Protest gegen S21 bei Montagsdemo (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Christoph Schmidt/dpa)

Seit 2009 Bürgerprotest am Stuttgarter Hauptbahnhof Zehn Jahre "Montagsdemo" gegen S21

An der ersten "Montagsdemo" im Jahr 2009 nahmen vier Protestierende teil. Zehn Jahre später kamen am Montagabend nach Veranstalterangaben etwa 2.000 Menschen an den Stuttgarter Hauptbahnhof. Laut Polizei waren es weniger.

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19:30 Uhr
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SWR Fernsehen BW

Die Teilnehmerzahlen bei den "Montagsdemos" dümpeln im zehnten Jahr des Protestes eher vor sich hin. Die Symbolkraft der "Montagsdemonstrationen" gegen S21 ist jedoch ungebrochen hoch: Der Protest gegen das Projekt und seine Ausgestaltung ist vorhanden - und wird wohl auch nicht so schnell abebben.

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484. "Montagsdemo"

Gründe dafür gibt es aus Sicht der Gegner genug, vor allem die stetig wachsende Kostensteigerung und die fragwürdige Kapazität des neuen Bahnhofs. Sie rufen daher die Gegner des Bahnprojekts zur "Jubiläums-Demo" auf. Am Montagabend kamen laut Veranstalter etwa 2.000 Menschen. Der Polizei zufolge waren es mehrere hundert Teilnehmer. In der jüngeren Vergangenheit war die Zahl der "Montagsdemonstranten" eher überschaubar.

Zäher Protest

Dennoch erklärte Hannes Rockenbauch, Stadtrat für SÖS im Stuttgarter Gemeinderat, Fraktionsvorsitzender und einer der Mitbegründer der "Montagsdemonstrationen", dem SWR: "Wir haben haben eine große Zukunft als Bewegung, die über den Bahnhof hinaus eine wichtige Bedeutung hat." Der Zählung nach ist es die 484. "Montagsdemo". Derartig lang anhaltende Proteste sind in Deutschland rar.

Vor der ersten Demo

Seit 1985 war durch einen Beschluss des Bundeskabinetts klar: Die Bahnstrecke Stuttgart-Ulm soll verbessert werden, sieben Jahre später war auch der unterirdische Bahnhof in Stuttgart Teil des Konzepts, das der Bund unterstützte. Es folgte die Vereinbarung zur Finanzierung des Verkehrsprojekts zwischen dem Bund, der Stadt Stuttgart und der Deutschen Bahn. Geschätzte Kosten damals: 4,89 Milliarden Deutsche Mark; das entspricht weniger als 2,5 Milliarden Euro.

Protestschild "ScheisS21 Widerstandshauptstadt" (Foto: SWR, Franziska Kraufmann)
... ein anderes Protestplakat in Form eines Ortsschildes wies Stuttgart als "Widerstandshauptstadt" aus und machte aus S21 "ScheisS21" ... Franziska Kraufmann

Gründung des Aktionsbündnisses gegen S21

Es folgten öffentliche Erörtertungen der Baupläne und der Planfeststellungsbeschluss. 2006 lehnte der Verwaltungsgerichtshof eine Klage gegen Stuttgart 21 und für die Variante Kopfbahnhof ab. 2007 gründete sich das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 und für den oberirdischen Bahnhof. Ein Bürgerbegehren in Stuttgart zum Ausstieg aus Stuttgart 21 wird abgelehnt. 2008 wird eine Kostensteigerung für das Projekt auf nunmehr etwa drei Milliarden Euro bekannt.

26. September 2009: Erste "Montagsdemo"

Die erste von mehreren hundert Demonstrationen gegen das umstrittenen Bauprojekt wird mit einem kleinen Häuflein Protestierender abgehalten. Doch nachdem die Kostensteigerung auf über vier Milliarden Euro bekannt geworden und der offizielle Baubeginn 2010 erfolgt ist, nimmt der Protest zu und gipfelt erstmals in der Besetzung des Nordflügels des Hauptbahnhofs, der abgerissen werden soll. Im Anschluss an die "Montagsdemo" Mitte August 2010, beim sogenannten Schwabenstreich, überwinden Projektgegner den Bauzaun und besetzen kurzzeitig den Platz vor dem Nordflügel. Der Protest endet friedlich.

Demo gegen Stuttgart21 (Foto: SWR)
Demo gegen Stuttgart21

"Schwarzer Donnerstag"

Nicht so am 30. September 2010. Nach monatelangen, friedlichen Protestaktionen wie "Montagsdemonstration" und Menschenketten setzt die Polizei Schlagstöcke, Reizgas und Wasserwerfer zur Räumung des Stuttgarter Schlossparks gegen Demonstranten ein, die gegen die geplanten Baumfällarbeiten protestieren. Es gibt Verletzte unter den Demonstranten. Der Einsatz hat ein gerichtliches Nachspiel und geht als "Schwarzer Donnerstag" in die Geschichte von Stuttgart 21 ein.

Zehntausende Demonstranten

In den Tagen nach dem "Schwarzen Donnerstag" gehen zwischen 50.000 und 100.000 Menschen auf die Straße, um gegen den Polizeieinsatz zu demonstrieren. In der sogenannten Schlichtung verhandeln Gegner und Befürworter des Bahnprojekts mit dem CDU-Politiker Heiner Geißler als Schlichter. Das Ergebnis: es soll weiter gebaut werden. Doch 40.000 Demonstranten gehen auf die Straßen, um den Weiterbau des Projekts zu stoppen.

250. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 im Jahr 2014 (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Unzählige Menschen demonstrierten (und demonstrieren zum Teil heute noch) gegen Stuttgart 21. Hier ein Bild der 250. Montagsdemo im Jahr 2014. Picture Alliance

Volksabstimmung

In einer Volksabstimmung über den Ausstieg des Landes aus der Finanzierung des Bahnprojekts spricht sich 2011 die Mehrheit der Wähler dagegen aus. Das Projekt wird weiter gebaut. 2012 werden trotz Protesten weitere Bäume im Schlosspark gefällt, der Südflügel des Hauptbahnhofs abgerissen. Zur 150. "Montagsdemo" am Hauptbahnhof kommen 2012 3.400 Menschen, zur 250. Demo auch Prominente wie der Schauspieler Walter Sittler und der Regisseur Volker Lösch.

Protest bei 484. "Montagsdemo"

Regisseur Lösch wird auch bei der aktuellen "Montagsdemonstration" am Hauptbahnhof erwartet. "10 Jahre Montagsdemo" werden nicht nur hier, sondern auch am 8. Oktober im Theaterhaus Stuttgart gefeiert. Die Kosten von Stuttgart 21 werden inzwischen mit rund 8,2 Milliarden Euro beziffert. Die Eröffnung des unterirdischen Bahnhofs ist auf Ende 2025 verschoben worden. Bis dahin könnte wohl auch die Dauermahnwache der S21-Gegner am Bahnhof anhalten.

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