Verbotene Gruppierung in Stuttgart angeklagt "Osmanen"-Prozess: Zeuge verweigert Aussage

Zum Stuttgarter Prozess gegen mutmaßliche Führer der verbotenen "Osmanen Germania BC" wird ein Zeuge aus der Türkei eingeflogen - und sagt dann doch nichts vor prominentem Besuch.

Es war als Showdown im Stuttgarter Prozess gegen mutmaßliche Führer der verbotenen türkisch-nationalistischen Straßengang "Osmanen Germania BC" gedacht. Doch am Dienstag hat ein extra mit freiem Geleit aus der Türkei eingeflogener Kronzeuge die Aussage dann doch verweigert.

Cem Özdemir besuchte den Prozess gegen die "Osmanen Germania BC" in Stuttgart (Foto: picture-alliance / dpa, Christoph Schmidt)
Cem Özdemir besuchte am Dienstag den Prozess gegen die "Osmanen Germania BC" in Stuttgart Christoph Schmidt

Zeuge muss Deutschland innerhalb von 15 Tagen verlassen

Das Stuttgarter Landgericht hatte den ehemaligen Stuttgarter "Osmanen"-Vizepräsidenten und in etlichen angeklagten Punkten Hauptbeschuldigten nach monatelangen Verhandlungen aus der Türkei geladen. Nun muss der seit März laufende Prozess ohne dessen Aussage weitergeführt werden. Dem Mann wurde zugesagt, dass er nicht verfolgt wird, wenn er innerhalb von 15 Tagen zurückfliegt.

Angeklagt sind insgesamt sieben mutmaßliche "Osmanen"-Mitglieder, darunter drei, die zur weltweit höchsten Führungsebene gerechnet werden. Ihnen werden Delikte wie versuchter Mord und Totschlag, Erpressung, Zwangsprostitution und Zuhälterei vorgeworfen.

Folter eines Abtrünnigen?

Der extra eingeflogene Kronzeuge soll federführend an einer Foltertat der Gruppierung beteiligt gewesen sein. In Herrenberg soll ein "Osmanen"-Abtrünniger für seinen Ausstieg vor mehr als anderthalb Jahren gefoltert worden sein. Man habe ihm die Zähne ausgeschlagen, ins Bein geschossen - und anschließend die Kugel entfernt, um Beweise zu vernichten.

Grünen-Politiker Özdemir anwesend

Der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir, Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Stuttgart, hat den Prozesstag am Dienstag als Zuschauer verfolgt. Seiner Meinung nach fehlt es bei allen Angeklagten und auch bei dem Kronzeugen an Respekt vor Recht und Justiz in Deutschland. Özdemir vermutet enge Kontakte der türkisch-nationalistischen Straßengang in das direkte Umfeld des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dieser unterhalte "Schläger und Zuhälter im Rockerclub 'Osmanen'".

Dauer

"Das sind keine normalen Kriminellen. Wir haben es hier mit politischer Kriminalität zu tun."

Cem Özdemir, MdB Grüne

Özdemir: Bundesregierung ist gefordert

Nach Ansicht von Özdemir müsse die Bundesregierung die Ausbreitung des türkischen Nationalismus in Deutschland stoppen. "Es ist Zeit, mal eine klare Ansage zu machen, dass das ab jetzt nicht mehr geduldet wird - und zwar in einer Sprache, die verstanden wird", so Özdemir.

"Extrem gewaltbereite Fanatiker"

Berlin scheue sich aber, die politischen Verwicklungen der Osmanen nach Ankara und zum Umfeld von Präsident Erdogan klar zu benennen. Dabei sei das "mit das Gefährlichste, was wir neben dem deutschen Rechtsradikalismus in der Republik haben: der türkische Rechtsradikalismus". Özdemir sprach von extrem gewaltbereiten Fanatikern. Deutschland müsse zeigen, "dass wir uns zu Recht wehrhafte Demokratie nennen".

Özdemir warnte: Die Neuorganisation der Osmanen sei längst im Gange. "Das Verbot schafft die ja nicht aus der Welt." Es brauche aber auch eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Polizei in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Ein Verfahren bereits eingestellt

Das Verfahren gegen einen achten Angeklagten wurde am Dienstag wegen langer Untersuchungshaft und der zu erwartenden niedrigen Strafe eingestellt.

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