Auf einem Hof in Erligheim sind zahlreiche Tiere verendet. (Foto: SWR)

Mehr als 15 Schweine, Rinder und Hühner verendet

Kadaver auf Bauernhof in Erligheim: Warum mussten die Tiere sterben?

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Auf einem Bauernhof sind zahlreiche Tiere verhungert und verdurstet. Nachbarn sind geschockt, Tierschützer empört. Das Thema erreicht nun auch den Stuttgarter Landtag.

Snezana Hasenmaier ist immer noch geschockt. Sie wohnt mitten in Erligheim (Kreis Ludwigsburg), direkt neben einem Bauernhof. Vergangene Woche wollte sie, die ihre Pferde täglich auf die Weide gleich nebenan bringt, den Landwirt kurz etwas fragen. Doch was Snezana Hasenmaier dann in einem Stall sah, macht ihr noch heute zu schaffen: Kadaver von Rindern und Schweinen, zum Teil halb versunken im tiefen Mist. Die insgesamt 17 Tiere, darunter auch Hühner, müssen zuvor elendig verhungert und verdurstet sein.

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"Ehrlich gesagt bin ich schon noch traumatisiert, es geht mir schon nach."

Die Nachbarin informierte daraufhin die Polizei und das Veterinäramt. Auch Bürgermeister Rainer Schäuffele (parteilos) besuchte daraufhin den Hof, der mitten in einem Wohngebiet liegt und auf dem sich Paletten, halb zerfallene Maschinen und vergammelnde Heuballen befinden.

Auf einem Hof in Erligheim sind zahlreiche Tiere verendet. (Foto: SWR)
17 Tiere sind den Angaben zufolge auf diesem Hof verendet, indem sie wohl verhungerten und verdursteten.

"Das Bild war schrecklich, das Schlimmste, was ich jemals so gesehen habe. So viele verendete Tiere in einem Stall mit so viel Mist!"

Ursache waren wohl gesundheitliche Probleme des Landwirts

In Erligheim leben etwas mehr als 2.600 Menschen. Schäuffele berichtet, es sei bekannt gewesen, dass der Landwirt unter gesundheitlichen Problemen leide. Der Mann habe in der Vergangenheit auch Hilfe von Menschen aus Erligheim angenommen. Dennoch kam es dazu, dass auf dem Hof mehr als ein Dutzend Tiere verendeten:

"Er sagte, er habe es nicht geschafft: Nachdem die ersten zwei Tiere tot waren, habe er den Stall nicht mehr betreten können."

Bevor die Dinge in Erligheim so eskalierten, gab es ihm zufolge immer wieder Beschwerden, weil die Tiere vor allem im Sommer laut brüllten. "Du musst ihnen mehr zu trinken geben", hätten manche Nachbarinnen und Nachbarn zu dem Bauern gesagt.

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Landratsamt Ludwigsburg: Eskalation konnte niemand kommen sehen

Immer wieder, so erinnert sich der Bürgermeister, hätten sich Nachbarinnen und Nachbarn auch beim Veterinäramt in Ludwigsburg beschwert. Doch das Veterinäramt weist jede Verantwortung für die toten Tiere in Erligheim von sich: "Im Jahr 2020 waren wir vier Mal vor Ort und im vergangenen Jahr ebenfalls vier Mal", sagte Fachbereichsleiter Ulrich Koepsel dem SWR. Dass sich auf dem Hof eine solche Entwicklung vollziehen konnte, sei bei den Kontrollen in den vergangenen zwei Jahren überhaupt nicht vorhersehbar gewesen. Jeder Tierhalter trage eine persönliche Verantwortung - und die habe im Erligheimer Fall versagt, so Koepsel.

Hätten die Menschen in Erligheim wachsamer sein müssen?

Kann es sein, dass Tiere auf dem Hof in Erligheim verendeten und dabei um ihr Leben schrien, ohne dass Anwohnerinnen und Anwohner etwas mitbekamen, jedenfalls bis Snezana Hasenmaier zufällig in den Stall schaute und die toten Tiere sah? Bürgermeister Schäuffele sagte, natürlich sei es schwer vorstellbar, dass niemand etwas gehört habe. Er selbst komme seit langem täglich auf seinen Wegen mehrmals am Hof vorbei und habe dennoch keine Tierschreie gehört. Außerdem könne es sein, so Schäufele, dass Anwohner in den vergangenen kalten Monaten die Fenster meistens geschlossen gehabt hätten.

Auf einem Hof in Erligheim sind zahlreiche Tiere verendet. (Foto: SWR)
Auf diesem Bauernhof in Erligheim wurden die Tierkadaver in Kot entdeckt.

Ein einziges Tier konnte aus dem Stall voller Tierkot noch lebend gerettet werden. Das Tier befindet sich nun im Ludwigsburger Tierheim. Die Kadaver hingegen befanden sich mehr als eine Woche nach der Entdeckung noch immer im Stall.

Update vom 29. April zum Fall des Erligheimer Bauernhofs:

Erligheim

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Erligheimer Fall auch Thema im Stuttgarter Landtag

Tierschützerinnen und Tierschützer der Organisation PETA erheben wegen des Falls in Erligheim Vorwürfe gegen die baden-württembergische Landesregierung: Es gebe zu wenig Kontrollen bei Landwirtinnen und Landwirten.

"Wir fordern die Landesregierung dringend auf, die Veterinärbehörden personell so auszustatten, dass mindestens jährliche Kontrollen durchführbar sind."

Auch auf einem Bauernhof im fränkischen Ansbach starben wegen eines offenbar überforderten Landwirts viele Tiere:

Schwäbisch Hall

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SPD fordert mehr Kontrollen auf Bauernhöfen

Neben PETA fordert auch die oppositionelle SPD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag die grün-schwarze Landesregierung dazu auf, nun zu handeln. Ihr tierschutzpolitischer Sprecher Jonas Weber zeigte sich entsetzt: "Es ist unerträglich, dass in einem Landwirtschaftsbetrieb in Baden-Württemberg solch grausige Zustände herrschen können", so Weber.

"Es geht einfach nicht, dass ein Betrieb, der viele Tiere hält, nur alle Jubeljahre mit einer Kontrolle rechnen muss."

Weber berief sich auf eine Anfrage seiner Fraktion an die Landesregierung im vergangenen Jahr, die gezeigt habe, "dass Schweinemastbetriebe in Baden-Württemberg im Durchschnitt nur alle 11,5 Jahre kontrolliert werden." Das Land müsse eine "Tierschutzeinheit BW" ins Leben rufen, die Missstände an Schlachthöfen und in Betrieben offenlegen und bestrafen könne, forderte Weber im Namen seiner Fraktion.

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