Unter anderem Charles de Gaulle, Heinrick Lübke und Konrad Adenauer in Ludwigsburg. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Festakt in Ludwigsburg

60 Jahre Charles de Gaulles "Rede an die Jugend" in Ludwigsburg

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1962 hat Charles de Gaulle seine berühmte "Rede an die Jugend" im Schloss Ludwigsburg gehalten. Am Freitag feiern Politiker, Künstler und Schüler den historischen Tag.

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Zu den Feierlichkeiten am Vormittag im Ordenssaal des Residenzschloss Ludwigsburg waren unter anderem der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Sarah El Haïry, die Staatssekretärin für Jugend in Frankreich, gekommen.

In Ihren Ansprachen blickten die beiden Politiker auf die Rede de Gaulles zurück und sprachen über die Wichtigkeit der Freundschaft in Europa, die de Gaulle mit seiner Rede vor 60 Jahren symbolisiert hatte. Begleitet wurde das Programm unter anderem von einem ukrainischen Jugendorchester und dem Rap-Auftritt einer Schulklasse. Der Festakt wurde vom SWR übertragen:

Durch das Festprogramm führten Vertreterinnen und Vertreter der Initiative "Junge Europäer Baden-Württemberg", einer Organisation, die sich für die europäischen Werte unter Jugendlichen einsetzt.

Ludwigsburger Oberbürgermeister Knecht: "Das ist Ihr Tag"

Matthias Knecht (parteilos), Oberbürgermeister von Ludwigsburg, gedachte als erster Redner zuerst der verstorbenen britischen Königin Elizabeth II., bevor er sich dann den Jugendlichen im Raum zuwandte. Sie würden heute im Mittelpunkt stehen.

"Es ist Ihr Tag, Ihre Chance und Ihre Zukunft. Wir freuen uns, dass Gäste aus ganz Europa da sind und auch Gäste aus den USA, da auch Vertreter unserer Partnerstädte heute da sind." Beim Thema, Europa den Menschen näher zu bringen, würde den jungen Menschen eine besondere Rolle zukommen. Und auch den Kommunen und Gemeinden, die verpflichtet seien, Jugendliche in Jugendgemeinderäten einzubinden.

Kretschmann: "Auch nach 60 Jahren berührt die Rede von Charles de Gaulle"

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) berichtete in seiner Rede vom großen Eindruck, die de Gaulles Rede damals auf ihn machte. Der Ministerpräsident war damals 14 Jahre alt und Teil einer Familie, die wegen des zweiten Weltkriegs zur Flucht gezwungen wurde. Dass der französische Präsident in einer Rede von der Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich sprach und seine Rede auf Deutsch hielt, ist für Kretschmann bis heute beeindruckend.

"Auch nach 60 Jahren berührt die Rede von Charles de Gaulle."

Kretschmann adressierte nicht nur die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland, sondern sprach auch über die Relevanz des Zusammenhalts in ganz Europa. "Die deutsch-französische Freundschaft ist bis heute der Grundpfeiler der europäischen Einigung", so Kretschmann. Dass die Idee von Zusammenhalt und Frieden in Europa aktuell infrage gestellt wird "schmerze" ihn.

Der Ukraine-Krieg und Putin könne Europa nicht spalten

Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der Klimakrise erinnerte der Ministerpräsident daher an die hohe Relevanz, die ein gemeinsames und solidarisches Handeln aller Europäerinnen und Europäer aktuell hat. Im gemeinsamen Handeln liege echte Zuversicht, in den aktuellen Krisen weiterzukommen, "gerade auch für die junge Generation", so Kretschmann.

"Es ist eine wirklich gute Nachricht in dieser schweren Zeit: Dass Europa zusammensteht, Freiheit und Demokratie verteidigt und unsere auf Frieden und Recht basierende Ordnung schützt." Europa lasse sich durch die Aggression des russischen Präsidenten Wladimir Putin, den brutalen Krieg und die unsägliche Propaganda Putins nicht spalten.

Staatssekretärin El Haïry: "Europa wird Herausforderungen meistern"

Die französische Staatssekretärin für Jugend, El Haïry, sprach vom Mut der beiden Staatschefs Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, den es brauchte, um die Idee der Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich in die Tat umzusetzen. Nur so hätte eine enge europäische Union entstehen können, die den Frieden, den Wohlstand und die Souveränität Europas sicher kann. El Haïry sprach den Jugendlichen, an die die Rede de Gaulles vor 60 Jahren gerichtet war, ihre Dankbarkeit aus. Diese Generation habe den Weg, den die Rede vorgab, angenommen. Das friedliche Europa, "in dem die Jugend perspektivisch nicht mehr der Wehrdienst, sondern ein Erasmus-Aufenthalt erwartet", sei zu einem großen Teil der Verdienst dieser Generation.

