.de".

Der Münchner Kardinal und katholische Medienbischof Reinhard Marx warb für eine lebendigere Sprache in der Kirche. Sie müsse deutlich und bildhaft sein, ohne banal oder anbiedernd zu werden. Zugleich kritisierte er eine oft "verschwurbelte" und leblose Kirchensprache, auch in Dokumenten des Vatikans.

Chance auf Weihe von Frauen zu Diakoninnen

Gebhard Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, forderte Katholikinnen und Katholiken dazu auf, in der Kirche zu bleiben und sich für Veränderungen einzusetzen. Er setze sich ein für eine streitbare Kirche, in der verschiedene Meinungen Platz fänden. Die Kirche müsse Frauen ermöglichen, sich stärker einzubringen.

Fürst sieht etwa Chancen für die Weihe von Frauen zu Diakoninnen. Das Thema werde beim Synodalen Weg besprochen. Er habe die "verhaltene Hoffnung" auf eine Mehrheit in der Bischofskonferenz. Er wisse vom Leiter der Glaubenskongregation, dass diese Frage im Vatikan "offen" behandelt werde. "Wir sollten daran festhalten", sagte Fürst, warnte aber zugleich vor zu hohen Forderungen der Reformbewegungen: "Nicht alles, was erwartet wird, kann auch erfüllt werden. Und wenn man die Erwartungen überfrachtet, werden wir in Rom nur Angstreaktionen auslösen."

Bätzing: Putins Krieg fordert kirchliches Engagement heraus

Menschen erwarteten von der Kirche konkrete Schritte, die wolle man gehen, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing. Der Missbrauchsskandal und der Wunsch nach Reformen hätten Menschen beim Katholikentag beschäftigt. Damit gingen Fragen zur Rolle der Frau in der Kirche, Sexualität aber auch zur Machtverteilung einher. Er widersprach dem Vorwurf, dass sich in der katholischen Kirche sowieso nie etwas ändern werde. Vieles könnten die deutschen Katholikinnen und Katholiken selbst bewegen. Bei Reformen, die nur mit der Weltkirche zustande gebracht werden könnten, brächten sich die deutschen Katholiken auf der von Papst Franziskus angekündigten Weltsynode ein.

Bätzing selbst steht gerade in der Kritik, weil er einen Priester trotz Belästigungsvorwürfen befördert haben soll.

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Kretschmann: "Verantwortung hat auch etwas mit Antworten zu tun"

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ermunterte die katholische Kirche bei seinem Besuch des Kirchentags zu Reformen. Die Kirche müsse mutiger werden und ihren Umgang beispielsweise mit Frauen, Geschiedenen und Homosexuellen ändern. Er kritisierte, dass Rom bis heute nicht auf Reformbeschlüsse der von der katholischen Kirche in Deutschland veranstalteten Würzburger Synode (1971-1975) reagiert habe. "Verantwortung hat auch etwas mit Antworten zu tun", so Kretschmann. Nicht zu reagieren, "das geht wirklich gar nicht". Im Vatikan werde "Hierarchie mit Monarchie verwechselt", so Kretschmann, der bis zum vergangenen Herbst dem ZdK angehörte. Angesichts der dramatischen Situation brauche es in seiner Kirche Wunder. Zwar sei in der katholischen Kirche sehr viel Gutes vorhanden, aber das werde meist vom Missbrauchsskandal überschattet. Kretschmann ordnet sich innerkirchlich dem Reformflügel zu. Zu seiner Bibelarbeit waren am Samstagvormittag Hunderte in die Stuttgarter Liederhalle gekommen, die am Schluss minutenlang stehend applaudierten.

Stuttgart

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Der Katholikentag ging mit einer feierlichen Messe unter freiem Himmel am Sonntag zu Ende. Seit Mittwoch hatten sich die Teilnehmenden auf 1.500 Veranstaltungen neben innerkirchlichen Reformen auch mit der Haltung zum russischen Krieg in der Ukraine, den Folgen der Corona-Pandemie oder Fragen von Klima- und Umweltschutz befasst.

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