Die Kirchengemeinde in Hegnach ist gespalten. (Foto: SWR)

YouTube-Video hatte Konflikt befeuert

Hegnacher Kirchengemeinde nach umstrittenen Äußerungen zu Coronamaßnahmen von Pfarrer gespalten

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Nicole Florié, Christian Spöcker

In Hegnach sorgt ein Pfarrer schon länger für Konflikte. Ein Video gegen die Coronamaßnahmen heizte den Konflikt zusätzlich an. Ex-Gemeindemitglieder berichten von einer Spaltung die den ganzen Ort betreffe.

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Die Corona-Maßnahmen sorgen überall in Deutschland für Streit. Doch speziell in der evangelischen Kirchengemeinde Hegnach bei Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) ist spätestens seit dem umstrittenen YouTube-Videos des evangelikalen Pfarrers Bernhard Elser nichts mehr, wie es war. Darin verglich er indirekt die derzeitigen staatlichen Maßnahmen in der Corona-Pandemie mit der Politik des NS-Regimes. Das befeuerte den Konflikt in der Gemeinde nur zusätzlich: Denn darüber hinaus hatte Elser in der Vergangenheit Homosexuelle verunglimpft.

Einige Gläubige sind aus Protest gegen Pfarrer Elser ausgetreten

Elsner sei zu evangelikal, zu engstirnig und schlicht radikal, kritisiert Bernd Linsenmaier aus Hegnach, und hat deswegen die Kirchengemeinde verlassen.

In Hegnach sorgen Äußerungen des Pfarrers Bernhard Elser für Streit. (Foto: SWR)
Bernd Linsenmaier hat die Kirchengemeinde in Hegnach verlassen.

"Ja, das war meine Kirche", sagt er dem SWR über die Gemeinde im Ort. "Hier bin ich getauft worden, hier habe ich geheiratet, hier habe ich meine Kinder auch taufen lassen. Fast 50 Jahre lang war das hier meine Kirchengemeinde." Ende 2020 sei für ihn jedoch Schluss gewesen.

"Ich konnte nicht mehr mit Pfarrer Elser, dem Kirchengemeinderat und der Gemeinde weiter machen."

Elser habe mit seiner Religionsauffassung nicht nur seine Kirchengemeinde gespalten, berichtet Linsenmaier. Das habe auch Folgen für den ganzen Ort und langjährige Freundschaften.

"Ich habe Konflikte mit Menschen hier, die ich seit meiner Jugend kenne, mit denen ich nicht mehr reden kann, die mir gefühlt auch aus dem Weg gehen."

Manche haben wenig Hoffnung auf Frieden in der Gemeinde

Später an diesem Tag bekommt Linsenmaier Besuch von zwei weiteren ehemaligen Gemeindemitgliedern, die ebenfalls schweren Herzens die Hegnacher Gemeinde verlassen haben. Einer davon möchte sich nur anonym äußern, weil er Ärger mit seinen Nachbarn befürchtet. Es habe ihm das Herz zerrissen, erzählt der Mann, nach mehr als 50 Jahren aus der Gemeinde auszutreten, aber er habe nicht bleiben können.

In Hegnach sorgen Äußerungen des Pfarrers Bernhard Elser für Streit. (Foto: SWR)
Bei Annegret Dobler hat Streit über Pfarrer Elser für eine Entfremdung in der Verwandtschaft gesorgt.

Auch Annegret Dobler fiel es unendlich schwer, die Gemeinde zu verlassen, nachdem die Kirchengemeinde für sie "wie eine Großfamilie" gewesen war. Das sei nun überhaupt nicht mehr so, berichtet Dobler.

"Weil sogar Teile unserer Verwandtschaft uns nicht mehr grüßen und weil dieser Konflikt einfach derartig groß ist, dass ein anderes Miteinander nicht geht."

Dobler zeigt sich bereit für einen Neuanfang in der Gemeinde - doch "ich denke, es ist notwendig, dass der Herr Elser nicht mehr in dieser Gemeinde ist oder dass es sich einfach sehr deutlich ändert." Bernd Linsenmaier sagt dagegen, er wüsste nicht, wie die Verletzungen wieder behoben werden könnten.

Kritik von Vorgesetzten, aber unklare Konsequenzen

Auch der direkte Vorgesetzte des umstrittenen Pfarrers, Timmo Hertneck, spricht von einer Spaltung der Gemeinde. Diese bereite ihm Sorgen, sagt der Waiblinger Dekan.

"In Hegnach haben wir schon seit geraumer Zeit immer wieder Konflikte. Und durch die Volkstrauertags-Rede vom Pfarrer Elser ist der Konflikt in eine neue Dimension getreten."

Das YouTube-Video von Pfarrer Elser habe ihn schockiert. Dekan Hertneck bezeichnet Elser als "Ultra-Evangelikalen".

Nicht nur der indirekte Nazi-Vergleich legt nahe, dass es Elser nicht um Theologie oder Glauben, sondern um eine politische Botschaft geht. Auch die Auswahl dieses Bildes vom Reichstag spricht dafür:

In Hegnach sorgen Äußerungen des Pfarrers Bernhard Elser für Streit. (Foto: SWR, Achtung, dieses Bild darf laut Justiziariat nicht ohne weiteres verwendet werden, sondern nur unter strenger Beachtung des Zitatrechts.)
Das Video von Pfarrer Elser sorgte für Aufsehen - und hat den Streit in der Kirchengemeinde Hegnach zusätzlich befeuert. Achtung, dieses Bild darf laut Justiziariat nicht ohne weiteres verwendet werden, sondern nur unter strenger Beachtung des Zitatrechts.

"Wenn man die Bildsprache des Videos anschaut, sieht man auch: Das ist eine Bildsprache, die man aus dem Kontext vom Reichstagssturm oder der Kapitol-Stürmung kennt."

Umstrittener Pfarrer Elser lehnt eine Stellungnahme ab

Auch die Landeskirche Württemberg verurteilt Elsers Äußerungen. Juristische Konsequenzen müsse der Pfarrer jedoch nicht fürchten, erklärt Landeskirchen-Sprecher Dan Peter auf Nachfrage, denn Elsers Vergleich im YouTube-Video habe "keinen direkten Bezug und sei somit juristisch nicht greifbar".

So berichteten wir Mitte Dezember über das Thema:

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Der Landeskirchen-Sprecher sagt zu möglichen beruflichen Folgen: "Es werden aktuell Gespräche geführt. Es wird darüber nachgedacht, was das für Auswirkungen auf den Dienstauftrag hat. Und es werden, wenn nötig, entsprechende Veränderungen im Dienstauftrag durchgeführt."

Der Kirchengemeinderat in Hegnach hat sich inzwischen von den Auffassungen Elsers zu Corona distanziert, steht aber weiterhin zu seinem Pfarrer. Elser selbst wollte sich auf eine entsprechende Anfrage des SWR nicht zum Thema äußern.

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