Urteil gegen frühere Stuttgarter Kulturmanagerin

Elf Jahre Haft - Kretschmann fordert sofortige Freilassung von Kolesnikowa

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Elf Jahre Haft für die belarussische Oppositionelle Maria Kolesnikowa, so das Urteil. Sie war lange Kulturmanagerin in Stuttgart. Politiker und ihre Weggefährten sind entsetzt.

Wegen angeblicher versuchter illegaler Machtergreifung ist die Ex-Stuttgarterin Maria Kolesnikowa in der belarussischen Hauptstadt Minsk zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Das teilte das Gericht belarussischen Staatsmedien zufolge am Montag in Minsk mit. Der mit Kolesnikowa angeklagte Anwalt Maxim Snak erhielt demnach zehn Jahre Haft.

Kretschmann fordert sofortige Freilassung von Maria Kolesnikowa

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) forderte am Dienstag die sofortige Freilassung von Kolesnikowa. Er habe den Schauprozess und das Urteil mit großer Bestürzung zur Kenntnis genommen, schrieb er auf Twitter.

Diese eklatante Missachtung der Menschenrechte und systematische Unterdrückung der friedlichen Opposition seien nicht hinnehmbar. Kretschmann nahm auch Bezug auf die Beziehungen Kolesnikowas zu Baden-Württemberg als Absolventin der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart und ihre anschließende Tätigkeit als Dozentin dort.

Engagement gegen Lukaschenko

Der international kritisierte Prozess gegen die 39-Jährige und gegen Anwalt Snak hatte Anfang August begonnen. Kolesnikowa hatte sich im vergangenen Jahr im Präsidentschaftswahlkampf gegen Alexander Lukaschenko engagiert - als Managerin für den ebenfalls inhaftierten früheren Bankier Viktor Babariko, der Präsident werden wollte.

Kolesnikowa hatte mit Snak und anderen Lukaschenko-Gegnern den Koordinierungsrat für eine friedliche Machtübergabe in Belarus gegründet. Die Behörden des autoritären Landes hatten ihr eine Verschwörung mit dem Ziel einer illegalen Machtergreifung sowie die Gründung und Führung einer extremistischen Vereinigung vorgeworfen. Die Oppositionelle sprach in einem schriftlich geführten Interview des unabhängigen russischen Internetsenders Doschd von einer "absurden Anschuldigung". Das sei ein weiteres Beispiel für die "Gesetzlosigkeit des Polizeistaates". Kolesnikowa formte mit ihren Händen in Handschellen ein Herz in einem Gitterkäfig vor Gericht. Vor dem Gerichtsgebäude bildete sich eine lange Menschenschlange.

Kolesnikowas Weggefährten aus Stuttgart sind entsetzt

Die frühere Musikerin hat lange Zeit in Stuttgart als Kulturmanagerin gearbeitet. Anders als andere Gegner Lukaschenkos hatte sie sich nach ihrer Rückkehr nach Belarus geweigert, das Land zu verlassen. Anfang September vorigen Jahres wurde die Politikerin vom Geheimdienst KGB in Minsk entführt. Als sie in die Ukraine abgeschoben werden sollte, zerriss sie kurz vor dem Grenzübergang ihren Pass und vereitelte so Pläne, sie aus dem Land zu vertreiben. Kolesnikowa hatte immer wieder deutlich gemacht, den Kampf gegen Lukaschenko im Land führen zu wollen.

"Für das, was sie getan hat, muss niemand so verurteilt werden."

Für ihre frühere Stuttgarter Künstlerinnen-Kollegin Jasmin Schädler ist die Höhe des Urteils nicht überraschend, trotzdem sei sie schockiert: "Es trifft einen dann doch mehr als man denkt." Auch Kolesnikowas früherer Musikdozent in Stuttgart Hans-Joachim Fuss ringt kurz nach der Urteilsverkündung um Worte. Er habe die Nacht vor der Urteilsverkündung nicht geschlafen. Er befürchtet, dass sich jetzt nach dem Urteilsspruch die Haftbedingungen drastisch verschlimmern könnten. "Es gibt einige Gerüchte, dass man ihnen etwas ins Essen beimischt, dass sie dann nach und nach verrückt oder krank werden."

"Es tut mir wahnsinnig leid um diesen wunderbaren Menschen, der so viel Idealismus hat."

In Minsk traue sich kaum noch jemand auf die Straße, um gegen Machthaber Lukaschenko zu protestieren, ergänzt eine andere Stuttgarter Künstlerin. Sie kommt selbst aus Belarus und möchte aus Angst vor Folgen für ihre dortigen Angehörigen nicht namentlich genannt werden. "Jeder, der jetzt raus geht, wird verhaftet." Wichtig sei, dass Kolesnikowa zumindest aus dem Ausland weiter unterstützt werde, so die Künstlerin. "Jede Solidaritätskundgebung ist Hoffnung für die Leute, die drin sind."

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Auch EU und USA verlangen Freilassung

Auch die Bundesregierung sowie Weggefährten aus Stuttgart und ganz Deutschland hatten immer wieder Kolesnikowas Freilassung gefordert. Wegen des Vorgehens gegen Andersdenkende hatten auch die EU und die USA wiederholt Sanktionen gegen Belarus erlassen. Der Machtapparat in Minsk zeigte sich davon stets unbeeindruckt. Lukaschenko, der als "letzter Diktator Europas" gilt, wird vor allem vom russischen Präsidenten Wladimir Putin unterstützt.

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