Nach tödlichem Messerangriff in Stuttgart-Fasanenhof Justizminister Wolf: "Schmaler Grat zwischen Mitgefühl und Sensationsgier"

Die Veröffentlichung von Fotos und Videos, die den Messerangriff in Stuttgart-Fasanenhof vom Mittwochabend zeigen, ruft zahlreiche Reaktionen von "problematisch" über "würdeverletzend" bis "geschmacklos" hervor.

Blumensträuße und Grablichte stehen an einem Straßenrand (Foto: dpa Bildfunk, Marijan Murat)
Marijan Murat

Landesjustizminister Guido Wolf (CDU) mahnte in einer Mitteilung, auch an die Angehörigen eines Opfers zu denken. Die gedankenlose Verbreitung solchen Materials nehme dem Opfer nach seinem Leben auch noch seine Würde. Auch für die Hinterbliebenen sei das eine zusätzliche und schwere Belastung, erst recht, wenn sie in sozialen Medien auf solche schrecklichen Bilder stießen.

Wolf erinnerte daran, dass dem Bundestag seit über einem Jahr ein Gesetzentwurf des Bundesrats vorliegt, das die Rechte Verstorbener schützen soll. Darin sollen das Fotografieren Toter und die Verbreitung solcher Bilder unter Strafe gestellt werden. Die Länderkammer habe auf Antrag Baden-Württembergs bereits im Mai Regierung und Parlament aufgefordert, tätig zu werden. Jetzt wiederholte Wolf diesen Appell an die Adresse der neuen Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD).

Der Stuttgarter Fall bestätigt in Wolfs Augen, dass hier Handlungsbedarf besteht. Das Fotografieren, Filmen und Verbreiten von Gewalttaten an sich steht bereits unter Strafe.

Sckerl: "Gedanken sind bei den Menschen, die die Tat mit ansehen mussten"

Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Hans-Ulrich Sckerl, verurteilte nach dem Messerangriff in Stuttgart Hass und Hetze in den sozialen Medien. Er teilte dem SWR exklusiv mit: "Wir sind entsetzt über die Bluttat, bei der ein Mensch auf grausame Weise sein Leben lassen musste. Wir vertrauen der Polizei, die alles daran setzen wird, die Hintergründe aufzuklären." Sckerl betont, nun seien die Gedanken bei den Angehörigen des Opfers, aber auch bei den Menschen, die die Tat mit ansehen mussten.

"Es ist beschämend, wie sehr dieses tragische Ereignis im Netz von AfD und rechten Kreisen instrumentalisiert und missbraucht wird. Das Verbreiten eines Videos, auf dem die Gewalttat zu sehen ist, dient einzig und allein dem Schüren von Hass und Hetze."

Hans-Ulrich Sckerl, Innenpolitischer Sprecher der Grünen im Landtag

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Hans-Jürgen Kirstein, erklärte zu den Filmaufnahmen, es sei "fast schon geschmacklos, wenn Menschen so etwas tun". Er verwies auf den Opferschutz. Die Tat selbst spiegele ein gesamtgesellschaftliches Problem wieder: Viele Konflikte würden nicht mehr verbal, sondern mit Gewalt ausgetragen. "Das gibt es auf allen Ebenen", sagte er.

Mittlerweile vier Beschwerden beim Deutschen Presserat

Eine Hand hält ein Smartphone, darauf die Internetseite der Bildzeitung mit der Schlagzeile "Das ist der Schwertmörder von Stuttgart" (Foto: SWR)
Die Berichterstattung von Bild online und -Zeitung steht in der Kritik

Nicht nur die Privatpersonen, die die Videos verbreitet haben, stehen in der Kritik. Der Deutsche Presserat hat bis Freitagmittag vier Beschwerden über die Berichterstattung der Bild-Zeitung erhalten. Die hatte am Freitag mit einer reißerischen Schlagzeile und einem Foto des Täters von hinten aufgemacht, auf dem er blutverschmiert sein Tatwerkzeug schwingt. Auf einer Innenseite wurden weitere Fotos gedruckt, darunter ein unverpixeltes, das das Opfer in einem völlig anderen Zusammenhang zeigt. Zudem nannte das Blatt den vollen Namen des mutmaßlichen Täters. Das wurde teilweise auch online veröffentlicht.

STAND