Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch ein Seniorenheim.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sina Schuldt)

Mehr Pflegebedürftige, fehlendes Fachpersonal

Barmer-Studie: Situation in der Altenpflege in BW wird sich zuspitzen

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Die Situation in der Altenpflege in BW spitzt sich zu: Menschen werden älter und müssen betreut werden. Gleichzeitig fehlt Personal. Die Herausforderung sei groß, so die Krankenkasse.

Die Situation in der Altenpflege in Baden-Württemberg wird nach einer Prognose der Krankenkasse Barmer brisanter als bisher angenommen. Bis zum Jahr 2030 werden demnach 710.000 Menschen auf entsprechende Hilfe angewiesen sein, wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Pflegereport der Krankenkasse hervorgeht. Das seien über ein Fünftel mehr Menschen, die dann Hilfe benötigten als bislang angenommen. Doch das ist nur der eine Teil des Problems. Denn es fehlt auch an Fachkräften.

Tausende Fachkräfte fehlen in der Pflege

Mehr Menschen, die gepflegt werden müssen, brauchen auch mehr Pflegepersonal. Und das ist nicht vorhanden. Die Krankenkasse kommt in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass bis 2030 in Baden-Württemberg 4.000 zusätzliche Pflegekräfte gebraucht werden. Als Grund für diese Entwicklung führt die Krankenkasse in ihrer Studie vor allem die demografische Entwicklung an. Die Studie wurde von Wissenschaftlern der Universität Bremen erstellt.

Barmer-Landeschef: Ampelkoalition muss handeln

Deshalb kommt der Barmer-Landesgeschäftsführer Winfried Plötze zu dem Schluss, dass sich die Situation in der Pflege verschärfen wird. Er nimmt SPD, Grüne und FDP in der Ampelkoalition in die Pflicht und fordert das Thema 'Pflege' zur Chefsache zu machen. Eine bisher unterschätzte Zahl an Pflegebedürftigen und benötigten Pflegekräften treffe auf eine Branche, die bereits jetzt mit Personalmangel, Arbeitsverdichtung und einer hohen gesundheitlichen Belastung der Beschäftigten zu kämpfen habe. Um Pflegekräfte zu halten und neue zu gewinnen, sei es notwendig, die Gesundheit von Altenpflegern zu fördern, so Plötze. Er sieht die Aufgabe der Politik darin, den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Der Krankenkassen-Chef nimmt aber auch die Pflegeeinrichtungen in die Pflicht. Auch sie müssten mehr Eigeninitiative ergreifen und ihren Teil dazu beitragen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und für die Branche werben.

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Beruf der Altenpflege muss attraktiver werden

Der Vorstand des Caritasverbandes Konstanz, Andreas Hoffmann, sieht nicht nur das Imageproblem des Pflegeberufs als Problem. Er fordert, den Alltag der Pflegekräfte zu erleichtern. Das sei mindestens so wichtig wie ein fairer Lohn. In den Caritas-Einrichtungen in Konstanz gebe es unter anderem eine Kinderbetreuung, die Beschäftigten könnten ihre Wäsche bei der Caritas waschen lassen und Essen mit nach Hause nehmen. "Die Generationen X und Z ticken anders. Die Auszubildenden brauchen eine intensive Begleitung, die über das Berufliche hinausgeht", sagte Hoffmann.

Pflegekräfte haben mehr Krankheitstage als der landesweite Durchschnitt

Für die Arbeitskräfte in der Altenpflege ist ihre Tätigkeit eine starke Belastung. Nach Angaben von Plötze waren im Jahr 2020 die Mitarbeiter 26,6 Tage krankgeschrieben. Das sind 11,5 Tage länger als im landesweiten Durchschnitt. Der hohe Krankenstand von 7,3 Prozent (Landesdurchschnitt: 4,1 Prozent) erhöhe die Arbeitsbelastung für die verbliebenen Pflegekräfte. Notwendig seien bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege, so auch die Forderung des Krankenkassen-Vertreters.

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Lösen Pflegekräfte aus dem Ausland das Problem?

Das Anwerben von Pflegekräften aus dem Ausland sei keine Lösung, um die Personallücke zu schließen, betonten Caritas-Vorstand Hoffmann und Barmer-Landesgeschäftsführer Plötze. Der Pflegebedarf steige auch in anderen Ländern. "In 20 Jahren werden wir mit China um Pflegekräfte konkurrieren", sagte Plötze. Laut Hoffmann rekrutiert die Caritas in Konstanz keine Pflegekräfte mehr aus anderen Ländern. Kosten und Aufwand seien hoch, der Erfolg gering. "Die Sprachbarrieren sind enorm und viele bekommen Heimweh." Ohne Integrationsprogramm seien diese Mitarbeiter nicht zu halten.

Steigende Kosten für Pflegebedürftige in BW

Barmer-Chef Plötze sorgt sich auch wegen der seit Jahren steigenden finanziellen Eigenanteile der Pflegebedürftigen. Dies sei eine gewaltige Herausforderung. Um einen Platz in einem baden-württembergischen Pflegeheim zu finanzieren, müssen die Bewohner mehr Geld ausgeben. Der selbst zu zahlende Anteil betrug zu Jahresbeginn durchschnittlich 2.541 Euro, wie aus Daten des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) mit Stand 1. Januar hervorgeht. Das sind 136 Euro mehr als Anfang vergangenen Jahres.

Lucha: Land investiert bereits mehr in Medizin-Studienplätze

Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) reagierte auf die Forderungen nach mehr Fachpersonal in der Pflege. Lucha sagte, dass Land investiere bereits in mehr Medizin-Studienplätze und setze engagiert das Pflegeberufereformgesetz um. Es sieht eine generalistische Ausbildung von Pflegekräften um. Auf Grundlage der Empfehlungen der Enquetekommission Pflege würden Maßnahmen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen ergriffen, so Lucha. Als Beispiel nannte er die Teilzeitausbildungen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen sollen.

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