Viele Flugzeuge stehen auf dem Rollfeld des Stuttgarter Flughafens. Wegen "Sabine" wurden viele Flüge gestrichen. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Marijan Murat/dpa)

Grüne Luftfahrt

Flughafen Stuttgart: Emissionsfreiheit 2040 fest im Blick

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AUTOR/IN
Christian Susanka

Der Flughafen Stuttgart hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu werden. Um das umzusetzen, müssen viele an einem Strang ziehen. Erste Schritte wurden bereits gemacht.

Technisch ist der Traum vom klimafreundlichen Fliegen längst realisierbar. Doch der Umbau der Luftfahrt kostet Milliarden. Und er wird zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. In Baden-Württemberg soll er trotzdem möglich werden: Politik und Fliegerei schielen nach Brüssel und wissen: Ohne Europa können die ehrgeizigen Ziele nicht umgesetzt werden.

Rollfeld Stuttgart: Wer hier landet und aus dem Flugzeug steigt, bekommt schnell eine Besonderheit zu sehen: "0% Emission" steht auf dem elektrisch betriebenen Flughafenbus, der die Fluggäste und Passagiere zum Terminalgebäude bringt. Andernorts rollen immer noch dieselbetriebene Flughafenbusse über das Rollfeld. Hier ist der batterieelektrische Shuttle längst Alltag.

Startschuss im Jahr 2016

2016 ist der Flughafen mit dem Projekt gestartet, erzählt Johannes Schumm. Er betreut seit Jahren das Thema Nachhaltigkeit am Flughafen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Und er ist durchaus stolz. Vor allem dann, wenn er berichtet, dass man damals erstmal zahlreiche Widrigkeiten überwinden musste: Stromleitungen legen, Ladepunkte installieren. Aber auch das Anpassen von Dienstplänen und Schulungen für die Fahrer. Und vor allem unzählige Genehmigungsverfahren. Neu denken und neu entwickeln, das war damit angesagt - so sein Bericht.

Zusammen mit dem Bushersteller Coburg und Daimler begann der Flughafen das Tüfteln fürs Klima. Es mussten deutlich höhere Kosten für die einzelnen Busse in Kauf genommen werden, als wenn man einfach beim Diesel geblieben wäre. Seither hat der Flughafen eine Mission: einen emissionsfreien Boden-Betrieb auf dem Airport hinzukriegen. Es ist so etwas wie eine Keimzelle eines baden-württembergischen Flug-Pioniergeists in Sachen Klima. Ein Geist, der sich jetzt wieder an einer neuen Herausforderung messen könnte.

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Wettrennen mit anderen Standorten

Denn längst sind die Ziele des Landesflughafens viel größer und ambitionierter. Es geht nicht mehr um "zero emission" auf dem Rollfeld. Jetzt geht es um das Ganze. Stuttgart will das Label "klimaneutral" und dabei ein leistungsfähiger Flughafen bleiben. Zielpunkt 2040. Ein Wettrennen mit anderen Standorten ist längst eingeläutet.

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) erklärte im Interview mit SWR Aktuell Baden-Württemberg, was in den nächsten Jahren nötig ist, um den Wandel am Stuttgarter Flughafen zu erreichen:

Doch Stuttgart hat als Standort auch einen Vorteil. Der Beweis, dass klimaneutrales Fliegen möglich ist, muss hier nicht mehr erbracht werden. Zum ersten Mal auf der Welt hat hier ein wasserstoffbasiertes Flugzeug erfolgreich abgehoben: Bodensee und zurück.

BW als Vorreiter in der Wasserstofftechnologie?

Jetzt geht auch für Erfinder und Flugpionier Josef Kallo die Realisierung des Traums vom emissionsfreien Fliegen in eine neue Dimension. Und dabei ist Schnelligkeit Trumpf. "Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir hier in Europa einen strukturellen Nachteil haben. Weil wir nicht die Mengen an erneuerbaren Energien haben, die wir benötigen, um auf Wasserstoffanwendungen umzusteigen. Das können wir aber ausgleichen, indem wir die Technologien dazu aber auch die Technik für die Nutzung so stark erforschen, also zum Beispiel Flugzeuge oder andere Antriebe. Da sehen wir mit unserem Hochtechnologie-Land die Möglichkeit. Wir können tatsächlich bei der Nutzung des Wasserstoffs vorpreschen", so Kallo.

Fliegen mit Wasserstoff bald möglich

In der Tat: Beim wasserstoffbasierten Fliegen ist das Stuttgarter Start-up H2FLY Technologie-Führer. Und es verspricht, zusammen mit dem Flugzeughersteller Deutsche Aircraft den weltweit ersten Vierzigsitzer mit Wasserstoff als Kerosinersatz in die Luft zu bringen. Flugbetrieb in acht Jahren ist realistisch, sagt Kallo.

Doch nur die Flugzeug-Technologie alleine wird nicht reichen, um eine Transformation hinzubekommen: "Deutschland und Europa brauchen Partnerschaften mit Ländern, in denen Wasserstoff im großen Stil und günstig hergestellt werden kann und wir brauchen die Infrastruktur, um Wasserstoff zu speichern und zu verteilen. Ohne diese Infrastruktur werden wir die Transformation nicht schaffen."

