Menschen stehen vor einem geplünderten Geschäft in der Marienstraße. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Julian Rettig | Julian Rettig)

Ein Jahr nach der Krawallnacht in Stuttgart

"Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen"

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Dutzende junger Menschen sind in der Nacht auf den 21. Juni 2020 randalierend durch Stuttgart gezogen. Sie haben geplündert, Flaschen geworfen und zugeschlagen. Ein Jahr danach sind noch viele Fragen offen.

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Ein Jahr nach den Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt sind die Ermittlungen der Sonderkommision "Eckensee" weitestgehend abgeschlossen, so der stellvertretende Stuttgarter Polizeipräsident Markus Eisenbraun gegenüber dem SWR. Bislang wurden 141 Tatverdächtige ermittelt, 82 Haftbefehle erlassen und zahlreiche Gerichtsurteile gesprochen. Bislang sind bereits Freiheitstrafen in einer Gesamthöhe von rund 100 Jahren verhängt worden – 40 davon ohne Bewährung. Nur einige wenige Ermittlungsverfahren stehen noch aus. Dazu zählt auch, dass der Täter bislang nicht gefunden wurde, der in der Krawallnacht mit einem Sprung einen Polizisten in den Nacken getreten hatte.

Polizei setzt nicht nur auf Deutsch

Die Krawallnacht sei für die Einsatzkräfte ein prägendes Ereignis gewesen, das jeden Tag und vor allem an den Wochenenden spürbar sei. Die Beamten litten unter der Konfrontation mit Rassismusvorwürfen, so Eisenbraun. Im Fokus der Polizeiarbeit stehe nun, neuerliche Ausschreitungen zu verhindern. Ziel der Polizei sei es, sich auf potenzielle Unruhestifter zu fokussieren. Diese sollen - notfalls auch mit Platzverweisen - isoliert werden. Andererseits schule die Polizei junge Kollegen in der Kommunikation, zum Teil auch mehrsprachig. Die Polizei wolle für junge Feiernde in der Innenstadt nicht als "Spielverderber" wahrgenommen werden. Man müsse aber klar zeigen, wo die rote Linie verlaufe.

Videoüberwachung am dem Wochenende

Seit der Krawallnacht setzt die Polizei verstärkt sogenannte "Super Recogniser" ein, die sich besonders gut Gesichter von Verdächtigen merken können. Zudem seien an den Wochenenden zusätzlich zumeist 150 bis 200 zusätzliche Beamte im Einsatz – jedes Mal ein "Kraftakt", so Eisenbraun. Das Land Baden-Württemberg teilte am Freitag mit, es stellt nun provisorisch Kameras auf ihrem Gelände am Neuen Schloss zur Verfügung, mit der die Videoüberwachung am Schlossplatz und im Schlossgarten zum Jahrestag der Krawallnacht starten könne.

Frage nach dem Warum immer noch weitgehend offen

Kurz nach der Krawallnacht war eine Debatte über die Herkunft der Täter entbrannt, es war von Stammbaum-Forschung die Rede. Die Kriminologen Tobias Singelnstein und Christian Walburg kommen in einem am Donnerstag veröffentlichten Artikel zu dem Schluss, dass der Migrationshintergrund von einem Großteil der Tatverdächtigen nicht von zentraler Bedeutung für die Erklärung der Vorkommnisse gewesen sei. Richterinnen und Richter des Stuttgarter Amtsgerichts, die mittlerweile mehr als 60 Urteile im Zusammenhang mit der Krawallnacht gesprochen haben, fehlt nach eigenen Angaben eine plausible Erklärung für den damaligen Gewaltausbruch.

Viele junge Täter

Zuständig für die Prozesse sind größtenteils Jugendschöffengerichte, denn die meisten Angeklagten waren zur Tatzeit zwischen 18 und 21 Jahre alt. In rund 80 Prozent der bereits abgeschlossenen Verfahren gab es nach Angaben des Amtsgerichts Stuttgart Bewährungsstrafen. Zur Begründung hieß es: Viele der Angeklagten waren zumindest zeitweise in Untersuchungshaft und man sei davon ausgegangen, dass sie dies nachhaltig beeindruckt habe.

