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Vier Tote, mindestens 50 Festnahmen: Stundenlang herrschte gestern am US-Parlamentssitz Chaos, nachdem Trump-Anhänger das Kapitol gestürmt hatten. Im SWR-Interview zeigte sich Sasha Arrington von den Stuttgarter "Democrats Abroad" bestürzt.

SWR: Frau Arington, mit welchen Gefühlen haben Sie gestern Abend das Geschehen aus Stuttgart Rund ums Capitol erlebt?

Arrington: "Ich habe auf dem Bildschirm zugeschaut und war einfach baff, dass das wirklich in meinem Heimatland passiert. So was erwartet man vielleicht von anderen Ländern, aber ganz sicherlich nicht von den USA."

Das Wahlergebnis, der Sieg von Joe Biden, ist mittlerweile bestätigt. Das heißt, die Abgeordneten haben sich im Anschluss an die Krawalle wieder zusammengefunden und das Verfahren fortgesetzt. Was hören Sie denn jetzt aus den USA? Ist damit der Spuk aus der vergangenen Nacht vorbei?

"Mike Pence hat das Wahlergebnis gestern zertifiziert. Damit ist das vom Tisch. Aber ich hoffe, dass die Republikaner jetzt ihre Leute ein bisschen zügeln und auch, dass wir von Donald Trump das Richtige hören - dass er denjenigen sagt: „Die Wahl ist vorbei. Wir müssen es akzeptieren.“ Ich erwarte das jetzt nicht von Trump, ich glaube nicht, dass er so etwas sagen wird. Aber das wäre staatsmännisch."

Trump hat eine geordnete Machtübergabe zugesichert. Doch nach den Bildern aus der vergangenen Nacht scheint auch in den USA alles möglich…

"Ja, es ist alles möglich. Aber wir sind ein demokratisches Land und die Polizei wird ihren Job machen. Und wir werden gucken, dass alles ordentlich über die Bühne geht am 20. Januar. Also Biden wird Präsident und Kamala Harris Vizepräsidentin. Da muss man sich keine Sorgen machen. Es wird schon demokratisch ablaufen."

Sie klingen sehr ruhig und sehr sachlich. An Ihrem Glauben an die Demokratie in den USA hat das, was gestern passiert ist rund ums Capitol, nichts geändert?

"Nein, auf keinen Fall. Ich glaube an unsere Verfassung. Und ich glaube, dass die meisten Menschen möchten, dass wir in einem Land leben, wo Gesetze wirken und wo wir einfach wissen, wir haben gewählt und jede Wahl, jeder Stimmzettel zählt. Jeder Mensch hat seine Wahl abgegeben und Biden ist der Gewinner. Da gibt es gar keine Frage. Es gibt natürlich, wie wir gestern gesehen haben, Menschen, die das nicht wahrhaben wollen. Aber die Demokratie wird siegen."

Joe Biden wird am 20. Januar ins Weiße Haus als legitim gewählter Präsident der Vereinigten Staaten einziehen. Und wie es aussieht, wird er dazu die Mehrheit im Senat wie im Repräsentantenhaus haben. Bei der Wahl in Georgia, in der es um zwei Senatorensitze ging, konnten Sie da auch Ihre Stimme abgeben?

"Ich persönlich wähle in Kalifornien. Deshalb durfte ich an diesem Runoff nicht teilnehmen. Aber alle unsere demokratischen Kollegen, die im Ausland leben, haben gewählt. Sie durften ihre Stimme abgeben und wie bei der Präsidentenwahl war auch jetzt wichtig, dass die Leute aus Übersee ihre Stimme abgeben."

Das heißt, mit der Mehrheit im Senat wie im Repräsentantenhaus ist es ja eine sehr gute Ausgangssituation für Joe Biden. Was wünschen Sie sich von Trumps Nachfolger?

"Ich erwarte wunderbare Dinge, und zwar, dass es Health Care für die Mehrheit gibt und dass man sich Gesundheit auch leisten kann, dass man das Krankenhaus gehen kann. Es muss auch zum Beispiel im Staat, wo ich herkomme, Kalifornien, da muss die Obdachlosigkeit angesprochen werden. Auch die Black-Lives-Matter-Bewegung hat die Augen von vielen geöffnet: Wir müssen gucken, dass unser Land fairer wird. Also es sind viele Sachen, die zu verbessern sind. Aber ich bin da sehr positiv eingestellt."

Und Sie freuen sich auf den 20. Januar?

"Oh ja, und wie. Ich freue mich sehr und so wie der Senat jetzt aussieht - alles ist in demokratischer Hand - da kann viel bewegt werden."

Sasha Arrington ist die Vorsitzende der Stuttgarter Ortsgruppe "Democrats Abroad". Die Vereinigung ist nach eigenen Angaben der offizielle Arm der Demokratischen Partei für die neun Millionen Amerikaner, die außerhalb der USA leben.

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