Gruibinger Bier wird gezapft. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

Folge der Energiekrise

Kein Bier mehr? Gruibinger Brauerei fehlt Kohlensäure

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Die hohen Energiepreise haben zur Folge, dass viel weniger Kohlensäure produziert wird. Bei der Lamm-Brauerei in Gruibingen reicht der Vorrat derzeit noch für maximal drei Wochen.

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Seit Wochen hoffen Brauereibesitzer Hans-Dieter Hilsenbeck und sein Sohn Christoph von der Lamm-Brauerei in Gruibingen (Kreis Göppingen), dass sie Kohlensäure, flüssiges CO2, für ihren Familienbetrieb geliefert bekommen. Der Kohlensäure-Markt ist ziemlich leergefegt. Die beiden Braumeister brauchen die Kohlensäure aber dringend für ihr Bier.

Darum braucht eine Bierbrauerei Kohlensäure

Eine leere Bier-Flasche muss beim Prozess des Abfüllens unter Druck sein. Ohne Druck würde das Bier beim Einfüllen nur schäumen. Und den Druck können sie nur mit CO2 erzeugen. Würden sie bspw. normale Druckluft nehmen, würde das Bier in wenigen Tagen in der Flasche schlecht. Auf dem europäischen Markt für Kohlensäure sind aber nach Angaben der Ernährungsindustrie derzeit nur 30 bis 40 Prozent der üblichen Mengen Kohlensäure verfügbar. Wenn die Brauer keine geliefert bekommen, können sie nur noch in Fässer, nicht mehr in Flaschen abfüllen.

"Wir haben jetzt noch Kohlensäure vielleicht für ein, zwei, maximal drei Wochen. Danach ist Schluss."

Christoph Hilsenbeck - Bierbrauer in zwölfter Generation- befürchtet einen Stopp der Flaschenabfüllung in Gruibingen (Foto: SWR)
Christoph Hilsenbeck - Bierbrauer in zwölfter Generation- befürchtet einen Stopp der Flaschenabfüllung in Gruibingen

Fehlende Kohlensäure: Problem für alle Getränkehersteller

Die Lieferschwierigkeiten bei Kohlensäure treffen nicht nur regionale, kleinere Bierbrauer. Auch die Hersteller von Limonaden und Sprudel brauchen Kohlensäure: Zwar nicht beim Abfüllen wie beim Bier, aber als prickelnden Zusatz ins Getränk. Bei der Winkels Getränke Holding in Sersheim (Kreis Ludwigsburg) macht man sich auch Gedanken. Hier wird etwa ALWA Mineralwasser produziert. Der Kohlensäure-Lieferant hat schon die letzte Bestellung um ein Drittel gekürzt und weitere Einschränkungen angekündigt. Jetzt heißt es: Im Notfall wird der Sprudel weniger prickelnd ausgeliefert. Selbst das Einstellen einzelner Marken ist nicht vollkommen ausgeschlossen.

"Zunächst versucht man, vielleicht bei 'Classic' und 'Medium' den Kohlensäuregehalt um 10 bis 15 Prozent zu reduzieren und wenn das nicht ausreicht, dann muss man vielleicht auch überlegen, ob man 'Classic' überhaupt noch füllen kann.

ALWA-Sprudel und andere Marken könnten in Zukunft weniger Kohlensäure enthalten (Foto: SWR)
Gerhard Kaufmann, geschäftsführender Gesellschafter winkels Getränke Holding

Probleme auch in der Fleisch-und Käseproduktion

Auch andere Branchen der Lebensmittel-Industrie brauchen CO2. Bei der Schweine- und Geflügelschlachtung wird das Gas zur Betäubung der Tiere vor dem Schlachten eingesetzt. Es ist auch in sehr vielen frisch verpackten Lebensmitteln wie abgepacktem Käse, abgepackter Wurst oder abgepackten Salate. Bei der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie befürchtet man Lücken in den Regalen der Supermärkte.

"Das ist eine On-Time Produktion, die in der Lebensmittelkette läuft. Da muss stetig ein Rad in das nächste greifen. Ansonsten fehlt das Endprodukt im Regal."

Warum fehlt plötzlich Kohlensäure?

Kohlensäure wird bisher vor allem als Nebenprodukt der Ammoniak-/Düngemittel-Herstellung produziert. Durch die hohen Energiekosten lohnt sich das Ammoniakgeschäft derzeit aber kaum. Einer der wichtigsten europäischen Produzenten BASF hat deshalb die Ammoniak-Herstellung in Ludwigshafen deutlich reduziert und kauft Ammoniak seit einiger Zeit aus den USA. Dort sind die Energiekosten derzeit um ein Vielfaches günstiger. Und wenn hierzulande kein Ammoniak produziert wird, dann fällt auch keine Kohlensäure als Nebenprodukt ab.

"Die europäischen Produktionsmengen von BASF bleiben stark von der weiteren Preisentwicklung bei Erdgas und Ammoniak abhängig."

Wie geht es mit der Brauerei weiter?

Bierbrauer und Lebensmittel-Branche hoffen auf eine Deckelung der Energiekosten. Denn dann könnte sich vielleicht die Ammoniak-Produktion wieder mehr lohnen und es würde auch wieder mehr Kohlensäure produziert. Auch technisch andere Wege sollen gegangen werden, Kohlensäure anders gewonnen werden. Eine schnelle Lösung des akuten Mangels ist aber nicht in Sicht.

Die Gruibinger Bierbrauer jedenfalls wollen in eine neue Maschine investieren: Mittlerweile gebe es auch für kleine Brauereien ein System, wie natürliche Kohlensäure, die beim Gärprozess entsteht, rückgewonnen und dann beim Abfüllen verwendet werden könne. Eine große Investition. Bis die neue Anlage in Gruibingen läuft, dauert es wohl mindestens vier Monate.

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