Auch die Staatssekretärin ging auf den Krieg in der Ukraine ein und wie wichtig es wäre, das Erbe der Nachkriegsgeneration zu schützen. Nur so könnten die Herausforderungen Europas bewältigt werden. "Europa wird Herausforderungen meistern", sagte El Haïry in ihrer Rede. Dazu müsse man auf die Freundschaft und das gemeinsame Handeln der deutsch-französischen Freundschaft zählen. Auf Deutsch beendete sie ihre Rede mit "Es lebe die deutsch-französische Freundschaft".

Die Jugend kommt selbst zu Wort: "Wir sind die Zukunft! Wir sind Europa!"

Zum 60. Jahrestag der "Rede an die Jugend" sollte beim Festakt aber auch die Jugend selbst zu Wort kommen. Bereits in den vergangenen Tagen haben sich zehn Jugendliche aus Deutschland und Frankreich zu einem Projekt des Deutsch-Französischen Jugendwerks in Ludwigsburg getroffen. Gemeinsam schrieben sie eine Rede, die beim Festakt stellvertretend von Stefan Semjancuk aus Tübingen und Lisa Menetrier aus Nantes in Frankreich vorgetragen wurde. "Was sehen Sie hier?" fragen die Jugendlichen zu Beginn ihrer Rede, die im Wechsel auf Deutsch und Französisch gehalten wurde. "Sehen Sie nicht eine Jugend, die sich engagiert?" Sie würden hier stehen als zwei Europäer, zwei Freunde, die gemeinsam für ein offenes Europa einstehen würden. "Zwei Freunde mit einem europäischen Funkeln in den Augen", so wie es de Gaulle vor 60 Jahren beschrieben habe. Aber der Kontinent stehe vor vielen Herausforderungen. Und diese Herausforderungen würde vor allem sie betreffen, die Jugend. Ob es sich dabei um den Ukraine-Krieg drehe, um die Corona-Pandemie oder die Klima-Krise - diese Probleme könne man nur gemeinsam angehen.

"Der Krieg in der Ukraine führt uns eindrücklich und brutal vor Augen, dass Frieden und Sicherheit auf diesem Kontinent nichts selbstverständliches sind."

Stefan Semjancuk aus Tübingen und Lisa Menetrier aus Nantes in Frankreich (Foto: SWR)
Stefan Semjancuk aus Tübingen und Lisa Menetrier aus Nantes in Frankreich halten ihre "Rede der Jugend" und werben für ein gemeinsames Europa.

Europa würde eine schwere Zeit durchmachen, in der das Interesse an europäischer Politik zurückgehe, in der rechtsnationalistische Tendenzen stärker würden und der Rechtsstaat vermehrt infrage gestellt werde. "Deshalb sind wir alarmiert", erklärt Lisa Menetrier. "Wir alle, vor allem wir Jugendlichen, müssen uns das bewusst machen und uns fragen, ob es normal ist, diesen Rückgang der Demokratie mitzuerleben." Durch die Werte der Europäischen Union sei es möglich, sich weiterhin für Gleichberechtigung, für Flüchtlinge und für die Einheit einzusetzen.

Das gehe nur durch Projekte, durch Chancenangebote wie Erasmus und Austauschprogramme. Die Jugend verdiene es in Europa Gehör zu finden. Am Ende der Rede wandten sich die beiden Jugendlichen an ihre eigene Generation: "Liebe Jugend, nutzen wir die europäischen Errungenschaften, denken wir die europäische Idee weiter", führte Stefan Semjancuk aus. Und gemeinsam schlossen die beiden Redner: "Wir halten unser Schicksal in unseren Händen. Wir sind die Zukunft. Wir sind Europa."

1962 - Charles de Gaulles Rede an die deutsche Jugend

60 Jahre zuvor, am Ende seines einwöchigen Staatsbesuchs in der Bundesrepublik, hielt der französische Staatspräsident de Gaulle im Schloss Ludwigsburg 1962 eine Rede an die deutsche Jugend. Darin sagte der Präsident unter anderem: "Ich beglückwünsche Sie, junge Deutsche zu sein!"

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De Gaulle trug auch mit seiner Rede dazu bei, das deutsch-französische Verhältnis, das damals noch unter dem Nachklang von zwei Weltkriegen litt, zu verbessern. Unter anderem unterzeichnete er 1963 gemeinsam mit Konrad Adenauer den Élysée-Vertrag, der die Rivalität und "Erbfeindschaft" zwischen Frankreich und Deutschland endgültig beenden sollte.

Angela Merkel und François Hollande 2012 in Ludwigsburg. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Angela Merkel und François Hollande besuchen 2012 Ludwigsburg, um die deutsch-französische Freundschaft zu feiern. Picture Alliance

Bereits 2012, zum damals 50-jährigen Jubiläum, besuchte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammen mit dem ehemaligen französischen Präsidenten François Hollande Ludwigsburg.

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