Interview mit dem Verkehrsexperten Heiner Monheim Verkehrsexperte: VVS-Reform ist ein kleiner Schritt

Seit Montag gilt die große VVS-Tarifreform. Diese macht den Nahverkehr so attraktiv wie nie zuvor, heißt es im Stuttgarter Rathaus. Doch reicht sie aus im Kampf gegen Staus und schlechte Luft?

Verkehrsexperte Heiner Monheim (Foto: SWR, SWR -)
Der Trierer Professor Heiner Monheim ist Geograph, Stadtplaner und Verkehrswissenschaftler. Er berät unter anderem Städte, Verkehrsverbünde und Ministerien. SWR -

Herr Professor Monheim, ist die VVS-Reform der große Durchbruch, wenn es weg vom Auto hin zum ÖPNV gehen soll?

Es ist ein kleiner Schritt. Bisher gab es das berühmte Tarifwirrwarr: Viele Leute wurden aus Unwissen zu Schwarzfahrern, weil sie mit den Automaten gekämpft haben und in den komplizierten Zonen- und Wabensystemen nicht klargekommen sind. Deswegen ist es sicher gut, dass das vereinfacht wurde und es ist auch gut, dass das Fahren mit Bussen und Bahnen in der Region Stuttgart nun etwas preiswerter geworden ist. Aber wir sind weit davon entfernt, sowas wie ein Bürgerticket oder ein Ein-Euro-Ticket nach Wiener Vorbild einzuführen.

Auch bringt das nur bedingt etwas, weil der Autoverkehr ja nicht nur auf Busse und Bahnen verlagert werden soll, sondern natürlich muss ein Fuß- und Radverkehr auch eine Menge zur Verkehrswende beitragen. Und diese profitieren von der jetzigen VVS-Tarifreform erst einmal gar nicht.

Stuttgart ist nicht die typische Fahrradstadt. Das liegt auch an der Kessellage. Da ist Radfahren für viele zu anstrengend.

Kessel hin, Kessel her: Das Pedelec macht alle Berge flach. Fahrrad ist heute etwas ganz anderes als früher. Wir haben viereinhalb Millionen Pedelecs inzwischen in Deutschland. Jedes Jahr kommen eine Million dazu. 99 Prozent aller Elektrofahrzeuge in Deutschland sind Pedelecs, da steckt also eine ganze Menge Musik drin.

Aber der Antrieb ist nur ein Thema, ich brauche auch sichere Verkehrswege. Wir haben viel zu viele und viel zu breite Kfz-Verkehrsstraßen und viel zu wenig sichere Radverkehrsinfrastruktur. Da muss eine Menge geschehen. Ich denke, es gibt ganz einfache Mittel, wie man ohne großen Bagger und ohne große Umbautätigkeit für den Radverkehr viel tun kann: Ich würde sagen, in der Region Stuttgart brauchen wir wirklich Tausende von Fahrradstraßen. So eine Fahrradstraße erklärt die Fahrbahn zum Radweg und dann dürfen die Radfahrer nebeneinanderfahren, im Pulk und im Rudel radeln.

Bedeutet das ein absolutes Aus fürs Auto in der Innenstadt?

In der Fahrradstraße ist das Auto weiter zugelassen. Es muss sich gut benehmen. Es ist Gast und Gäste sollten sich immer gut benehmen. Also, es dreht die Prioritäten um – und ohne Umkehr der Prioritäten kommen wir aus dem Stau nicht heraus und ohne aus dem Stau herauszukommen, wird Stuttgart nie die Stadt der guten Luft und der gesunden Lebensbedingungen.

Was ist mit den Fußgängern?

Der Fußgängerverkehr wird bislang total unterschätzt. Wir brauchen eine Fußverkehrsstrategie und in einer Fußverkehrsstrategie muss es vielmehr Querungsmöglichkeiten geben. Wir brauchen eine Renaissance des Zebrastreifens und wir brauchen sehr viel mehr Verkehrsberuhigung.

Wie weit ist der Ausbau von mehr Stadt- und S-Bahnen?

Der Ausbau des Schienenverkehrs ist sicherlich am Schwierigsten. Da brauchen wir Taktverdichtung und da brauchen wir die eine oder andere Streckenreaktivierung. Der Stau in Stuttgart entsteht ja nicht nur in der Kernstadt, der entsteht im Umland, also ist das nicht nur für die Stadt Stuttgart zu lösen, sondern als abgestimmte Strategie für die Metropolregion mit den ganz vielen Klein- und Mittelstädten.

Wie lautet Ihre Forderungen an die Politik?

Nicht nur reden, sondern tun. Das was Fridays for Future ja sehr deutlich macht: Wir haben einen Klimawandel und der Klimawandel wird nicht durch Sonntagsreden beseitigt, sondern Klimawandel wird nur durch energisches Handeln adäquat angegangen.

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