Freie Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart im Jahr 1923 (Foto: Freie Waldorfschule Uhlandshöhe)

Pädagogik nach Rudolf Steiner 100 Jahre Waldorfschule - von Stuttgart in die Welt

Im September 1919 wurde die erste Waldorfschule in Stuttgart eröffnet. Bis heute wächst die Zahl der Waldorfschulen in Deutschland und weltweit. Auch die Wirtschaft schätzt die Fähigkeiten der "Waldis".

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18:00 Uhr
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SWR Fernsehen BW

Wiege der Waldorf-Pädagogik ist die Freie Waldorfschule an der Uhlandshöhe in Stuttgart. Der erste Blickfang dort ist ein großer Schulgarten. Nicht nur Obst, Kräuter und Gemüse werden von Lehrern und Schülern angebaut, es gibt auch Ziegen. In Werkstätten basteln und schreinern Schüler - zum Beispiel Musikinstrumente. Auch das Theaterspielen und musizieren hat seinen regelmäßigen Platz im Unterricht. Der Waldorf-Pädagogik zufolge vollzieht sich Lernen nicht nur im Kopf, sondern findet seinen Ausdruck auch durch die Hände.

Schüler arbeiten in der Freie Waldorfschule Uhlandshöhe in der Holzwerkstatt.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa)
Schüler arbeiten in der Freie Waldorfschule Uhlandshöhe in der Holzwerkstatt. Handwerkliche Tätigkeiten spielen hier eine wichtige Rolle. picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

Keine Noten, kein Lehrerwechsel

Auch die klassischen Fächer wie Deutsch oder Mathematik werden in anderer Form, etwa mittels rhythmischen Klatschens oder anhand von Bewegungsspielen erlernt. Sie werden nicht stundenweise unterrichtet, sondern in sogenannten Epochen. Etwa drei Wochen lang wird ein Fach täglich zwei Stunden lang gelehrt, dann ist ein anderes Fach an der Reihe. Der Klassenlehrer unterrichtet seine Klasse über viele Jahre, Noten gibt es allenfalls in höheren Klassen, immer aber wird verbal beurteilt.

Lernen mit allen Sinnen. Bewegter Unterricht in der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim © SWR (Foto: SWR, SWR)
Unterricht mit allen Sinnen: In Mannheim lernen Kinder aus unterschiedlichsten Schichten und Kulturen gemeinsam an der Interkulturellen Waldorfschule. SWR

Eröffnung als Schule für Arbeiterkinder

Eröffnet wurde die erste Waldorfschule an der Stuttgarter Uhlandshöhe am 7. September 1919: für die Arbeiterkinder der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria. Der Fabrikdirektor Emil Molt bat den Anthroposophen Rudolf Steiner, eine ganzheitliche Pädagogik für die Kinder seiner Angestellten zu entwickeln. Steiner hatte unter anderem den Anspruch, dem Drill preußischer Schulen ein menschenfreundliches Bildungswesen entgegenzusetzen. Jedes Kind sollte seine Talente entwickeln können. Die Schule wuchs schnell. Im neuen Gebäude lernten wenige Jahre nach der Gründung mehrere Hundert Schüler.

Die Geschichte der ersten Waldorfschule in Stuttgart

Erstes Schulhaus Waldorfschule Uhlandshöhe in der Haußmannstraße. (Foto: Freie Waldorfschule Uhlandshöhe)
Das erste Schulhaus an der Uhlandshöhe, das der Unternehmer Emil Molt für die Arbeiterkinder seiner Zigarettenfabrik erworben hatte (Bild aus dem Jahr 1930). Freie Waldorfschule Uhlandshöhe Bild in Detailansicht öffnen
Die Waldorfschule wuchs schnell: Das Haupthaus bot 1923 - fünf Jahre nach der Eröffnung der Schule - Platz für hunderte Schüler. Freie Waldorfschule Uhlandshöhe Bild in Detailansicht öffnen
Brand des Haupthauses im zweiten Weltkrieg: Die Nationalsozialisten ließen die Waldorfschule schließen. Das Gebäude wurde enteignet und im zweiten Weltkrieg durch einen Bombenangriff weitgehend zerstört. Freie Waldorfschule Uhlandshöhe Bild in Detailansicht öffnen
Im Oktober 1945 begann der Wiederaufbau der Schule nach dem zweiten Weltkrieg. 1977 wurde der neue Festsaal eingeweiht. Hier finden Feiern, Konzerte, Theateraufführungen oder internationale Vorträge statt. Freie Waldorfschule Uhlandshöhe Bild in Detailansicht öffnen

