STAND

Lange hielt er sich bedeckt - nun ließ er die Katze aus dem Sack: Der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn will nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren. Das erklärte der 64-Jährige am Dienstag.

Video herunterladen (3,7 MB | MP4)

Für seine Entscheidung führte der Grünen-Politiker persönliche Gründe an. Der 64-Jährige erklärte, dass er am Ende einer zweiten Amtszeit 73 Jahre alt gewesen wäre. In dem Alter frage man sich, ob man noch einmal etwas anderes machen wolle.

Kuhn sagte, er wolle seine restliche Amtszeit aktiv nutzen: "Die Ente wird nicht lahmen." Er wolle dringende Themen in Angriff nehmen. Er nannte beispielsweise den Klimaschutz in Stuttgart, die Sanierung der Oper und die Vorbereitung eines Pflegeheimkonzepts.

"Die Ente wird nicht lahmen."

Fritz Kuhn (Grüne), Stuttgarter Oberbürgermeister, zu seiner restlichen Amtszeit

Findungskommission soll geeigneten Kandidaten suchen

Kuhn hatte das Amt am 7. Januar 2013 angetreten. Er war damals der erste Grünen-Oberbürgermeister in einer deutschen Landeshauptstadt. Stuttgarts Grünen-Kreisgeschäftsführerin Meike Günter sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Entscheidung sei für alle "sehr überraschend" gekommen. Ursprünglich sollten die Mitglieder des Kreisverbands Ende Januar ihren Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl nominieren. Nun werde eine Findungskommission "ergebnisoffen" nach einem anderen Kandidaten suchen. Bis in sechs Wochen solle ein Ergebnis vorliegen.

Auch der Landesverband der Grünen äußerte sich zum Rückzug des Stuttgarter Oberbürgermeisters. Die Vorsitzenden Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand teilten mit, sie hätten "großen Respekt" vor Kuhns Entschluss. Die Partei habe als stärkste Fraktion im Gemeinderat den Anspruch, den Oberbürgermeister zu stellen und werde den Wählern "ein personelles Angebot machen, das diesem Gestaltungsanspruch gerecht wird".

"Ich ging eigentlich davon aus, dass er es noch einmal macht."

Winfried Kretschmann (Grüne), Ministerpräsident von Baden-Württemberg

Kretschmann hat "großen Respekt" vor Entscheidung

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wurde vom Rückzug offenbar überrascht: "Ich ging eigentlich davon aus, dass er es noch einmal macht", so Kretschmann im SWR-Interview. Es sei eine sehr persönliche und familiäre Entscheidung gewesen, "davor habe ich großen Respekt".

Er bedauere den Schritt, Kuhn sei ein langjähriger Weggefährte gewesen, der die Grünen in Baden-Württemberg geprägt habe. Keine andere Landeshauptstadt habe ein ambitionierteres Klimaschutz-Paket aufgelegt als Stuttgart, meinte der Regierungschef. Und auch beim schwierigen Thema Luftreinhaltung habe Kuhn angepackt. "Das Feinstaub-Problem hat sich mittlerweile erledigt, das Problem mit den Stickstoffoxiden ist auf einem guten Weg, sich zu erledigen."

Man werde sicher einen geeigneten Kandidaten finden, über Namen spekulieren wollte Kretschmann aber nicht: "Ich halte dies am ersten Tag nach der Entscheidung für abwegig."

Habeck nennt Kuhn "prägende Figur unserer Partei"

Grünen-Chef Robert Habeck hat die Rolle Kuhns in der Parteigeschichte sowie seine Rückzugsankündigung gewürdigt: "Einer der innovativen Köpfe unserer Partei geht jetzt aus dem Amt raus", so Habeck am Rande einer Tagung des Bundesvorstands in Hamburg. "Fritz Kuhn war eine der prägenden Figuren unserer Partei, auf der Bundesebene als Bundesvorsitzender, als Fraktionsvorsitzender und jetzt zum Schluss als Oberbürgermeister von Stuttgart - der erste grüne Oberbürgermeister einer solchen Großstadt." Mit der Ankündigung des Rückzugs habe die Grünen-Spitze nicht gerechnet, sagte Habeck. "Aber das müssen wir auch nicht. Wir müssen nicht immer gefragt werden, wenn Leute Entscheidungen treffen."

Özdemir steht als Kandidat nicht zur Verfügung

Der frühere Grünen-Bundeschef Reinhard Bütikofer brachte den ehemaligen Parteivorsitzenden Cem Özdemir als möglichen Kandidaten ins Spiel. "Auf der Liste der Namen von Grünen, die das für uns gewinnen könnten, steht der von Cem Özdemir sicher ganz vorn", sagte Bütikofer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Der 54-Jährige selbst äußerte sich ebenfalls zum Rückzug Kuhns. Via Twitter zollte er dem scheidenden Oberbürgermeister "maximalen Respekt". Mit Kuhn als Oberbürgermeister sei Stuttgart noch weltoffener, sozialer und nachhaltiger geworden, so Özdemir. Er stehe der Findungskommission mit Rat und Tat zur Seite, stehe als Kandidat aber nicht zur Verfügung.

