Suzana Lipovac: "Engagement in Afghanistan war nicht umsonst"

Taliban bitten Stuttgarter Hilfsorganisation weiterzuarbeiten

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Nach der Machtübernahme haben sich die Taliban für die Arbeit ihrer Hilfsorganisation bedankt, sagt Suzana Lipovac im SWR-Interview. Sie arbeitet seit über 20 Jahren in Afghanistan.

Suzana Lipovac ist Gründerin und Vorsitzende der Hilfsorganisation Kinderberg International e.V. in Stuttgart. "SWR Aktuell BW" hat am Mittwoch, den 25. August 2021, mit ihr gesprochen.

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SWR: In Faizabad betreute Kinderberg unter anderem ein Waisenhaus, ein Mutter-Kindheim, sozial Schwache, Risiko-Schwangere, unterernährte Kleinkinder und es war Anlaufstelle für Kranke aus schwer zugänglichen Regionen. Auch Faizabad ist von den Taliban eingenommen worden. Wie haben Sie konkret die Übernahme erlebt?

Suzana Lipovac: Es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Zuerst fiel Kundus, dann die Nachbarprovinz und jeder Distrikt in der Provinz Badachschan war dann irgendwann in ihren Händen. Und dann war der Ring um Faizabad herum zu. Alle Straßen nach Faizabad waren zu und man dachte jetzt passiert es – irgendwann zieht sich die Schlinge komplett zu. Oder sie lassen uns aushungern oder, oder, oder. Die Straßen waren dann aber offen. Man konnte hin- und herreisen. Die haben Checkpoints gemacht, haben aber Lebensmittel reingelassen. Und dennoch gab es dann irgendwann die Nacht, in der die Gefechte losgingen. Der Krieg ist dann entschieden, wenn die Taliban ihre weiße Flagge über dem Gouverneurspalast hissen. Und dann sind sie zwei Tage später zu uns gekommen und haben sich das angeschaut, was wir gemacht haben. Sie haben uns dafür gedankt und gesagt, sie möchten uns bitten, dass wir das wieder anfangen und weiterführen.

"Ich wähne nicht alle in Gefahr."

Das passt fast nicht zusammen mit den Nachrichten, die auch von Gräueltaten gegenüber Frauen berichten?

Nicht bei uns. Das liegt aber daran, dass wir eine Organisation sind, die im Gesundheitsbereich arbeitet.

Sie haben gerade beschrieben, dass Ihre Hilfsorganisation noch weiterarbeitet, auch mit dem Segen der Taliban. Aber Sie haben in 20 Jahren mit Tausenden von Menschen gearbeitet, die Sie auch unterstützt haben und die wähnen Sie in Gefahr. Was geschieht mit denen? Wissen Sie irgendetwas?

Ich wähne nicht alle in Gefahr. Eine Frau, die als Krankenschwester oder Hebamme bei mir gearbeitet hat, die wähne ich nicht so in Gefahr, wie die Frauen, die mit mir viel Kontakt hatten, die Gelder geleitet haben, die Männer eingestellt und auch gekündigt haben. Ich habe nicht die Möglichkeit, die Leute rauszuholen und zu sagen: "Du darfst raus und du nicht, weil dich sehe ich in Gefahr und den anderen nicht.“

Suzana Lipovac neben Afghane. (Foto: Pressestelle, KinderBerg International e.V.)
Suzana Lipovac arbeitet seit 20 Jahren mit ihrer Stuttgarter Hilfsorganisation KinderBerg in Afghanistan. Pressestelle KinderBerg International e.V.

Am Wochenende soll bereits Schluss sein mit den Hilfsflügen, zumindest die der Bundeswehr. (UPDATE 26.8.2021: Nach Medienberichten will die Bundeswehr bereits im Laufe des Donnerstags die Flüge für Flüchtlinge einstellen.) Was ist Ihre dringlichste Forderung?

Meine wichtigste Forderung ist, dass wir die zwei Berechtigungen, die wir benötigen, um jetzt gefährdete Menschenleben zu retten, bekommen. Dass von deutscher Seite klargemacht wird, wen wir als gefährdet ansehen. Aus den Kriterien entwickeln wir eine Liste und die nächste Berechtigung, die man dann braucht, ist die von den Taliban. Dass diese Generalamnestie, die sie verkündet haben, auch umgesetzt wird und diese Leute gehen dürfen. Dann können die von Kabul aus sogar mit dem Bus nach Pakistan fahren und dort in den zivilen Flieger in Islamabad. Das sind diese zwei Dinge, die ich fordere.

Sie werden auch wieder nach Afghanistan zurückkehren?

Wir haben nie aufgehört in Afghanistan zu arbeiten.

Und Sie persönlich?

Ich bin deshalb nicht nach Afghanistan gegangen, weil es auch Entführungen gab. Und weil ich dem Projekt jetzt nicht zuträglich bin, wenn ich vor Ort bin. Aber was dem Projekt viel mehr bringt ist, dass ich hier aktiv bin und die Menschen in Deutschland davon überzeuge, dass sie dieses Land nicht fallen lassen. Sondern dass wir jetzt erst recht Präsenz zeigen - mit Zivilgesellschaft, mit Projekten und so diese Menschen schützen.

"Unsere Arbeit war nicht umsonst."

Die Frage "War alles umsonst?" - diese Frage wird ja vermutlich auch heute (Mittwoch, 25.8.) im Bundestag bei der aktuellen Diskussion und Debatte anklingen - wenn Sie auf Ihre Arbeit mit Frauen und Kindern in den letzten 20 Jahren schauen, würden Sie die so stellen? War alles umsonst?

Nichts war umsonst, gar nichts! Wir haben in der Zeit sechs Millionen Patienten behandelt, das ist nicht umsonst gewesen. Wir haben Frauen ausgebildet, und wir haben vor allen Dingen 20 Jahre lang einer Generation gezeigt, wie wir denken, ticken, handeln, welche Werte wir leben und was der Unterschied ist zwischen dieser Art von Leben und dem anderen. Das haben wir einer kompletten Generation gezeigt. Die, die bei mir gearbeitet haben und 21, 22 Jahre alt waren, die haben noch nie ein Taliban-Regime mitbekommen. Die kennen das gar nicht. Das sind die Leute, die die jetzt in Schach halten müssen und das können die eigentlich nur, wenn sie moderat regieren. Es war nicht umsonst. Das ist eine komplette Generation, das wird nicht ausgelöscht.

Nach der Machtübernahme der Taliban steht die Frage im Raum: Warum wurde die Lage vor Ort falsch eingeschätzt? Auch darüber wurde am Mittwoch im Bundestag in einer Sondersitzung debattiert:

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