Prozess am Landgericht Stuttgart (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Angeklagter fiel bereits wegen Gewalt auf

Stuttgarter Mordprozess: 50-Jähriger soll in Sindelfingen Ehefrau ermordet haben

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Vor dem Landgericht Stuttgart hat am Mittwoch der Prozess gegen einen 50-jährigen Mann begonnen, der im Sommer 2021 seine von ihm getrennt lebende Ehefrau getötet haben soll.

Beim Prozessauftakt wurden Details über den Angeklagten bekannt. Beispielsweise sei er in der Vergangenheit bereits mehrfach wegen Tätlichkeiten und Widerstand gegen Polizisten aufgefallen. Außerdem soll er vor mehr als 15 Jahren seinen damaligen Job verloren haben, weil es zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit Kollegen gekommen sein soll.

Außerdem soll er seine Frau bereits in der Vergangenheit einmal angegriffen und ihr mit dem Tod gedroht haben. Daraufhin sei sie bei ihm ausgezogen, hieß es am Mittwoch vor Gericht.

Ein Gericht hatte dem Ehemann den Kontakt verboten

Der heute 50-Jährige stellte ihr nach Angaben der Polizei daraufhin mehrfach an ihrem Arbeitsplatz nach, bis sie ein gerichtliches Annäherungsverbot erwirkte. Wie und warum der Mann am 27. August 2021 in die Wohnung seiner getrennt lebenden Frau gekommen war, blieb zunächst unklar.

Laut Anklage soll er seine Frau am Abend dieses Tages so lange mit einem Gürtel stranguliert haben, bis sie starb. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart geht nach den Ermittlungen davon aus, dass der Mann seine Frau deshalb ermordet haben soll, weil sich diese von ihm getrennt und eine Beziehung zu einem anderen Mann begonnen hatte.

Verdächtiger stellte sich der Polizei

Am Abend des betreffenden Tages suchte der Angeklagte schließlich das Polizeirevier Sindelfingen auf und erklärte den Beamten, dass er seine Frau getötet habe. Die Beamten fuhren direkt zur Wohnung der Ehefrau und fanden sie tot auf. Die Anklage lautet nun auf Mord. Angesetzt sind insgesamt sieben Verhandlungstage.

Expertin: Femizide oft lange geplant

Derartige Fälle, in denen ein Mann seine Partnerin tötet, werden auch als "Femizide" bezeichnet. Diese haben nach Einschätzung der Journalistin und Buchautorin Julia Cruschwitz oft den Hintergrund, "dass der Mann denkt, er könnte Kontrolle und Macht über seine Frau ausüben. Sie darf kein eigenständiges Leben haben, sie darf nicht ohne ihn leben", so die Expertin. Sie kritisiert, in Deutschland sei "patriarchales Besitzdenken" auch heute noch sehr verbreitet. Die damit verbundene Haltung der beteiligten Männer lasse sich mit dem Satz zusammenfassen: "Wenn ich sie nicht haben kann, dann soll sie kein anderer haben".

In Deutschland wurden 2020 laut Polizeistatistik 139 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. "Das heißt: Jeden dritten Tag bringt ein Mann seine Frau um und jeden zweiten Tag versucht er es", sagt Cruschwitz dazu. Femizide geschehen ihren Angaben zufolge in allen möglichen gesellschaftlichen Gruppen. Meist geschähen derartige Tötungen nicht aus dem Affekt heraus, sondern seien lange geplant, berichtet die Expertin, die sich ausführlich mit Femiziden beschäftigte. Besonders gefährdet seien Frauen oft vor allem in der Zeit kurz nach der Trennung von ihrem Mann.

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SWR