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Gotthilf Fischer ist tot. Über Jahrzehnte wurde Fischer zum "Therapeut der wunden Seelen". Der im Kreis Esslingen geborene Chorleiter war international bekannt - vor allem mit den "Fischer-Chören".

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Gotthilf Fischer starb bereits am Freitag, wie seine Managerin Esther Müller der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart am Mittwoch bestätigte. Der Musiker sei "einfach eingeschlafen", sagte Müller. "Es war die Zeit und das Alter." Er sei am Mittwoch im engsten Familienkreis beigesetzt worden. Zuvor hatten mehrere Medien darüber berichtet.

"Mit Gotthilf Fischer haben wir einen der weltweit berühmtesten Schwaben und einen wichtigen Botschafter der Musik verloren. Er hat es wie kein anderer geschafft, die Menschen auf der Welt über alle Generationen und Ländergrenzen hinweg für den Gesang zu begeistern und sie zu verbinden", sagte Kai Gniffke, der Intendant des Südwestrundfunks (SWR) anlässlich des Todes von Gotthilf Fischer. "Mit seinen 'Fischerchören' hat er nicht nur unersetzbare musikalische Basisarbeit geleistet, er war auch ein Menschen-Verbinder. Nicht zuletzt in der vom SWR produzierten TV-Reihe 'Straße der Lieder' hat Gotthilf Fischer seinen schwäbischen Esprit einfließen lassen und so den Südwesten zum Singen gebracht."

Mit 14 Jahren ersten Chor gegründet

Fischer wurde am 11. Februar 1928 im schwäbischen Plochingen (Kreis Esslingen) geboren. Er wuchs als Sohn eines Hobbymusikers auf und gründete mit 14 Jahren seinen ersten Chor. Drei Jahre später übernahm er die Leitung des Gesangvereins Concordia in Deizisau, später wurde er Leiter weiterer Gesangvereine.

Zu bundesweiter Berühmtheit gelangte er, als die Fischer-Chöre 1969 in der Sendung "Dreimal neun" mit Wim Thoelke auftraten. Bald darauf erschien die erste Schallplatte. Fischer dirigierte zwischenzeitlich mehr als 60.000 Sänger auf der ganzen Welt. Sie waren in Freundeskreisen der Fischer-Chöre aktiv. Mehr als 16 Millionen Schallplatten wurden weltweit verkauft.

Erst im vergangenen Jahr wurde der "König der Chöre" sogar noch für einen Internet-Erfolg ausgezeichnet: Seine Aufnahme der Europahymne "Ode an die Freude" mit der Liedzeile "Freude schöner Götterfunken" kam nach Angaben seines Managements auf mehr als 17 Millionen Youtube-Abrufe und Zehntausende Downloads bei Anbietern wie Amazon und Spotify. Umgerechnet zähle das in etwa so viel wie 75.000 physische Tonträger - dafür gab es eine Goldene Schallplatte. Fischers Frau Hilde war 2008 im Alter von 89 Jahren nach 59-jähriger Ehe gestorben. Sie hatte 1949 einen Sohn eingebracht, gemeinsam bekamen sie zwei Kinder.

Gotthilf Fischer inmitten seines Chores (Foto: dpa Bildfunk, dpa/picture alliance - Foto: Bernd Rein/europapark)
Gotthilf Fischer inmitten seines Chores dpa/picture alliance - Foto: Bernd Rein/europapark

Fischer wollte Lehrer werden

Gotthilf Fischer, der "Karajan aus dem Remstal" oder "Herr der singenden Heerschaaren" genannt wurde, trat vor Monarchen, Staatspräsidenten und mehreren Päpsten auf. "Man muss den Ton angeben, ein nettes Gesicht machen, Du musst Dich freuen und mit Begeisterung singen", erläuterte Gotthilf Fischer sein Erfolgsrezept.

"Die Leute spüren, ob es von Herzen kommt oder nur oberflächlich ist."

