Landesregierung gibt Kolonialgüter an Namibia zurück Nama-Volk fordert zusätzliches Geld

Baden-Württemberg will zwei geraubte Kolonialgüter an Namibia zurückgeben. Es geht um eine Bibel und eine Peitsche des Nationalhelden Witbooi. Doch dessen Stamm ist nicht ganz einverstanden.

Ein Neues Testament und eine Peitsche aus dem Besitz von Hendrik Witbooi liegen in einer Vitrine im Linden-Museum für Völkerkunde (Archivbild) (Foto: dpa Bildfunk, Marijan Murat (Archiv))
Geraubte Kulturgüter im Linden-Museum Stuttgart: Das Land Baden-Württemberg will Bibel und Peitsche aus dem Besitz von Hendrik Witbooi an Namibia zurückgeben. Marijan Murat (Archiv)

Die geplante Rückgabe einer Bibel und einer Peitsche an Namibia wird zum juristischen Streitfall. Die Vereinigung der Nama-Stammesältesten (NTLA) will die Rückgabe im März verhindern. Sie hat einen Antrag auf den Erlass einer einstweiligen Anordnung beim Landesverfassungsgericht in Stuttgart eingereicht. Das bestätigte ein Gerichtssprecher am Montag.

Baden-Württemberg will Bibel und Peitsche am 1. März zurückgeben

Es geht um eine Bibel und eine Peitsche des namibischen Nationalhelden Hendrik Witbooi, die im Linden-Museum in Stuttgart lagern und am 1. März zurückgebracht werden sollen. Die namibische Regierung will sie entgegennehmen. Witbooi gehörte dem Stamm der Nama an. Deren Führung fühlt sich in den Verhandlungen mit Deutschland nicht ausreichend von der namibischen Regierung repräsentiert, die von Angehörigen des Volkes der Ovambo dominiert ist.

Nama-Vertreter: Kulturgüter gehören Nachfahren, nicht dem Staat

Eine Rückgabe von zur Kolonialzeit gestohlenem Besitz sei nur akzeptabel, wenn auch eine Entschädigung für die verlorenen Jahrzehnte gezahlt werde, erklärte die NTLA Anfang Februar. Die Vertreterin der Nama in Deutschland, Christine Kramp, sagte am Montag der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart, die Gegenstände sollten an Witboois Nachfahren und nicht an den Staat zurückgegeben werden.

Verfassungsgericht will bis zum Rückgabetermin entscheiden

Eine baden-württembergische Delegation mit Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) an der Spitze will Ende Februar nach Namibia reisen, um Bibel und Peitsche zu übergeben. Das Verfassungsgericht will bis dahin über den Antrag der NTLA entscheiden, wie ein Sprecher sagte.

Die namibische Regierung hält die Einwände der NTLA für unbegründet, da Witboois Familie einer Rückgabe zugestimmt habe. Dieser Darstellung widerspricht allerdings Christine Kramp: Witboois Familie habe einer Rückgabe an den namibischen Staat nicht zugestimmt. Die Familie unterstützt laut Kramp den Antrag der NTLA.

Bibel und Peitsche sollen nach derzeitigen Planungen zunächst vom namibischen Staat verwaltet werden, bis Witboois Nachkommen in seinem Heimatort Gibeon ein Museum dafür errichten könnten.

Bibel und Peitsche 1893 mit größter Brutalität erbeutet

Bibel und Peitsche kamen 1902 als Schenkung in das heute von Stadt und Land getragene Linden-Museum. Beide Gegenstände waren nach letzten Erkenntnissen im Jahr 1893 bei einem Angriff auf Hornkranz, dem Hauptsitz Hendrik Witboois, erbeutet worden. Die Kolonialtruppen im damaligen Deutsch-Südwestafrika sollen dabei mit größter Brutalität vorgegangen sein. Witbooi ist ein Nationalheld Namibias: Denkmäler erinnern an ihn, zudem ist sein Porträt auf mehreren namibischen Geldscheinen zu sehen.

Völkermord an Hereo und Nama

Von 1884 bis 1915 hielt das deutsche Kaiserreich weite Gebiete des heutigen Namibias besetzt. Die Kolonialherren schlugen Aufstände der Volksgruppen der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika brutal nieder. Deutsche Truppen töteten Historikern zufolge bei dem Völkermord etwa 65.000 der 80.000 Herero und mindestens 10.000 der 20.000 Nama. Historiker sehen darin den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Inzwischen spricht auch die Bundesregierung von einem "Völkermord".

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