Als Stuttgarter Grüne werden wir jetzt in einer Findungskommission an der besten Lösung für ein grünes Stuttgart arbeiten. Dabei stehe ich der Findungskomission mit Rat zur Seite, aber nicht als Kandidat. #Stuttgart #Kuhn

Aras schließt nichts aus

Die Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) hat eine Kandidatur für das Oberbürgermeisteramt indes nicht ausgeschlossen. "Dass auch ich in den Blick gerate in der Frage einer OB-Kandidatur für Stuttgart, ist mir bewusst", teilte Aras am Dienstagnachmittag mit. "Die Stuttgarter Grünen sind aber weder zeitlich noch personell unter Zugzwang", so ihre Einschätzung. Auch Aras sei von der Entscheidung Kuhns überrascht gewesen: "Ich kann sie aber respektieren und in der Begründung nachvollziehen."

Muhterem Aras (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Wird sie als Kandidatin der Grünen den Hut in den Ring werfen? Landtagspräsidentin Muhterem Aras schließt eine OB-Kandidatur nicht aus. (Archivbild) Picture Alliance

SPD will Person ins Rennen schicken

Der SPD-Landesgeneralsekretär Sascha Binder zeigte sich nach Verkündung des Rückzugs angriffslustig. Wenn man auf die Stadt Stuttgart blicke und sich die ganzen Baustellen ansehe, "überrascht es schon, dass der OB von Stuttgart jetzt diese Baustellen nicht weiter bearbeiten will", so Binder. Er kündigte für seine Partei an, auf jeden Fall mit einer Person ins Rennen zu gehen, "insofern ist das Spiel völlig offen".

Auch die CDU will die Chance nutzen und das Oberbürgermeisteramt in Stuttgart zurückerobern. Zunächst zollte der Bundestagsabgeordnete und Stuttgarter CDU-Kreisvorsitzende Stefan Kaufmann dem Noch-OB seinen Respekt: "Herr Kuhn steht für eine tolerante, weltoffene Stadt", so Kaufmann. Kuhn habe die Stadt, was diese Themen betrifft, sehr gut vertreten.

Ab dem 22. August können die Kandidaten ihre Bewerbungsunterlagen einreichen. Bislang hat Marian Schreier sein Interesse geäußert. Der SPD-Politiker ist derzeit Bürgermeister von Tengen (Kreis Konstanz). Er wird allerdings nicht vom Stuttgarter Kreisverband seiner Partei unterstützt.

Stuttgart bekommt neuen Oberbürgermeister Kuhns erneute Kandidatur "wäre ein Risiko gewesen"

Fritz Kuhn (Grüne) möchte für keine zweite Amtszeit als Oberbürgermeister Stuttgarts kandidieren. Uschi Strautmann aus der SWR-Redaktion Landespolitik über die Kandidatenfindung bei den Grünen und die Rolle von Ministerpräsident Winfried Kretschmann.  mehr...

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR Fernsehen BW

OB Kuhn will nicht noch einmal kandidieren Kuhn: Ich bleibe ein Homo politicus

Wie begründet OB Kuhn, dass er nicht mehr antritt? Was sagt er zu möglichen Nachfolgern? Und wie reagieren Stuttgarter Bürger auf Kuhns Entscheidung?  mehr...

Mehr zum Thema

Kommentar zum Rückzug des Stuttgarter OBs Kuhn hat alle überrascht

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) tritt nicht nochmals zu den OB-Wahlen im Herbst an. Damit hat er alle überrascht, denn er hat einen guten Job gemacht, kommentiert SWR-Reporter Jürgen Waibel.  mehr...

Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd Arnold schließt OB-Kandidatur in Stuttgart nicht aus

Wird sich der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd, Richard Arnold (CDU), für das Amt des Rathauschefs in Stuttgart bewerben? Ausgeschlossen hat er das im Gespräch mit dem SWR jedenfalls nicht.  mehr...

Kandidatenkarussell nach Kuhn-Rückzug Stellt die CDU den nächsten Stuttgarter OB?

In der CDU zeichnen sich mögliche Bewerber für die OB-Wahl in Stuttgart ab. Die Oberbürgermeister von Rottenburg und Schwäbisch Gmünd schließen jedenfalls eine Kandidatur für die Wahl im November nicht aus.  mehr...

SWR4 BW am Vormittag SWR4 Baden-Württemberg

STAND
AUTOR/IN