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Die Gesundheitsämter stoßen bei der Kontaktverfolgung von Corona-Infizierten an ihre Grenzen. Ehrenamtliche wollen helfen - doch das ist gar nicht so einfach, wie ein Beispiel aus Stuttgart zeigt.

Nach über 35 Jahren Arbeitserfahrung im Stuttgarter Versicherungskonzern Allianz - unter anderem sieben Jahre als Gruppenleiterin des hauseigenen Call-Centers - wollte Susanne Herrmann ihre Arbeitskraft ehrenamtlich beim Gesundheitsamt Stuttgart anbieten. Doch eine Antwort hat sie bis heute nicht erhalten.

Auf SWR-Anfrage teilt eine Sprecherin der Stadt Stuttgart nun mit, dass die arbeitsschutz- und datenschutzrechtlichen Anforderungen an die Aufgaben im Gesundheitsamt - insbesondere die Kontaktverfolgung - hoch seien. "Voraussetzung in diversen Bereichen des Tätigkeitsfeldes Covid-19 ist medizinisches Hintergrundwissen", so die Sprecherin.

Sozialamt arbeitet an weiteren Engagement-Möglichkeiten

Die Einarbeitung sei sehr aufwendig. "Deshalb werden derzeit befristete Einstellungen, unter anderem von Studierenden mit medizinischem Hintergrund vorgenommen", heißt es von der Stadt. Die Stadt Stuttgart habe einen internen Pandemie-Pool, davon seien Mitarbeiter bei der Kontaktnachverfolgung im Einsatz. Dazu kämen 60 Soldaten der Bundeswehr.

"Der Einsatz von Ehrenamtlichen ist aufgrund dieser hohen Anforderungen nicht zielführend."

Sprecherin der Stadt Stuttgart

Jedoch arbeite das Sozialamt aktuell gemeinsam mit der Freiwilligenagentur an weiteren Engagement-Möglichkeiten, heißt es weiter.

Für Susanne Herrmann aus Stuttgart klingt die Begründung der Stadt, wonach die Anforderungen für die Mithilfe hoch seien, eher wie eine Worthülse. "Die wissen das doch gar nicht, keiner hat mit mir gesprochen", sagt sie. Da niemand mit ihr in Kontakt getreten sei, könne auch niemand wissen, ob die benötigten Anforderungen in ihrem Fall beispielsweise vorhanden seien.

Schichtzeiten müssen abgedeckt werden

Zudem benötige das Gesundheitsamt für die aktuellen Aufgaben längerfristige Unterstützung. "Notwendig ist eine sehr hohe zeitliche Kontinuität von mindestens 15 bis 20 Stunden pro Woche", so die Stadt. Dabei sei wichtig, dass Schichtzeiten und Wochenenddienste abgedeckt werden können.

Einsatz von Soldaten - aber nicht von Bürgern?

Überall in Presse, Funk und Fernsehen würden die Gesundheitsämter nach Hilfe rufen, begründete Susanne Herrmann ihre Entscheidung, ehrenamtlich helfen zu wollen. Die Gesundheitsämter scheinen klar auf Hilfe angewiesen zu sein. Susanne Herrmann leuchtete dabei nicht ein, wieso nur Menschen aus speziellen Branchen für die Hilfe angesprochen sein sollten. Herrmann ist überzeugt, den Soldaten in nichts nachzustehen: "Soldaten haben auch ganz unterschiedliche Berufsbilder, die sind ja weder alle Mediziner noch Kommunikatoren oder Ähnliches."

Keine Eingangsbestätigung, keine Bearbeitungsmitteilung

Als Susanne Hermann versuchte, das Gesundheitsamt telefonisch zu erreichen, landete sie in Warteschleifen und sprach häufiger mit Computerstimmen statt mit Mitarbeitern. Schließlich versuchte sie es über einen Umweg und rief in einer anderen Abteilung innerhalb des Stuttgarter Gesundheitsamtes an. Dort wurde sie an die allgemeine Mail-Adresse verwiesen. Doch auch dort erhält Susanne Herrmann nichts: Keine Eingangsbestätigung, keine Bearbeitungsmitteilung. Einige Tage später versuchte sie es über den Leiter des Amtes. Auch hier kam sie nicht weiter.

Aufgeben will Hermann eigentlich nicht, motiviert sei sie noch. Aber irgendeine Regung der anderen Seite müsse jetzt schon kommen, damit sie nochmal einen Versuch startet, sagte sie im SWR-Interview.

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