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INTERVIEW

Das Bahnprojekt S21 hat die Stadt Stuttgart gespalten. Der frühere Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) blickt im SWR-Interview zurück und spricht über den bedrückendsten Tag im Rathaus.

Dauer

SWR: Herr Schuster, der frühere Bahnchef Rüdiger Grube hat einmal gesagt, er würde heute Stuttgart 21 nicht mehr bauen. Wie sehen Sie das? Würden Sie sich rückblickend nochmals so sehr dafür einsetzen?

Wolfgang Schuster: Der Ausbau der Schieneninfrastruktur ist eine Bundesaufgabe und nicht primär eine Aufgabe der Deutschen Bahn AG. Angesichts der drastischen Kostenüberschreitungen und einer rund 15-jährigen Verzögerung der Fertigstellung kann ich den früheren Bahnchef Rüdiger Grube gut verstehen, dass die Bahn das Projekt Stuttgart 21 nicht mehr bauen würde.

Die ersten Überlegungen für eine Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm gehen bis in die 1980er-Jahre zurück. Zehn Jahre lang wurden mehrere Streckenoptionen entwickelt. 1995 fiel die Entscheidung für den Entwurf, nach dem heute Stuttgart 21 gebaut wird. Ich halte diesen nach wie vor für die beste Alternative in der Gesamtabwägung für Stuttgart.

"Leider haben die S21-Kritiker zum Teil recht bekommen."

Alt-OB Wolfgang Schuster über explodierende Kosten und Verzögerungen

In welchen Punkten müssen Sie im Nachhinein den S21-Kritikern Recht geben?

Die S21-Kritiker haben unter anderem die möglichen Kostensteigerungen aufgrund der baulichen Risiken zu einem wesentlichen Gegenstand ihrer Kritik gemacht. Leider haben sie zum Teil recht bekommen, da die Kostensteigerungen und die Verzögerungen erheblich und damit für alle ein Ärgernis sind.

Wie konnte es denn zu dieser enormen Kostensteigerung kommen?

Der von der Bahn geplante Fertigstellungstermin war 2008. Die Inbetriebnahme sollte im Dezember 2009 erfolgen. Nach dem Wechsel der Bundesregierung und dem Rücktritt des damaligen Bahnchefs Heinz Dürr wurde Stuttgart 21 erst einmal gestoppt. In der Zeit der rot-grünen Bundesregierung mit einer Vielzahl von Verkehrsministern und Bahnchefs erlebte Stuttgart 21 ein "Stop and Go" mit der Folge, dass die Mitarbeiter der Projektgesellschaft anderweitig eingesetzt wurden. Damit ging das Know-how verloren, das für eine kontinuierliche, qualitätsvolle Projektentwicklung notwendig ist. Dies in Verbindung mit der 15-jährigen zeitlichen Verzögerung führt maßgeblich zu den unerfreulichen Kostensteigerungen. 

Die ursprüngliche Idee für S21 geht in die 90er-Jahre zurück. Dann lag das Projekt erst einmal auf Eis. Erst der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) griff die Idee wieder auf. Es kam zu einem unüblichen Finanzierungsmodell. Da der Kostendeckel nicht gehalten werden kann, drohen sogar Prozesse zwischen Bahn, Stadt und Land. Welche Lösung sehen Sie?

Die Deutsche Bahn AG, größtes Verkehrsunternehmen in Europa, ist alleiniger Bauherr des Projekts Stuttgart 21. Sie trägt die Verantwortung für den Bauablauf und damit die Steuerung der Kosten. Land und Stadt haben nach schwierigen Verhandlungen bestimmte finanzielle Leistungen zugesagt. Darüber hinaus gibt es keinerlei rechtliche Ansprüche der Bahn auf weitere finanzielle Beteiligungen von Land und Stadt.

Sie haben – soweit wir wissen – die Bahnhofstieferlegung von Anfang an befürwortet. Was sind die Hauptstärken des Bahnprojekts?

Die Gründe des Pros und Contras sind hinlänglich bekannt. Für mich waren es zwei wesentliche Punkte: Mit Stuttgart 21 entsteht mitten in der Stadt ein leistungsfähiger Verkehrsknoten, der den lokalen und regionalen öffentlichen Nahverkehr mit dem Fernverkehr unter Einbindung der europäischen Hochgeschwindigkeitszüge verbindet. Zum anderen eröffnet Stuttgart 21 die großartige städtebauliche Chance, dass sich die Stadt hin zum Neckar entwickeln kann und jetzt zerschnittene Parkanlagen erweitert werden können.

Der Stuttgarter Nahverkehr liegt im Argen. Bei der S-Bahn gibt es Probleme, die S21-Kritiker unter anderem auf den Bahnhofsumbau zurückführen. Auch die Stadtbahnverbindung zwischen dem Hauptbahnhof und dem Stuttgarter Osten ist seit Jahren unterbrochen. Was ist da schiefgelaufen?

Der Stuttgarter ÖPNV ist einer der besten in Deutschland mit jährlich wachsenden Benutzerzahlen. Diese hohe Akzeptanz gilt es weiter auszubauen, indem die Verlässlichkeit gerade der S-Bahn verbessert wird und die Stadtbahnlinien weiter ausgebaut werden. Bedauerlicherweise kommt es bei diesen Ausbauten immer wieder zu Verzögerungen und damit zu Behinderungen.

"Der Schwarze Donnerstag war für mich der bedrückendste Tag, den ich im Stuttgarter Rathaus erleben musste."

Wolfgang Schuster, Oberbürgermeister von Stuttgart 1996 bis 2012

Mit dem Schwarzen Donnerstag erlebte der Protest gegen das Bahnprojekt einen traurigen Höhepunkt. Wie haben Sie diesen Tag erlebt und wie blicken Sie heute darauf zurück?

Der Schwarze Donnerstag mit dem unangemessenen, missglückten Polizeieinsatz war für mich der bedrückendste Tag, den ich im Stuttgarter Rathaus erleben musste. Deshalb gilt es bei allen unterschiedlichen Positionen und Meinungen dafür einzutreten, dass sich eine solche Konfrontation nicht wiederholt.

S21 hat die Stadt gespalten. In Familien, Sportvereinen und Betrieben herrschte eine so seit Jahren nicht gekannte Unversöhnlichkeit. Ging Ihnen das als Oberbürgermeister nah?

Da ich jeden Tag im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürger war, habe ich gespürt, wie sich eine konfrontative Stimmung aufgebaut hat, die eine sachliche Auseinandersetzung über ein großes Projekt kaum noch möglich gemacht hat. Dies hat mich sehr nachdenklich gestimmt und angesichts der Drohungen, die bis hin zu Morddrohungen gingen, doch sehr betroffen gemacht.

Immer mehr Stuttgarter sehen S21 kritisch. Das ergab zumindest eine Umfrage des Statistischen Amts der Stadt im Herbst 2019. Demnach überwiegen nun die Befragten mit einer negativen Einstellung. Gibt Ihnen das zu denken?

Es verwundert nicht, dass angesichts der erheblichen Zeitverzögerungen und der massiven Kostenüberschreitungen - verbunden mit den Verkehrsbehinderungen durch die Bauarbeiten - die Stimmungslage in der Bevölkerung kritisch ist. 

Ich bin aber sicher, wenn das Projekt dann hoffentlich und endlich 2025 in Betrieb geht und die städtebauliche Entwicklung verbunden mit der Erweiterung der Parkanlagen realisiert ist, werden auch die heutigen Kritiker die historische Chance erkennen, die Stuttgart 21 für die Zukunft unserer Stadt und für die nächsten Generationen ist.

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