Während des Corona-Lockdowns leiden immer mehr Kinder und Jugendliche unter psychischen Problemen (Symbolbild) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte (Symbolbild))

Mehr Kinder mit psychischen Problemen

Nach Schulstart in BW: Schüler kämpfen weiter mit Folgen des Lockdowns

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Susanne Babila

Nach dem langen Corona-Lockdown kämpfen viele Kinder und Jugendliche mit Motivationsproblemen und Depressionen. Lehrer und Sozialarbeiter sind jetzt besonders gefordert.

Die Sommerferien sind vorbei, die Schule hat wieder angefangen und die rund 1,5 Millionen Schülerinnen und Schüler werden wieder in Präsenz unterrichtet. Vor den Ferien war das in Baden-Württemberg noch anders, denn im vergangenen Schuljahr gehörten Wechselunterricht und Homeschooling zum Alltag vieler Familien.

Obwohl das nun der Vergangenheit angehört, wirken die Folgen der Corona-Pandemie weiter nach. Verpasster Lernstoff, weniger Kontakt zu Freunden und Lehrkräften und auch die belastende Situation der Pandemie im Allgemeinen haben bei vielen Kindern Spuren hinterlassen. Sie müssen die Zeit im Lockdown erst noch verarbeiten.

Motivationsprobleme im Lockdown

Ähnlich erlebte die 16 Jahre alte Jule Schmidt diese Zeit. Sie besucht die zehnte Klasse am St. Agnes Gymnasium, einer katholischen Mädchenschule in Stuttgart. Wegen Corona hatte Jule kaum Kontakt zu ihren Mitschülerinnen. Sie fühlte sich mit dem Unterrichtsstoff alleingelassen. "Man sitzt zuhause an seinem Schreibtisch mit einem Haufen Arbeitsblättern und muss diesen Stapel abarbeiten und sich selbst beibringen", erzählt sie. Jule musste sich immer wieder motivieren und überwinden, die Aufgaben anzugehen.

"Ich würde sagen, dass ich deprimiert war, sehr deprimiert. Ich hatte keine Lust auf irgendwas und lag immer nur im Bett. Ich war nicht wirklich motiviert bei der Sache."

Außerdem hatte Jule Angst um ihren Großvater. Er sei in der Pandemie an Krebs erkrankt. Sie habe ihn nicht mehr besuchen können - aus Angst ihn mit Corona anzustecken. "Das war für uns Enkelkinder sehr belastend, weil wir halt die Familie sehen wollten", sagt sie.

Corona-Lockdown: Sprunghafter Anstieg von psychischen Erkrankungen

Jule konnte über die Probleme mit ihren Eltern, Lehrerinnen und Lehrern sprechen, andere Kinder konnten das nicht. Während des ersten Lockdowns nahmen Depressionen, Panikattacken, Versagensängste, Zwangs- und Essstörungen sprunghaft zu, sagt die Sozialwissenschaftlerin Dagmar Preiss. Sie berät Mädchen im Stuttgarter Gesundheitsladen. Für Preiss selbst überraschend sei die Zunahme von depressiven Stimmungen seit den Weihnachtsferien gewesen, dann seien bei manchen Kindern und Jugendlichen auch suizidale Gedanken dazugekommen.

"Viele kamen, die hatten einen Suizidversuch meistens unbemerkt gemacht, indem sie Tabletten genommen haben, oder die gesagt haben: Ich stand heute eine halbe Stunde an der Brücke und habe überlegt, ob ich runterspringen soll."

Studien belegen psychische Belastung für Kinder

Preiss' Eindrücke spiegeln sich auch in den Ergebnissen verschiedener Untersuchungen und den Einschätzungen von Kinder- und Jugendpsychologinnen und -psychologen wieder. Eine bundesweiten Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ergab Anfang des Jahres, dass mittlerweile fast ein Drittel der Kinder coronabedingt psychisch auffällig sind. Viele zeigten depressive Störungen oder litten unter Ängsten. Man habe die Folgen zu lange übersehen, sagt Dagmar Preiss. Wichtig sei jetzt vor allem sozial-emotionale Kompetenzen zu stärken, nur so könnten auch Lerndefizite aufgeholt werden.

Bund-Länder-Programm unterstützt Schulen

Mit dem Bund-Länder-Förderprogramm "Lernen mit Rückenwind" sollen Schulen dabei finanziell unterstützt werden. Davon profitiert auch Jules Schule. Man habe eine Aktion gestartet, bei der sich die Klassen untereinander Dinge schenken - Zeit, gegenseitige Unterstützung oder auch mal einen Kuchen, so Rektorin Sabine Wimmer. Auf diese Weise solle die Gemeinschaft gestärkt werden, zudem habe die Schule mehr Exkursionen geplant. In Kleingruppen würden nachmittags Lerndefizite nachgeholt, gemeinsam musiziert, gemalt und experimentiert.

Und Jule? "Ich bin froh um den Rhythmus, den wir jetzt wieder haben, jeden Tag wieder etwas vorzuhaben und wieder effektiv was zu tun", sagt die Schülerin. "Also mein Tag hat sich schon lange nicht mehr so erfüllt angefühlt."

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