Verschiedene Reliefplatten aus Nigeria, sind in der „Afrika“ Ausstellung im Lindenmuseum in Stuttgart zu sehen. Im nächsten Jahr sollen deutsche Museen erste Kunstschätze der als Raubgut geltenden Benin-Bronzen an Nigeria zurückgegeben - Das Linden-Museum hat mehr als 60 dieser Bronzen in seiner Sammlung. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Christoph Schmidt)

Deutschland und Nigeria einigen sich

Bund will Benin-Bronzen zurückgeben: Linden-Museum in Stuttgart betroffen

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Alleine im Stuttgarter Linden-Museum liegen 64 sogenannte Benin-Bronzen. Nun haben sich Deutschland und Nigeria auf die Rückgabe des kolonialen Raubgutes geeinigt.

Nach der Einigung zwischen Deutschland und Nigeria über die sogenannten Benin-Bronzen hat Baden-Württemberg erste Schritte für eine Rückgabe der als koloniales Raubgut geltenden Kunstobjekte eingeleitet. Das Stuttgarter Linden-Museum werde konkrete Objekte für eine Rückgabe identifizieren und in Gespräche mit der nigerianischen Seite eintreten, kündigte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) am Dienstagabend an.

Damit setze die grün-schwarze Landesregierung die jüngste Verabredung als erstes Bundesland um, sagte Bauer der Deutschen Presse-Agentur. "Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir nun rasch zu umfassenden Rückgaben kommen, insbesondere aus dem Linden-Museum", so Bauer.

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Absichtserklärung zwischen Deutschland und Nigeria

Wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass sich Deutschland und Nigeria über den Umgang mit den als koloniales Raubgut geltenden Benin-Bronzen in deutschen Museen verständigt haben.

Außenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth (beide Grüne) werden nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Freitag in Berlin mit ihren nigerianischen Amtskollegen eine Absichtserklärung unterzeichnen, die den Weg für die Eigentumsübertragungen der wertvollen Kunstobjekte freimacht. Die Unterzeichnung erfolgt im Auswärtigen Amt.

1.100 Bronzen in 20 deutschen Museen

Für die nigerianische Seite sollen Kulturminister Lai Mohammed und der Staatsminister für Auswärtige Angelegenheiten, Zubairo Dada, dabei sein. Zwei Bronzen sollen direkt im Anschluss übergeben werden. Die Stücke stammen nach dpa-Informationen aus Berliner Beständen. Etwa 1.100 der kunstvollen Bronzen aus dem Palast des damaligen Königreichs Benin, das heute zu Nigeria gehört, sind in rund 20 deutschen Museen zu finden. Die Objekte stammen größtenteils aus den britischen Plünderungen des Jahres 1897.

Im vergangenen Jahr hatten Vertreter von Bund, Nigeria und Museen die Rückübertragung der Eigentumsrechte angekündigt. Über die umfangreichsten Sammlungen verfügen das Linden-Museum in Stuttgart, das Museum am Rothenbaum (Hamburg), das Rautenstrauch-Joest-Museum (Köln), das Völkerkundemuseum Dresden/Leipzig sowie das Ethnologische Museum Berlin. Diese fünf Häuser sind bisher an der geplanten Eigentumsübertragung beteiligt.

Mit den Partnerinnen und Partnern in Nigeria wurde bisher besprochen, welche und wie viele Objekte nicht nur übertragen, sondern auch zurückgegeben werden und was in Deutschland bleiben kann - dann als Leihgabe.

64 Bronzen aus Benin im Stuttgarter Linden-Museum

Im Bestand des Linden-Museums befinden sich 78 Objekte aus dem ehemaligen Königreich Benin, darunter 64 Bronzen. Die Herkunft dieser Objekte ist laut baden-württembergischem Kunstministerium nicht in allen Fällen vollständig aufklärbar. Aber man müsse davon ausgehen, dass diese zumindest weit überwiegend im Jahr 1897 während einer brutalen britischen Strafexpedition aus dem Palast des Königshauses Benin geraubt und anschließend zur Refinanzierung der Militäraktion versteigert wurden.

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Schwierige Geschichte wird im Linden-Museum in Stuttgart aufgearbeitet

Das Linden-Museum hat den größten Teil seiner Objekte aus Benin bereits 1899 in Berlin erworben. Unter dem Stichwort "Schwieriges Erbe" gab es im Stuttgarter Museum bis Mai 2022 eine Ausstellung über die Frage, wie das völkerkundliche Linden-Museum und das Land Baden-Württemberg mit dem Kolonialismus verbunden sind.

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Bauer hatte sich bereits zu Jahresbeginn überzeugt gezeigt, dass im Laufe dieses Jahres die ersten geraubten Bronzen und andere Kunstschätze an Nigeria übereignet würden. Ginge es nach ihr, sollte bei den Bronzen noch nicht Schluss sein. Sie spricht sich für eine Restitution aller Benin-Objekte an Nigeria aus. Zuvor waren schon eine historische Peitsche und eine Bibel aus der Sammlung des Linden-Museums an Namibia zurückgegeben worden.

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