Ein Bordell-Betreiber (l) sitzt am Tag der Urteilsverkündung im Prozess um mutmaßliche Förderung von Menschenhandel in einen Gerichtssaal des Landgerichts.  (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Mammutverfahren vor dem Stuttgarter Landgericht Paradise-Prozess: Opfervertreter erleichtert über Haftstrafen

Nach fast einem Jahr Verhandlung wurden die Verantwortlichen des Paradise-Bordells in Leinfelden-Echterdingen verurteilt. Opfervertreter sprechen von einer Signalwirkung.

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19:30 Uhr
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SWR Fernsehen BW

Der Inhaber des Großbordells Paradise in Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen), Jürgen Rudloff, muss für fünf Jahre in Haft, sein für Marketing zuständiger Mitarbeiter für drei Jahre und drei Monate. Ein weiterer Mitarbeiter kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Außerdem werden die Erlöse aus den Taten eingezogen, das sind 1,3 Millionen Euro.

Das Stuttgarter Landgericht sprach sie wegen Beihilfe zu Menschenhandel, Zwangsprostitution und wegen Betrugs schuldig. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Rudloff die Augen vor gewalttätigen Strukturen in seinem Betrieb bewusst verschlossen habe. Ihm sei es nur wichtig gewesen, dass sein Geschäft laufe. Im Paradise hatten Rocker Frauen zur Prostitution gezwungen und deren Einnahmen abkassiert. Es ist der erste umfangreiche Großprozess, der kriminelle Praktiken hinter legaler Prostitution offen gelegt hatte.

Opferschutzorganisationen hoffen auf abschreckende Wirkung

Das Urteil werde eine Signalwirkung haben, sagte die Stuttgarter Sozialarbeiterin Sabine Constabel, die mit einem Verein Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution hilft. Bordell-Vermieter könnten sich nun nicht mehr verstecken und sagen, dass sie nur die Räume zur Verfügung stellten, so Constabel. Auch der Anwalt, der in der Nebenklage zwei junge Zwangsprostituierte vertreten hatte, zeigte sich mit dem Urteil zufrieden. Die Verteidigung bezeichnete den Prozess als fair.

Grausame Gewalt gegen Prostituierte

Im Prozess hatten mehrere Prostituierte ausgesagt, mit welch grausamer Gewalt sie gegen ihren Willen von Männern aus dem Rockermillieu zu Prostitution gezwungen worden waren. Dass diese kriminellen Strukturen durch den Prozess umfangreich aufgedeckt worden sind, werten Prostituiertenschutz-Organisationen als großen Erfolg.

Bereits vor einigen Wochen war ein Deal zwischen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung ausgehandelt worden: In diesem wurde den Angeklagten im Falle eines qualifizierten Geständnisses - welches sie daraufhin ablegten - ein Strafkorridor zwischen vier Jahren und neun Monaten und fünf Jahren und drei Monaten zugesichert.

Rudloff warb mit "sauberer Prostitution"

Rudloff hatte sich in der Vergangenheit stets als Saubermann präsentiert. Mit der Eröffnung seines Großbordells im Jahr 2008 hatte er medienwirksam eine "saubere Prostitution" jenseits der Schmuddelecke propagiert. Er bot eine "Wellnessoase für den Mann, in der Frauen freiwillig arbeiteten".

Hells Angels und United Tribuns hatten das Sagen

Laut Anklage hatten in dem Betrieb aber Rocker der Hells Angels und United Tribuns das Sagen: Sie lockten junge Frauen ins Bordell. Wer aussteigen wollte, wurde mit Drohungen und Schlägen gefügig gemacht. Rudloff räumte in seinem Geständnis vor Gericht ein, vor dieser Gewalt die Augen verschlossen zu haben. Zudem betrog Rudloff Großinvestoren seiner Bordelle laut Anklage um mehr als eine Million Euro.

Ende Dezember 2018 war bereits der frühere Geschäftsführer des Bordells in einem abgetrennten Verfahren zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden.

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