50 Jahre Björn-Steiger-Stiftung "Der Rettungsdienst ist in weiten Teilen Deutschlands kollabiert"

Die Björn-Steiger-Stiftung aus Winnenden sorgte einst für die deutschlandweite Einführung der Notrufnummern 110 und 112. Anlässlich des 50. Geburtstags der Stiftung schlägt ihr Präsident Alarm.

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Pierre-Enric Steiger ist Präsident der Björn-Steiger-Stiftung, die nach seinem Bruder benannt ist. Björn Steiger war 1969 nach einem Verkehrsunfall gestorben. Es hatte damals fast eine Stunde gedauert, bis ein Rettungswagen anrückte. Die daraufhin gegründete Stiftung mit Sitz in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) sorgte maßgeblich für die Einführung der Nummern 110 und 112. Am Sonntag feiert die Stiftung ihr 50-jähriges Jubiläum. Doch Pierre-Enric Steiger warnt: Der Rettungsdienst in Deutschland muss dringend reformiert werden.

SWR: Notrufsäulen, Rettungswagen, Rettungshubschrauber – da könnte man der Björn-Steiger-Stiftung doch einfach zum 50. Geburtstag gratulieren und sagen: Wir stehen doch gut da! Oder etwa nicht?

Pierre-Enric Steiger: Das war unsere Hoffnung, und wir standen auch viele Jahre sehr gut da. Aber die Wahrheit ist: Der Rettungsdienst steht nicht vor dem Kollaps, er ist in weiten Teilen der Republik, vor allem hier im Land, eigentlich schon kollabiert und keiner hat's gemerkt. Das liegt daran, dass viele Entscheidungen zur Veränderung des Rettungswesens viel zu spät getroffen worden sind. Da sind andere europäische Länder sehr viel weiter, weil sich einfach sehr viel verändert hat.

Das beginnt mit dem Notrufverhalten der Bevölkerung. Wir haben in den letzten acht Jahren eine Verdopplung der Notrufe gehabt. Man ruft heute tatsächlich auch wegen Kopfschmerzen die Notrufnummer an. Das hat es früher so nicht gegeben. Dadurch haben sich auch die Einsatzzahlen deutlich erhöht. Aufgrund der Aufgabenvielfalt heute gibt es zu wenig Personal und dadurch ist der Rettungsdienst bei weitem nicht auf dem Level, auf dem er sein könnte. Hier ist die Politik in der Verantwortung.

Was erwarten Sie konkret von der Politik?

Das schnellste, was man machen könnte, wäre die strukturierte Notrufabfrage in allen Leitstellen einzuführen. Das gibt es im europäischen Ausland, aber nur in ganz wenigen Leitstellen hier in Deutschland. Damit gäbe es wenigstens in der Notrufabfrage eine gleichbleibende Qualität. Aber heute ist es so: Es ist ein Unterschied, ob sie in Konstanz oder in Cottbus oder sonstwo einen Notfall haben. Das kann unserer Ansicht nach nicht sein, dass die Qualität orts- und uhrzeitabhängig ist. Man hat doch den Anspruch und die Erwartung, dass es überall gleich ist. Dafür müssen die Standards vereinheitlicht werden und da ist die Politik gefordert.

Was machen andere Länder besser als wir?

Österreich hat in der vergangenen Woche einmal präsentiert, wie sie es machen, und das war fast schockierend. Die haben teilweise die Leitstellen ins Home Office verbannt, weil sie sagen: Wir brauchen gar nicht so viele Bildschirme, es reicht ein einfaches Tablet. Sie betrachen sich als Service-Dienstleister. Das heißt, nicht der Anrufer muss entscheiden, ob das jetzt ein Notruf ist oder welche Nummer er wählen muss. Sondern Österreich hat für alle Anliegen eine Telefonnummer und die entscheiden, ob das ein Notruf ist oder ob sie den Anrufer zum Hausarzt oder woanders hin schicken. Damit haben die allein im ersten Jahr die Zahl der Rettungwageneinsätze um 40 Prozent reduziert.

Das ist ein ganz anderer Denkansatz und ein Schritt, den man sich definitiv auch in Deutschland überlegen müsste. Wir haben in Deutschland zum Beispiel auch die 116117 von der Kassenärztlichen Vereinigung – die Nummer kennt fast keiner. Wir haben hier einen Nummernsalat. Deshalb ist der Weg von Österreich sehr hilfreich. Die Qualität ist gestiegen, ohne, dass am Personal etwas geändert werden musste.

Wenn Sie zum 50. Geburtstag der Björn-Steiger-Stiftung einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Den Abbau der Bürokratie und das Einstellen der Kirchturmpolitik. Denn dieses Kleinkarierte ist wahnsinnig hinderlich.

Das Interview führte Diana Hörger.

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