Hospitalisierungswert statt Inzidenz

Corona-Zahlen per Fax: Stuttgarter Chefarzt sieht massive Probleme bei Krankenhausmeldungen

STAND

Hospitalisierungszahlen statt Inzidenz? Im Prinzip keine schlechte Idee, sagt der Stuttgarter Chefarzt Matthias Orth im SWR-Interview. Doch bei der Umsetzung hapert es offenbar schon an der Technik.

Matthias Orth ist Chefarzt für Laboratoriumsmedizin am Marienhospital in Stuttgart.

SWR: In Baden-Württemberg wird die Sieben-Tage-Inzidenz nicht mehr als Richtwert für mögliche Reaktionen auf das öffentliche Leben genommen. An deren Stelle soll die Hospitalisierungsinzidenz treten. Was ist das?

Matthias Orth: Die Idee ist, dass man erfasst, wie viele Patienten im Krankenhaus mit Covid-19 behandelt werden. Die Idee an sich ist sehr gut. Das Problem ist die praktische Umsetzung und die ist hochgradig problematisch. Als Beispiel: Ich habe einen grippalen Infekt, mir geht es anfangs noch einigermaßen gut, doch dann gehe ich doch in die Notaufnahme. Dann bin ich dort ein Verdachtsfall für Covid-19. Und jetzt ist die Frage, melde ich schon diesen Verdachtsfall? Werde ich mitgezählt oder werde ich erst gezählt, wenn der Test positiv ist und ich ein bestätigter Covid-19-Fall bin? Im Herbst ist leider zu erwarten, dass relativ viele Menschen mit solch einer Erkrankung ins Krankenhaus kommen und wir eine unglaublich große Anzahl von unklaren Patienten haben. Es kann sein, dass die alle Covid haben oder auch nur ein Prozent und dann sind die Zahlen mit großer Vorsicht zu genießen.

Wohin werden die Zahlen gemeldet?

Die Zahlen werden an das Gesundheitsamt gemeldet. Eigentlich sollte das über ein elektronisches System passieren. Wir haben das DEMIS-System, über das wir die Labormeldungen absetzen, und in der Verordnung steht drin, dass auch die neuen Meldungen elektronisch gemeldet werden sollen. Nun ist es aber so, dass das Robert-Koch-Institut es nicht schafft, dieses Jahr noch die elektronische Meldung zu programmieren. Das heißt, es wird jetzt per Fax ans Gesundheitsamt gemeldet, das Gesundheitsamt fasst die Zahlen zusammen, meldet es an das Landesgesundheitsamt und das erstellt dann die Krankenhausinzidenzzahlen.

Werden diese Zahlen dann - wie die bisherige Inzidenz - so gehandhabt, dass sie im Zweifelsfall Folgen für das öffentliche Leben haben?

Genau so ist es gedacht. Der Vorteil der Labormeldungen, die wir bisher für die Inzidenz hatten, ist, dass diese automatisch und sehr zeitnah abgesetzt wurden. Man konnte in Real-Time die Zahlen erfassen. Das Problem bei den Hospitalisierungsquoten ist, dass wir das per Fax machen müssen. Da werden also Zettel ausgefüllt, die werden auf das Fax gelegt und dann hoffen wir, dass die Gegenstelle nicht besetzt ist. Denn es ist zu erwarten, dass jetzt wieder sehr viel gefaxt wird. Irgendwann geht das Fax durch, jemand auf der anderen Seite muss diese Daten abschreiben, in eine Datenbank eintippen und daraus eine Statistik basteln. Das heißt, wir haben also mit der Faxmeldung einen deutlichen Verzug in der Meldung. Dazu kommen die Verdachtsfälle in den Meldungen und so ist zu erwarten, dass die Hospitalisierungsquoten eine extrem hohe Unschärfe haben.

Es gibt also sowohl bei der Erfassung als auch bei der Meldung der Daten Schwachstellen. Ist das dann der richtige Weg, um mit der Pandemie umzugehen?

Ich halte es für eine unglückliche Lösung. Es gab zum Beispiel die Idee von der Krankenhausgesellschaft, dass man diese Meldungen abgibt, wenn der Patient entlassen wird. Man hat dort also gesehen, dass der Zeitpunkt der Meldung ein Problem ist, und dann war der Vorschlag, dass man erst nach der Entlassung meldet. Das ist natürlich komplett unbrauchbar. Wenn ein junger Mensch vier Wochen im Krankenhaus liegt, dann würde erst nach vier Wochen gemeldet werden, dass wir diesen Covid-19 Patienten hatten. Die Meldungszahlen hinken dann vier Wochen hinterher. Wir bräuchten eine ganz schnelle Meldung und die muss natürlich elektronisch sein. Außerdem muss sicher sein, dass die Meldung auf der anderen Seite ankommt und ich brauche eine Bestätigung, dass ich die Meldung abgesetzte habe, um sicher zu gehen, dass nicht mehrfach gemeldet wird. Die derzeitige Situation halte ich für eine sehr unglückliche Lösung.

Was wäre Ihre Forderung an die Politik?

Die elektronische Meldung muss schnellstens umgesetzt werden. Mit der Faxmeldung macht man sich jetzt ein riesengroßes Problem. Zum einen die Verzögerung, aber auch mögliche Fehler. Man muss sich ja vorstellen, dass auf der anderen Seite jemand den Namen abtippen muss und wenn dann ein Zahlendreher im Geburtsdatum ist, oder Vor- und Nachname vertauscht werden, dann wird ein neuer Fall angelegt, obwohl das gar kein neuer Fall war. Oder wenn jemand von den Angehörigen nicht gefunden wird, weil eine Telefonnummer falsch ist, wird eine riesengroße zusätzliche Mühe hervorgerufen, die völlig vermeidbar wäre, wenn wir einen voll digitalen Prozess hätten.

Baden-Württemberg

Das Coronavirus und die Folgen für das Land Dienstag, 25. Oktober 2022

Corona-Regeln, Zahlen und Impfungen: Die wichtigsten Entwicklungen rund um das Coronavirus in Baden-Württemberg hier im Live-Blog.

Region Stuttgart

Leben mit dem Virus - der Corona-Rückblick Wie sich die Corona-Pandemie auf die Region Stuttgart ausgewirkt hat

Die Corona-Pandemie hat das Leben verändert. Über die Maßnahmen, Folgen und Hintergründe in der Region Stuttgart haben wir auch hier in diesem Ticker berichtet. Nun beenden wir diesen Blog.

Ulm/Neu-Ulm

Zwischen Inzidenzwert und 3G-Regel Corona-Regeln: Das sind die Unterschiede zwischen Baden-Württemberg und Bayern

Während in Baden-Württemberg nicht mehr die Inzidenz den Alltag bestimmt, greifen auf bayerischer Seite nach wie vor bei steigenden Werten verschärfte Regeln. Ein Überblick.

STAND
AUTOR/IN
SWR