Zahlreiche Menschen nehmen an einer Demonstration der Initiative «Querdenken» auf dem Cannstatter Wasen teil.  (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Befragung der Universität Basel

Studie: Viele Corona-"Querdenker" aus Baden-Württemberg haben linksalternative Wurzeln

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Forschende haben die Unterschiede innerhalb der "Querdenken"-Bewegung untersucht. Die Anhänger in Baden-Württemberg ticken demnach ganz anders als die in Ostdeutschland.

Die Anhänger der "Querdenken"-Szene in Baden-Württemberg kommen laut Studie der Universität Basel vor allem aus zwei Milieus: Dem linksalternativen Milieu, das in der Folge der 68er-Bewegung entstand und dem anthroposophischen Milieu, zu denen etwa Waldorf-Schulen zählen.

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"Es sind viele Leute, die eher von links kommen, eher antiautoritär sind. Etwa wenn man sich die Kindererziehung anschaut", sagte der Soziologe und Studienleiter Oliver Nachtwey. Viele "Querdenker" in BW hätten auch wenig Probleme mit Migranten und seien eher kosmopolitisch. Individualität und Naturverbundenheit seien starke Bezugspunkte, so die Studie.

Nur eine schwache Verbindung erkennen die Forschenden zwischen "Querdenkern" und dem christlich-evangelikalen Milieu in Baden-Württemberg. So gut wie gar keinen Zusammenhang gebe es zu der Protestbewegung gegen das Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21".

Viele "Querdenker" wählten früher Grün

Nachtwey und seine Kolleginnen und Kollegen von der Universität Basel stützen ihre Erkenntnisse auf einer nicht-repräsentativen Umfrage unter Anhängern der Bewegung. 30 Prozent der Befragten gaben demnach an, früher die Grünen gewählt zu haben - viele sogar noch bei der Bundestagswahl 2017. Anders in Ostdeutschland: Hier seien die Proteste der "Querdenken"-Szene deutlich stärker von der extremen Rechten geprägt und trügen weniger esoterische Züge, heißt es in der Studie.

Zunehmende Radikalisierung auch in BW

Inzwischen hätten sich aber auch viele Anhänger der "Querdenken"-Bewegung in Baden-Württemberg von den Kerninstitutionen der liberalen Demokratie entfremdet. Sie wählten heute die AfD oder gar nicht mehr. 

"Die "Querdenker" stellen sich als kritische Experten und heroische Widerstandskämpfer dar", so die an der Studie beteiligte Soziologin Nadine Frei. Sie verstünden sich als wahre Verteidiger von Demokratie und Freiheit und als Teil eines "Kerns der Eingeweihten". Als Eingeweihte glaubten sie, über ein höheres Wissen zu verfügen und die wirklichen Beweggründe der staatlichen Maßnahmen zu kennen.

Wie aussagekräftig ist die Studie?

Die Soziologen der Universität Basel haben die Studie im Auftrag der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung durchgeführt. Dafür bewegten sie 1.150 Mitglieder von Telegram-Gruppen der "Querdenken"-Szene zum Ausfüllen eines Fragebogens. Man habe eher Vernünftige erreicht und keine harten Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger, räumt Wissenschaftler Oliver Nachtwey ein. Es handle sich daher nicht um eine repräsentative Befragung, aber man habe dennoch zielgenaue Erkenntnisse gewonnen.

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