Fischer vertraute stets darauf, dass Singen Spaß macht und der Seele gut tut. Man musste bei ihm nicht musikalisch gebildet sein oder die Töne gut treffen können - die schiere Masse der Sänger wirkt überwältigend. "Wer singt, bleibt gesund. Lieder machen glücklich. Sie sind ein gutes Mittel gegen Depression und Traurigkeit", sagte er vor vier Jahren. Zugleich riet er Lehrern und Schülern, das deutsche Volkslied nicht zu vergessen: "Ich freue mich wirklich für jeden, der singt. Es ist aber schade, dass in den Schulen kaum noch ein Lehrer Deutsch singen lässt."

Fischer wollte eigentlich Sportlehrer werden. Noch während des Krieges, als er noch das Esslinger Lehrer-Seminar besuchte, gründete er den ersten Chor.

"Vor allen Dingen mach' ich's von Herzen"

1945 suchte die "Concordia Deizisau" einen Chorleiter und Fischer sprang ein. Mit seiner unkonventionellen Art weckte er die Sangeslust der Mitmenschen und der Chor bekam großen Zulauf: "Ich mache alles aus dem Stegreif und vor allen Dingen mach' ich's von Herzen". Bald übertrugen weitere Vereine dem jungen Autodidakten die Leitung ihrer Chöre.

Die Idee des Gotthilf Fischer

Gotthilf Fischer hatte die Idee, seine Chöre gemeinsam singen zu lassen und fasste sie zum Chorverband "Fischer-Chöre" zusammen. Beim schwäbischen Sängertreffen in Göppingen im Jahr 1949 kam es zum ersten gemeinsamen Auftritt und seine Fischer-Chöre wurden in den Sparten "Volksgesang" und "Kunstgesang" jeweils mit der Gold-Medaille ausgezeichnet. In dieser Zeit zählte sein Chor schon 400 Sänger. "Was dieser junge Dirigent versteht aus seinen Sängern herauszuholen, ist erstaunlich. Selbstsicher, mit einer beglückenden Ruhe steht er vor ihnen, auswendig dirigierend" schrieb die Presse. Sein Lehrerberuf war fortan passé.

Gotthilf Fischer in den 70er Jahren (Foto: dpa Bildfunk, dpa/picture alliance -)
Gotthilf Fischer in den 70er Jahren dpa/picture alliance -

Der Bekanntheitsgrad der Fischer-Chöre wuchs und bereits in den 1960er Jahren hatte der "Chorkönig" Gotthilf Fischer TV-Premiere in Horst Jankowskis TV-Sendung "Sing' mit Horst" und 1969 folgte der erste Auftritt zusammen mit seinen Chören bei Wim Thoelke in "3x9". Damit drang sein Ruf über die Grenzen des Schwabenlandes hinaus. Der Erfolg war nicht mehr aufzuhalten und erreichte durch die Unterzeichnung des ersten Plattenvertrages noch ganz andere Dimensionen. Von Anfang an waren seine Langspielplatten Bestseller.

US-Präsident Jimmy Carter empfängt Gotthilf Fischer (Foto: dpa Bildfunk, dpa/picture alliance -)
US-Präsident Jimmy Carter empfängt Gotthilf Fischer 1978 dpa/picture alliance -

Durchbruch der Fußball-WM 1974

Der internationale Durchbruch gelang Fischer bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 1974 - mit seinen rund 1.500 Sängern bot er beim Finale im Münchner Olympiastadion ein gigantisches Schauspiel. Es folgten Tourneen und Auftritte weltweit: Die Fischer-Chöre sangen vor den Pyramiden in Kairo, an der Chinesischen Mauer und im Petersdom beim Papst. Einer der vielen Höhepunkte seiner Karriere: Fischer komponierte eine Friedensmesse für den amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter, die er ihm bei einem Auftritt in Washington 1978 persönlich überreichte. Obwohl er eher dem volkstümlichen Schlager zuzuordnen war, scheute Fischer auch nicht davor zurück, als 72-Jähriger im Jahr 2000 an der Berliner Loveparade teilzunehmen.

Ans Kürzertreten dachte Fischer nie, bis ins hohe Alter leitete der größte Chorleiter der Welt in der Region Stuttgart mehrere Chöre.

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