90 Prozent der Covid-19-Patienten sind ungeimpft

Covid-Patienten und Impfdurchbrüche: Klinikum Esslingen an Belastungsgrenze

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Am Klinikum Esslingen müssen - wie andernorts - Operationen verschoben werden, weil die Intensivstationen voll sind. Dazu kommen Impfdurchbrüche beim Krankenhauspersonal.

In der Intensivstation im Klinikum Esslingen liegen derzeit sechs Covid-19-Erkrankte. Das entspricht in etwa einem Drittel aller Intensivbetten. Guido Marquardt, Leitender Oberarzt der Intensivmedizin, nennt die Situation angespannt, denn notwendige Operationen wie beispielsweise die von Lungenkrebs müssen verschoben werden. Ein unbefriedigender Zustand, so der 49-Jährige. Er ist seit 20 Jahren Intensivmediziner und hat so eine Situation noch nicht erlebt.

Intensivstation am Klinikum Esslingen (Foto: SWR)
Am Klinikum Esslingen müssen Operationen verschoben werden, weil es nicht genügend freie Betten auf der Intensivstation gibt. Das liegt auch an immer mehr ungeimpften Corona-Patientinnen und -Patienten.

Ärger über Covid-Patienten, trotzdem sollen alle gleich behandelt werden

90 Prozent der Covid-19-Patientinnen und -Patienten am Klinikum Esslingen sind ungeimpft. Trotz allem Ärger darüber, alle würden gleich behandelt, betont Guido Marquardt. Und das, obwohl Covid-19-Erkrankte eine außergewöhnliche Mehrbelastung für die Kliniken und das Personal verursachen würden. Nicht nur, dass mehr Schutzvorkehrungen getroffen werden müssen, Covid-Patientinnen und -Patienten blockieren die Intensivbetten im Durchschnitt länger als Patientinnen und Patienten mit anderen Erkrankungen, so der Intensivmediziner.

"Man muss wirklich Tag für Tag Operationen verschieben, auch wirklich wichtige Operationen."

Personalsorgen verschärfen Probleme auf Intensivstationen

Stephan Thomas, der Leiter der Notaufnahme im Klinikum Esslingen, zeigt auf seinen Bildschirm. Darauf Grafiken mit Zahlen der letzten Wochen. Immer wieder kommt es vor, dass in Esslingen Covid-Patientinnen und -Patienten nicht mehr aufgenommen werden können und auf andere Krankenhäuser ausweichen müssen. Der Finger von Stephan Thomas wandert zu einer Grafik, auf der ein weiteres Problem sichtbar wird. In ganz Baden-Württemberg steigt die Zahl der sogenannten Impfdurchbrüche beim Krankenhauspersonal, so der Notfallmediziner. Bei der sowieso schon angespannten Personaldecke, könnte das verheerend sein. Allein in der Intensivstation im Klinikum Esslingen haben im vergangenen Jahr mehr als zehn Pfleger und Pflegerinnen gekündigt.

"Alle teilnehmenden Krankenhäuser scheinen Durchbruchinfektionen zu haben bei Mitarbeitern."

Die Pflege zwischen Motivation und Hilflosigkeit

Fragt man Monika Hnilicka danach, wie es ihr gerade geht, kommt eine knappe Antwort. Da ist von "schwieriger Situation" und "angespannter Lage" zu hören. Hakt man etwas nach, fängt die 64-Jährige an zu sprechen. Es sprudelt fast aus ihr heraus. Monika Hnilicka ist die Abteilungsleiterin Pflege in den Intensivstationen im Klinikum Esslingen. Zwischen 40 und 50 Pflegekräfte arbeiten hier. Die Pflege, sagt Monika Hnilicka, ist immer vorne dran, hält den Laden am Laufen auch nachts und am Wochenende. Überall werde das Personal knapp, es gäbe sogar schon Abwerbeversuche aus anderen Kliniken. Man bräuchte Kampagnen für mehr Personal, sagt sie. Außerdem eine bessere Bezahlung und andere Arbeitsbedingungen. Man spürt Monika Hnilicka ein bisschen die Hilflosigkeit an. Seit zwei Jahren gibt es immer wieder Forderungen nach Veränderung, sagt sie - passiert sei nichts. Dass Kollegen aufhören, das könne sie verstehen.

Kapazitäten im Land werden knapper

Derzeit sind 356 Menschen auf den Intensivstationen in Baden-Württemberg. 171 von ihnen müssen invasiv beatmet werden. Damit sind 13 Prozent aller Patienten auf Intensivstationen in Baden-Württemberg Covid-Patientinnen und -Patienten. Insgesamt sind derzeit 2.006 Intensivbetten im Land belegt. 273 stehen derzeit noch zur Verfügung, davon 113 spezifisch für Covid-Erkrankte. Falls die Kapazitäten noch knapper werden, besteht die Möglichkeit weitere Betten zu aktivieren - die sogenannte Notfallreserve. Diese besteht landesweit aus derzeit 1.194 Betten. (Stand: 10.11.2021. Quelle: DIVI - Intensivregister)

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