Eidechse (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Lino Mirgeler/dpa)

Umweltschützer machen Druck Stuttgart 21: Wegen Mini-Eidechsen droht ein Mega-Problem

Sie sind klein, geschützt, zahlreich - und bedrohen den weiteren Bau von Stuttgart 21: Eidechsen. Wegen eines wichtigen Teilprojekts müssten sie umgesiedelt werden. Umweltschützer wehren sich, die Bahn steht unter Druck.

Kleine Mauereidechsen könnten im Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 noch zum großen Problem für die Bauherrin werden. Denn läuft es bei der Debatte um den geplanten Abstellbahnhof im Stuttgarter Stadtteil Untertürkheim besonders schlecht für die Bahn, wackelt nicht nur der Zeitplan des milliardenschweren Vorhabens. Es könnte auch die gesamte Wirtschaftlichkeit von Stuttgart 21 in Frage stehen.

Strategisch wichtig: Güterbahnhof als Drehscheibe

Im neuen Stuttgarter Tiefbahnhof sollen die Züge künftig durchfahren. Das soll bei einer sportlichen Taktung auf den künftig nur acht Gleisen Zeit sparen. Zum zentralen Stück des Kreislaufs rund um den Tiefbahnhof wird nach den Plänen der Bahn die rund zehn Hektar große Fläche des alten Güterbahnhofs. Dort sollen die Nah- und Fernzüge verteilt, gedreht, gereinigt oder zeitweise aufs Abstellgleis gelenkt werden.

Problem der Bahn: Es fehlt die Baugenehmigung. Und die sollte nach Ansicht von einigen Anwohnern und den meisten Umweltschützern, die insbesondere die Eidechsen im Blick haben, keinesfalls erteilt werden. Ohne das entscheidende Ringkonzept würden allerdings die Wege der Züge länger, die Fahrtzeiten auch, es müssten mehr Lokführer eingesetzt werden, die Kosten würden steigen.

Klagen der Güterbahnhof-Anwohner

"Ohne den Abstellbahnhof lässt sich Stuttgart 21 nicht wirtschaftlich betreiben", heißt es bei der Bahn. "Und es gibt keine sinnvolle Alternative dazu." Die Anwohner allerdings wehren sich. Die Anlage sei zu laut, vor allem nachts. Sie haben sich seit Jahren an die ungenutzten Gleise des Güterbahnhofs gewöhnt und fürchten den Bau und den Lärm danach.

Die Umweltschützer sehen bei den Bahn-Plänen außerdem den Artenschutz gefährdet. Auf dem Gelände leben laut Bahn über 4.000 der grob geschätzt mindestens etwa 140.000 erwachsenen und streng geschützten Mauereidechsen Stuttgarts. Im überwucherten Schotter der Gleise fühlen sich die Tiere pudelwohl.

Umsiedlung der Eidechsen gestaltet sich schwierig

Umgesiedelt werden dürfen die Reptilien nach einer Vorgabe des Regierungspräsidiums nur in der sogenannten Gebietskulisse. Das ist kostspielig und aufwendig. Vor allem aber fehlt es im eng besiedelten Stadtgebiet an Flächen.

Deshalb schlägt die Bahn vor, möglichst alle, zumindest aber so viele Echsen wie möglich abzusammeln und auf ein fünf Hektar großes Areal zu bringen, das sie gefunden hat. Die Bahn könnte auch nur einen Teil der Echsen auf ein gefundenes fünf Hektar großes Areal umsiedeln, der Rest würde in Untertürkheim mehr oder weniger seinem Schicksal überlassen.

Kritik an der Bahn von BUND und NABU

Beide Varianten lehnen die Naturschützer empört ab. Der Naturschutzbund (NABU) Deutschland und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) schließen Klagen nicht aus. Die Vorschläge der Bahn zur Umsiedlung seien indiskutabel, sagt der NABU-Fachbeauftragte für Infrastrukturprojekte, Hans-Peter Kleemann. Beim Artenschutz habe die Bahn das Potenzial für Ausgleichsmaßnahmen nicht ausgeschöpft. Der BUND bezeichnet die "Alles oder Nichts-Drohgebärde" der Bahn beim Umsiedeln der Eidechse als "völlig unangemessen".

Fakt ist: Die Entscheidung trifft das Eisenbahn-Bundesamt (Eba). Das Bonner Amt aber steckt in einer Zwickmühle: Hebelt es den Artenschutz aus, weil die beiden vorgeschlagenen Varianten diesem streng genommen widersprechen? Oder bremst es die Bahn aus und riskiert eine weitere Verzögerung und Kostenexplosion bei Stuttgart 21? Aber selbst wenn die Behörde die Pläne der Bahn bis Ende des Jahres absegnet: Sicher können sich die Stuttgart-21-Bauherren danach nicht fühlen, sie müssen mit Klagen rechnen und mit einem langen Verfahren.

Gespräche Mitte Januar in Stuttgart-Untertürkheim

Kommende Woche sollen die Gespräche nun fortgeführt werden. Vor einer Entscheidung wollen Experten und Bevölkerung die Pläne bei einer öffentlichen Erörterung am 15. und 16. Januar in Stuttgart-Untertürkheim besprechen.

STAND