Containern in Ludwigsburg (Foto: SWR)

Bewusste Straftat

Gruppe vom "Aufstand der letzten Generation" containert in Ludwigsburg

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Sie fordern ein Gesetz, das es dem Handel verbietet, Lebensmittel zu entsorgen. In Supermarktcontainern sucht die Gruppe nach unverdorbenen Lebensmitteln, die sie dann verschenken.

Ihre Methoden sind zum Teil radikal und umstritten. Mitglieder der Klimaschutz-Gruppe "Aufstand der letzen Generation" lassen sich gern medienwirksam im Berufsverkehr auf Autobahnen festkleben. Kurz vor der Bundestagswahl traten einige von ihnen in den Hungerstreik, um den Kanzlerkandidaten ein Ultimatum zu setzen. Oder sie verteilen weggeworfene Lebensmittel aus Müllcontainern von Supermärkten. Auch in Stuttgart und Umgebung sind die Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten inzwischen aktiv.

Mehrere Stunden durchforsten die Umweltaktivisten die Supermarktcontainer (Foto: SWR)
Nicht in allen Mülltonnen vor einem Supermarkt in Ludwigsburg wird die Gruppe vom "Aufstand der letzten Generation" fündig. Bild in Detailansicht öffnen
Immer wieder finden die Aktivistinnen und Aktivisten in den Mülltonnen der Supermärkte noch essbares Obst und Gemüse. Bild in Detailansicht öffnen
Die Gruppe vom "Aufstand der letzten Generation" berät, welchen Supermarkt sie auf ihrer "Containertour" als nächstes ansteuern sollen. Bild in Detailansicht öffnen
"Aufstand der letzten Generation"-Mitglied Achim zeigt beim Containern in Ludwigsburg vollen Körpereinsatz. Bild in Detailansicht öffnen
Die Gruppe vom "Aufstand der letzten Generation" sucht nach unverdobenen Lebensmitteln im Müll der Supermärkte. Bild in Detailansicht öffnen

Nicht immer im Einklang mit Gesetz

Wer Lebensmittel aus den Tonnen der Märkte holt - also "containert" - macht sich allerdings strafbar, wenn der Müllcontainer verschlossen ist oder auf einem abgeschlossenem Areal steht, zum Beispiel hinter einem Zaun. Wer beim "Containern" erwischt wird, dem kann eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch drohen. Werden die Tonnen aufgebrochen und Sachen herausgeholt, kann sogar eine strafrechtliche Verfolgung wegen Diebstahls blühen. Die vier Mitglieder vom "Aufstand der letzten Generation", die in Ludwigsburg unterwegs waren, nehmen das bewusst in Kauf. Sie wollen mit ihren Aktionen Gesicht zeigen.

"Wenn wir die Lebensmittel, die wir heute finden, dann verteilen, werden wir uns selbst anzeigen, um der breiten Öffentlichkeit zu signalisieren, dass diese Gesetze absurd sind."

Es sei erschreckend, wie viele Lebensmittel nach wie vor weggeworfen werden, erklärt Aktivistin Nele. Obwohl Grundnahrungsmittel immer teurer werden und sich Bedürftige teilweise das Nötigste nicht mehr leisten könnten. Für Supermärkte sei es noch lukrativer, Lebensmittel einfach zu entsorgen statt sie zu spenden. Ihre Mülltonnen schließen die Betreiber zum Teil ab, um nicht etwa für Lebensmittelvergiftungen haftbar gemacht zu werden. Dagegen müsse gesetzlich vorgegangen werden. Die Gruppe fordert ein "Lebensmittel-retten-Gesetz". In Frankreich gibt es das schon - dort müssen größere Supermärkte unverkäufliche Lebensmittel an wohltätige Organisationen spenden. Wegwerfen ist verboten.

Cem Özdemir will Containern legalisieren

Dass der neue Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) plant, das "Containern" zu legalisieren, sei ein Schritt in die richtige Richtung, aber längst nicht genug, sagt die Gruppe.

"Wir brauchen eine Agrarreform, sodass Landwirte, die auf Biodiversität setzen, auch gerecht entlohnt werden, und so das Wegwerfen und Aussortieren schon in der Produktion verhindert wird."

Außerdem müsse sich grundsätzlich etwas an der Einstellung der Menschen verändern. Zum Beispiel müsse beim Thema Mindesthaltbarkeitsdatum viel mehr Aufklärung betrieben und neue Wege gefunden werden, so dass auch wirklich nur verdorbene Lebensmittel im Müll landen und die Menschen per se nur noch das einkaufen, was sie auch wirklich verbrauchen können.

Positive Reaktionen auf das "Containern"

Die Menschen auf der Straße reagieren mit überwiegender Mehrheit positiv auf die Aktion der Gruppe. Viele können bei einer Umfrage des SWR nicht nachvollziehen, warum weiter Lebensmittel entsorgt werden - gerade jetzt in Zeiten von Inflation und steigenden Verbraucherpreisen, die viele bedürftige Familien in Bedrängnis bringen.

"Bei der Armut heutzutage müsste das '"Containern" offen für jeden sein, ohne, dass es bestraft wird. Im Grunde müssten die bestraft werden, die die Sachen wegschmeißen"

Proaktiv aber friedlich

Ziviler Ungehorsam? Ja, aber friedlich - so das Motto der Stuttgarter Gruppe der "Letzten Generation". Den Aktivisten ist es auch wichtig, beim '"Containern" keine Schäden oder Vermüllung anzurichten, um Supermarktbetreiber nicht zu verärgern, und dafür zu sorgen, dass die Märkte die weggeworfenen Lebensmittel stärker absichern und damit das Containern für andere erschweren. Aber sie wollen ein Zeichen setzten. Radikal aber, so sagen sie, seien nur die Folgen, die die Welt erwarten muss, wenn es immer so weitergeht.

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