Rudolf Steiner: Umstrittener Gründer

Das Erbe des Gründers Steiner ist aber auch eine Last für die Waldorf-Bewegung. In seinen anthroposophischen Schriften finden sich auch antisemitische und rassistische Äußerungen. So sagte er 1923 bei einem Vortrag: "Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse." Die Waldorfschulen von heute haben sich in der "Stuttgarter Erklärung" von 2007 von diesen Äußerungen Steiners distanziert und sich zu weltoffenen und toleranten Einrichtungen erklärt.

Porträtfoto von Rudolf Steiner, 1905 (Foto: Pressestelle, Foto: Otto Rietmann, (c) Dokumentation am Goetheanum, Dornach/ Quelle: Kunstmuseum Stuttgart -)
Umstrittener Kopf hinter dem Waldorfschul-Konzept: Rudolf Steiner, im Jahr 1905 Pressestelle Foto: Otto Rietmann, (c) Dokumentation am Goetheanum, Dornach/ Quelle: Kunstmuseum Stuttgart -

Waldorfschulen wollen sich öffnen

Die Öffnung nach außen und der Umgang mit Kritik fällt vielen Waldorfeinrichtungen jedoch nach wie vor schwer. Mit der Schaffung eigener akademischer Einrichtungen und gezielter Öffentlichkeitsarbeit soll das nun besser werden. Für den Religionswissenschaftler Helmut Zander, Autor von Standardwerken zu Rudolf Steiner und der Anthroposophie, ist es unerlässlich, dass sich Vertreter der Waldorfpädagogik noch viel stärker mit der eigenen Geschichte und den problematischen Seiten des Gründers befassten. Nur so könne die gesellschaftliche Öffnung letztendlich gelingen, so Zander.

Waldorfschule als weltweites Erfolgsmodell

Obwohl bei Kritikern umstritten und häufig belächelt, sind Waldorfschulen sehr erfolgreich. Studien belegen: Waldorfschüler gehen lieber in die Schule als andere und sie schneiden in den Pisa-Studien häufig besser ab als die Regelschüler. Auch die Wirtschaft ist interessiert: Denn die "Waldis", die Absolventen der Waldorfschulen, seien lösungsorientiert und zupackend.

Postkarten markieren in der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe die Korrespondenz mit anderen Waldorfschulen.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa)
Global vernetzt: Postkarten markieren in der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe die Korrespondenz mit anderen Waldorfschulen. picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

Heute gibt es rund 240 Waldorfschulen in Deutschland, die Tendenz steigt. Weltweit gibt es etwa 1.200 Waldorfschulen und über 2.000 Waldorfkindergärten. Damit ist die Waldorfpädagogik heute die größte unabhängige Schulbewegung, die Rudolf Steiners "Erziehung zur Freiheit" in alle Welt exportiert - nach Brasilien, Russland, in den Nordirak. Umgekehrt studieren Pädagogen aus Korea, China oder Kanada in Stuttgart die Methoden der Waldorfpädagogik.

Internationales Fest soll Zukunft in den Blick nehmen

Am 7. September 2019 feiert die Freie Waldorfschule Uhlandshöhe ihr 100-jähriges Bestehen mit einem Festakt in der Stuttgarter Liederhalle. Aber auch die internationale Waldorf-Bewegung feiert das Jubiläum am 19. September 2019 in Berlin. Schüler, Lehrer und Eltern kommen dann aus allen Ländern der Welt zusammen, für Aufführungen - aber auch, um über aktuelle und zukünftige Herausforderungen in der Bildungspolitik zu diskutieren.

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