Zu dritt ermöglichten sie es, dass die Hilfe für Menschen in der ukrainischen Stadt Luzk wieder in Gang kam: Konstantinos Satrazanis, Patrick Rastifard und Wolodymyr Strilchuk (v.l.). (Foto: SWR, Martin Klein)

Helfer helfen Helfer

Wie ein Motorschaden die Ukraine-Hilfe aus Oberboihingen fast gestoppt hätte

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Ukraine-Helfer Strilchuk brauchte wegen eines Motorschadens selbst Hilfe. Pannenhelfer Satrazanis und der Weilheimer Werkstattbesitzer Rastifard legten sich ins Zeug - mit Erfolg.

Seit zwölf Jahren ist Konstantinos Satrazanis ein "Gelber Engel" – doch das war der bewegendste Motorschaden, den der ADAC-Pannenhelfer je erlebt hat: Auf der A8 zwischen Nürtingen und Wendlingen (Kreis Esslingen) wurde er bei strömendem Regen Anfang April zu einem Kleinbus gerufen. Ukrainisches Kennzeichen, ukrainischer Fahrer – und eine Ladung, die in der Ukraine sehnlich erwartet wurde: Schutzwesten, Medikamente und allerlei Lebensnotwendiges.

Pannenhelfer Konstantinos Satrazanis schleppte den liegengebliebenen Kleinbus zu einer Werkstatt in WeilheimTeck. (Foto: SWR, Martin Klein)
Pannenhelfer Konstantinos Satrazanis schleppte den liegengebliebenen Kleinbus zu einer Werkstatt in Weilheim/Teck. Martin Klein

Der 44-Jährige Wolodymyr Strilchuk, Fahrer des Kleinbusses, war seit Beginn des Krieges in seiner Heimat am Pendeln: Unablässig bringt er derzeit Hilfsgüter in die Ukraine und nimmt auf dem Rückweg Landsleute mit, die vor der Gewalt der russischen Armee fliehen. An diesem Freitag Anfang April hatte er es allerdings eben erst auf die Autobahn geschafft. Da leuchtete Öllampe auf – der gerade mal fünf Jahre alte und ansonsten völlig intakte Kleinbus blieb liegen. Allerdings: Mit 435.000 Kilometern auf dem Tacho und etlichen Fahrten mit viel Hilfsfracht war das auch kein Wunder.

Pendler zwischen Deutschland und der Ukraine

"Ich habe schon geahnt, dass der Motor komplett hinüber ist", sagt Satrazanis. Mit Händen und Füßen verständigten sich die zwei an der Schnellstraße – bis der ADAC-Mann die Gastgeber von Strilchuk, bei denen er nach seiner Flucht aus Ukraine untergekommen ist, am Handy hatte - die Familie Lubow Selzer-Niederer aus Oberboihingen (Kreis Esslingen)., Da wurde Satrazanis vollends klar, in welcher Mission Strilchuk unterwegs war – und ihm war auch gleich klar, dass er helfen musste.

ADAC-Pannenhelfer Konstantinos Satrazanis schleppte Wolodymyr Strilchuk und seinen Kleinbus nicht nur ab, er trieb per Crowdfunding auch das Geld für einen neuen Motor auf. (Foto: SWR, Martin Klein)
ADAC-Pannenhelfer Konstantinos Satrazanis schleppte Wolodymyr Strilchuk und seinen Kleinbus nicht nur ab, er trieb per Crowdfunding auch das Geld für einen neuen Motor auf. Martin Klein

Werkstatt-Besitzer repartiert den Kleinbuss umsonst

So ging es zur Werkstatt in Weilheim/Teck (Kreis Esslingen). Motor reparieren? Das hätte nicht viel gebracht, wahrscheinlich wäre Strilchuk schon bald wieder liegen geblieben. Es brauchte einen neuen Motor – und zwar schnell, schließlich wurde der Ukrainer in der Heimat schon erwartet. "Ich habe dann grob überschlagen - 9000 Euro - das war schon ein kleiner Schock", sagt Satrazanis. Und das, obwohl Werkstatt-Besitzer Patrick Rastifard sofort bereit war, den Motor unentgeltlich einzubauen. Denn: "Geld ist nicht alles. Wenn sieht, die Leute brauchen das Auto – da schau ich dann, was man machen kann."

Patrick Rastifard reparierte in seiner Werkstatt in WeilheimTeck den Kleinbus von Wolodymyr Strilchuk unentgeldlich.  (Foto: SWR, Martin Klein)
Patrick Rastifard reparierte in seiner Werkstatt in Weilheim/Teck den Kleinbus von Wolodymyr Strilchuk unentgeldlich. Martin Klein

Per Crowdfunding an einem Tag über 10.000 Euro gesammelt

Übers Wochenende grübelte Satrazanis, wie man einen neuen Motor finanzieren könnte, am Montag drauf begann er, Stiftungen abzutelefonieren – und dann entsann er sich einer Crowdfunding-Geschichte, bei der er mal selbst mitgemacht hatte. Er stellte selber kurzerhand eine solche Crowdfunding-Initiative auf die Beine, benachrichtigte Freunde und Bekannte.

"Da kamen in 30 Stunden mehr als 10.000 Euro zusammen – ich war perplex, baff, fix und fertig – das war Adrenalin pur."

Ukraine-Helfer Strilchuk bedankte sich mit einer Torte

Auch Wolodymyr Strilchuk war im Glück: "Als erstes habe ich geweint. Es gibt keine Worte dafür, wie dankbar ich bin." Nicht nur ein neuer Motor und dazu Riemen, Spanner, Wasserpumpe sowie allerlei weitere Verschleißteile hatte Rastifard in zwei ganzen Tagen Arbeit mit einem Kollegen ausgetauscht. Strilchuk bedankte sich mit einer großen Torte – natürlich mit einer blaugelber Verzierung.

Seit seiner eigenen Flucht aus der Ukraine fährt Wolodymyr Strilchuk immer wieder in seine Heimat zurück, um Hilfsgüter zu bringen und Landsleute aus dem Kriegsgebiet zu holen. (Foto: SWR, Martin Klein)
Seit seiner eigenen Flucht aus der Ukraine fährt Wolodymyr Strilchuk immer wieder in seine Heimat zurück, um Hilfsgüter zu bringen und Landsleute aus dem Kriegsgebiet zu holen. Martin Klein

Dann ließ Strilchuk keine Zeit verstreichen: Mit warmer Kleidung, Medikamenten, Kindersachen und weiteren Hilfsgütern machte er sich am Montag wieder auf über Berlin und Warschau nach Luzk, einer Stadt in der Westukraine. 19 Stunden Fahrt, 1.600 Kilometer. „Ich bin kein Superheld“, sagte er noch zum Abschied. "Ich habe jedes Mal Angst vor der Fahrt. Aber wir müssen den Menschen einfach helfen, aus der Kriegshölle rauszukommen."

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