Ein Flugzeug auf dem Rollfeld vor einem Abfluggebäude (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

Nach Krisengipfel mit Kretschmann

Streit um Flugroute am Stuttgarter Flughafen - Erleichterung bei Anwohnern

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Bürgermeister und Anwohner sind erleichtert: Im Streit über eine neue Abflugroute vom Stuttgarter Flughafen wurde ein Aufschub der Entscheidung beschlossen.

Andreas Bierlein aus dem Nürtinger Stadtteil Oberensingen (Landkreis Esslingen) ist zufrieden. Lange hatte er befürchtet, dass durch die geplante Flugroute vom Flughafen Stuttgart auch sein Wohnort mehr Lärm abbekommen würde. Denn dann, so sagt er, würde Flugzeuge in einer Höhe von etwa 1.500 Metern den Ort überfliegen. "Das ist deutlich zu niedrig und wird wohl eine Lärmbelastung von mehr als 70 Dezibel verursachen", kritisiert er. "Das ist nicht in Ordnung." Zum Vergleich: Motorräder dürfen laut Gesetz je nach Gewicht der Maschine zwischen 73 und 77 Dezibel laut sein.

Konferenz sollte Streit über Flugroute schlichten

Vom Tisch ist das Projekt zwar noch nicht. Doch nun wurde bei einer Konferenz am Mittwoch Abend zumindest ein Aufschub beschlossen. Daran nahmen neben Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Verkehrsminister Winfried Hermann (beide Grüne) unter anderem Abgeordnete und Bürgermeisterinnen und Bürgermeister betroffener Kommunen teil.

Zu den Beschlüssen des Abends gehört, dass die Fluglärmkommission Stuttgart nicht, wie bisher geplant, am 2. November eine Entscheidung über das Projekt treffen soll. Sie hätte an diesem Tag eine abschließende Empfehlung für die neue Flugroute abgeben können. Stattdessen soll nun zunächst eine Expertenkommission prüfen, ob ein unabhängiges Gutachten zum Gesamtlärm der geplanten Strecke möglich ist - und welche Aussagekraft es hätte.

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Landesregierung sieht sich als Vermittler

Zugleich wiesen Hermann und Ministerpräsident Kretschmann bei der Sitzung nach Angaben des Verkehrsministeriums mehrfach darauf hin, "dass das Land lediglich eine moderierende Rolle im Verfahren spiele. Alle Entscheidungen seien von den zuständigen Gremien zu treffen" - also beispielsweise von der Fluglärmkommission.

Mehr als 9.000 Unterschriften gegen Flugroute gesammelt

Ein weiterer Beschluss der Sitzung: Sollte sich diese Kommission zu einem noch nicht festgelegten Zeitpunkt darauf einigen, die neue Abflugstrecke zu empfehlen, solle es mindestens ein Jahr lang zwei Probeflüge pro Stunde geben - höchstens.

Doch Anwohner Andreas Bierlein winkt am Tag nach der Konferenz im Gespräch mit dem SWR ab: Ein Probebetrieb mit zwei Flügen pro Stunde wäre für ihn "fast nicht erträglich", sagt er. Er müsse in seinem Zuhause ohnehin bereits den Straßenverkehr ertragen. Zusammen mit anderen engagiert er sich bei der Bürgerinitiative "Vereint gegen Fluglärm". Sie hat in einer Online-Petition bereits mehr als 9.000 Unterschriften gesammelt. Bierlein will die nun gewonnene Zeit nutzen, um weitere Unterschriften gegen das Projekt zu sammeln.

Offener Brief von neun Gemeinden gegen das Projekt

Nicht nur er ist dagegen: Insgesamt hatten bisher neun Kommunen in der Region öffentlich gegen das Projekt protestiert, darunter die Bürgermeister von Nürtingen, Wolfschlugen und Aichtal (alle Kreis Esslingen). Ihre Gemeinden würden durch die geplante neue Abflugroute Richtung Süden mehr Fluglärm abbekommen, kritisierten sie Mitte Oktober in einem offenen Brief. Außerdem beklagten sie damals, ihre betroffenen Gemeinden seien bis vor kurzem nicht in die Diskussion über die Route eingebunden worden, "die Bürgerinnen und Bürger wurden erst am 4. August informiert. Manche Kommunen haben bis heute keinerlei Informationen über die Auswirkungen auf ihre Gemeinden."

Gemeinden sollen stärker beteiligt werden

Nach der Konferenz vom Mittwoch zeigt sich Nürtingens Oberbürgermeister Johannes Fridrich (parteilos) jedoch erfreut: Der Aufschub sei ein großer Erfolg, sagt er am Tag danach dem SWR. In den Tagen zuvor hatte er kritisiert, es mangele in dem Verfahren um die Planung der neuen Flugroute an jeglicher Transparenz. Nun wurde außerdem beschlossen, dass alle neu betroffenen Kommunen, die bisher nicht Mitglied der Fluglärmkommission seien, stärker am Prozess beteiligt werden sollen: Sie "sollen über die bereits stattgefundene Einbindung hinaus im weiteren Verfahren mindestens ein Gastrecht in der Fluglärmkommission haben", teilte das Verkehrsministerium mit.

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