Interview mit Sozialarbeiterin zu "Paradise"-Prozess "Ein Urteil, das Rechtsgeschichte schreibt"

Die Stuttgarter Sozialarbeiterin Sabine Constabel setzt sich seit 25 Jahren für Prostituierte ein. Sie erhofft sich von dem ersten Urteil im "Paradise"-Prozess ein deutliches Signal für Bordell-Betreiber.

SWR Aktuell: Es ist nicht das erste Mal, dass ein Urteil wegen Menschenhandels und Zwangsprostitution ergeht. Warum ist der "Paradise"-Prozess anders?

Sabine Constabel: "Der Fall ist anders, weil es hier eben um Beihilfe zum Menschenhandel geht und zwar Beihilfen durch Männer, die ein Bordell führen - also durch Betreiber. Und das ist das erste Mal, dass Betreiber wegen so etwas angeklagt werden und dass es da ein Urteil geben wird. Und von daher kann man schon sagen, dass es ein Urteil sein wird, das Rechtsgeschichte schreibt."

Sabine Constabel (Foto: picture-alliance / dpa, Britta Pedersen)
Die Stuttgarter Sozialarbeiterin Sabine Constabel setzt sich für Prostituierte ein (Archiv) Britta Pedersen

Die Konstellation ist häufig so wie im "Paradise"-Prozess: Der Betreiber stellt die Räumlichkeiten, die Frauen kommen über Rockergruppen. Wird der Prozess etwas an den Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten ändern?

"Das hoffen wir sehr. Wir sehen in allen großen Häusern das gleiche Problem: Dass die Betreiber ein sehr hohes Interesse daran haben, dass der Freier, wenn er ins Haus kommt, genügend Frauen vorfindet. Denn sonst verdient er nichts. Und jetzt ist es gelungen, in diesem 'Paradise'-Verfahren die Verbindung zwischen den Betreibern und den Zuhältern und den Menschenhändlern offenzulegen und zu zeigen, inwieweit diese zusammenarbeiten, damit Frauen in ihren Häusern sind. Und das ist eine ganz, ganz wichtige Geschichte. Denn jetzt können alle Betreiber davon ausgehen, dass sie in Haftung genommen werden über die Umstände, die die Frauen in ihre Prostitutions-Objekte bringen."

Erwarten Sie jetzt Folgeprozesse?

"Wenn man gesehen hat, wie lange dieses Ermittlungsverfahren gedauert hat und mit welcher Beharrlichkeit die Behörden dabeigeblieben sind, dann glaube ich nicht, dass es sehr schnell neue Verfahren geben wird. Aber die Betreiber werden sicherlich verstärkt unter der Beobachtung der Polizeibehörden stehen. Und das tut ihnen gut."

Der Prozess gegen "Paradise"-Betreiber Jürgen Rudloff geht im nächsten Jahr weiter. Das Urteil gegen seinen geständigen Mitgeschäftsführer wird am Freitagnachmittag gesprochen. Wie müsste es ausfallen, damit es als Signal ankommt?

"Es müsste deutlich gemacht werden, dass Betreiber dafür haften, wenn sie denn wissen und wenn sie daran mitwirken, dass Frauen in ihrem Bordell arbeiten. Dass sie sich nicht mehr damit herausreden können: Ich stelle ja nur die Räume zur Verfügung und meine Verantwortung ist es, dass der Sanitärbereich gut ausgestattet ist. Nein! Sie haben auch dafür Verantwortung, unter welchen Bedingungen und mit welcher Gewalt und wie verbrecherisch die Frauen ihren Häusern zugeführt werden. Da wünsche ich mir eine ganz klare Aussage des Gerichts."

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