Wiedergutmachung angekündigt

Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) erklärte, die Stadt habe im Rahmen der Sicherheitspartnerschaft mobile Jugendarbeit in der Innenstadt etabliert. Acht Streetworker suchten nun den Kontakt zu jungen Menschen. Außerdem betreut das Jugendamt 30 junge Menschen aus der Krawallnacht, die sich um Wiedergutmachung de Schäden bemühten, teilte die Stadt mit. Auch wenn man in Sachen Aufarbeitung und Prävention großes Engagement sehe, könne man von den Maßnahmen "keine Wunder erwarten", so Nopper.

Harsche Kritik an Stadtverwaltung

Stuttgart sei Anziehungspunkt für tausende junge Menschen, "Hotspots" stellten Stadt und Polizei vor extreme Herausforderungen. Der katholische Stadtdekan Christinan Hermes zeigte sich unterdessen tief enttäuscht von den bisherigen Maßnahmen. Hermes sagte dem SWR, die Stadt habe jahrelang tatenlos dabei zugesehen, was sich rund um den Eckensee im Schlossgarten und am Schlossplatz abspiele.

"Vermüllung, Verwahrlosung und Partynächte"

Es gebe seit vielen Jahren schon das Problem der Partynächte, der Vermüllung und Verwahrlosung. Auch das Land trage Verantwortung. Teile des Schlossplatzes und des Schlossgartens seien Liegenschaften des Landes, so der Stadtdekan. "Wer überrascht davon war, dass das Ganze irgendwann mal explodiert oder so ausbricht, hat vorher wenig davon mitbekommen - oder wollte es nicht mitbekommen", so Hermes. Er lebt in unmittelbarer Nähe des Schlossplatzes und kritisiert unter anderem - wie andere Anrainer auch - seit Jahren das Fehlen öffentlicher Toiletten in diesem Bereich.

Krawallnacht bleibt Stuttgartern im Gedächtnis

Auch Stuttgarter Gastronomen und Einzelhändler, die von den Ausschreitungen betroffen waren, beschäftigt die Krawallnacht noch heute. Osman Madan, Geschäftsführer von Carls Brauhaus am Stuttgarter Schlossplatz erklärte gegenüber dem SWR: "Seit das vor einem Jahr war, schaut man sich die Leute und Gruppen mit ganz anderen Augen an. Man schaut da rein und denkt sich, dass das wieder passieren könnte." Es habe sich seither nichts verändert, so der Brauhaus-Besitzer.

Beschäftigte in der Innenstadt weiterhin besorgt

Auch Handyläden wurden in der Krawallnacht beschädigt und ausgeräumt. Bei manchen Mitarbeitern bleibt ein mulmiges Gefühl: "Man hat im Hinterkopf, dass ein Anruf kommen kann und es heißt, dass der Laden demoliert wurde und man zum Aufräumen kommen soll", sagte einer der Beschäftigten dem SWR. Eine weitere Verkäuferin bekannte: "Wenn ich sehe, dass sich da Leute versammeln und feiern, mache ich einen Bogen. Im Shop sind wir jetzt immer zu zweit."

"Die Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Wir werden einen langen Atem brauchen"

OB Nopper verwies darauf, dass jenseits der Strafverfolgung Stadt und Land im Rahmen ihrer "Sicherheitspartnerschaft" zahlreiche präventive und repressive Maßnahmen auf den Weg gebracht hätten, um Stuttgart sicherer zu machen. Die Beleuchtungs im Oberen Schlossgarten, einer Liegenschaft des Ministeriums für Finanzen Baden-Württemberg, sei bereits im vergangenen Jahr optimiert worden, hieß es in einer aktuellen Mitteilung der Stadt. Auch seien nun Verbote zum nachhaltigen Alkoholkonsum in den Schlossgartenanlagen wirksam geworden.

Noch keine Videoüberwachung durch Stadtverwaltung

Auch wenn das Land ihre Kameras zur Überwachung des Schlossplatzes und Schlossgartens an diesem Wochenende erstmals zur Überwachung einschaltet, ist das auf städtischem Gelände noch nicht möglich. Schon im letzten Sommer hatte der Stuttgarter Gemeinderat beschlossen, Kameras in der Stuttgarter Innenstadt zu installieren. Bislang konnten diese Pläne aber noch nicht realisiert werden, da eigentumsrechtliche und datenschutzrechtliche Fragen abgeklärt geklärt werden müssten, sagte in Sprecher der Stadt Stuttgart. Bis zum Sommer solle aber der Gemeinderat über die konkrete Umsetzung der Videoüberwachung entscheiden.

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