Finanzierung ist der Knackpunkt

Und noch etwas anderes: Bei dem Weg zu einer emissionsfreien Luftfahrt geht es nicht mehr um die technische Realisierung, sondern viel dringender um die mögliche Finanzierung. Und in diesem Zusammenhang ist aus dem Mund des Flugzeugbauers auch eine Warnung hörbar. Wenn die Finanzierung nicht klappt, und ein Rollout nicht gelingt, verspielen Stuttgart und Europa einen technologischen Vorsprung.

Auch der Chef des Stuttgarter Flughafens sieht dringenden Handlungsbedarf. Walter Schoefer, Geschäftsführer des Flughafens und Sprecher der Geschäftsführung gesteht ein, dass er auch Bauchschmerzen hat, angesichts der ehrgeizigen Ziele, die für den Flughafen ausgegeben werden. Er weiß, dass der Umbau des Landesflughafens zur Null-Emission viele Veränderungen mitbringt, die bislang mit keinem Förderprogramm aufgefangen werden. Dennoch ist der Flughafenchef optimistisch. Es sei zu schaffen, wenn die Politik auch bereit ist, den Umbau der Bodeninfrastruktur eines Flughafens zu fördern.

Auch Bund und EU sind gefragt

Schoefer: "Alleine der Umbau von Gebäuden, der Ausbau der Photovoltaik-Flächen, die Energiekoppelungen brauchen Investitionen von über zwei Milliarden Euro in den kommenden Jahren, da schauen wir in Richtung Bund und in Richtung EU und da brauchen wir die Unterstützung der Gesellschafter." Eines stellt der Flughafen-Chef jedenfalls schon mal klar: "Auch wenn das Fliegen teurer werden wird, die Vorstellung, dass die ganze Transformation über das Ticket finanziert werden kann, das wird nicht so sein."

Die Botschaft scheint angekommen. Der politische Wille hinter dem Projekt, den Flughafen trotz hoher Kosten umzubauen, ist jedenfalls spürbar. Unter anderem an diesem Freitagvormittag, wo im Skyland, dem Veranstaltungsbereich des Flughafens oberhalb des Rollfeldes, eine Runde aus Experten und Fachpolitikern zusammenkommt, auf Einladung der Grünen-Fraktion im baden-württembergischen Landtag.

Der Verkehrsminister von Baden-Württemberg, Winfried Hermann (Grüne), kann sich mittlerweile grüne Fonds vorstellen, um privates Kapital von Bürgerinnen und Bürgern zu aktivieren und bei dem der Staat eine gewisse Garantiefunktion übernimmt. Gelder, die dringend notwendig seien, weil die Zeit drängt. "Wir müssen rasch Infrastruktur aufbauen, Pipelines für Wasserstoff, aber wir brauchen auch die Raffinerien für klimaneutrale E-Fuels, synthetisch hergestelltes Kerosin. Im Moment sind wir gerade etwas in Wartestellung, aber eigentlich können wir nicht warten, wir müssen loslegen", so Hermann.

Emissionsfreie Privatjets als Triebfeder

Einen ungewöhnlichen Ansatz sieht der Luftfahrt- und Umweltexperte Matteo Mirolo vom Brüsseler Thinktank Transport and Environment. Ausgerechnet im Bereich der Privatjets sieht er Potential für die Transformation zum emissionsfreien Fliegen. "Eigentlich ist der Privatjet das Schlimmste, was es gibt, um sich klimatechnisch zu verhalten: alleine vier Stunden Flug in einem Privatjet entsprechen der durchschnittlichen Emission eines EU-Bürgers innerhalb eines Jahres."

Wer als Nutzer eines Privatjets Kerosin tankt, sollte deutlich mehr Kerosinsteuer oder Abgaben bezahlen, so Mirolo. Gleichzeitig müsste es Anreize für diese Flieger geben, gerade in kleinen Privatjets elektrische Antriebe, Wasserstoff oder sogenannte regenerative Kraftstoffe, E-Fuels zu nutzen. So könnte ein Markt für die Umrüstung in einem Bereich entstehen, der technisch schon sehr bald serienreif sein wird. So könnten Privatjets ein ökonomischer Motor werden in einem Markt Richtung Transformation.

Flughafen Stuttgart hat gute Chancen auf Vorreiterrolle

Auch hier könnte Stuttgart eine besondere Rolle spielen: die General Aviation im Ostteil der Startbahn, wo an diesem Freitagnachmittag mehr Privatflugzeuge als normale Flugzeuge auf dem Rollfeld stehen, gilt als einer der größten Privatflughäfen in Deutschland.

Auch sonst hat Stuttgart gute Chancen, beim emissionsfreien Fliegen vorne dabei zu sein. Denn Stuttgart ist kein Langstreckenflughafen. Die Destinationsziele auf den Anzeigetafeln in den vier Terminals weisen vorwiegend Ziele auf, die weniger als 2.000 Kilometer entfernt sind. Ziele, die schon bald mit einem Wasserstofflinienflugzeug erreichbar sein sollen. Damit könnte Stuttgart Heimatflughafen für wasserstoffbetrieben Flugzeuge werden oder ein beliebter Zielflughafen für diese Maschinen.

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